ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1002

Spiegel: apple made by microsoft

Guter Bericht, falsche Schlüsse

Autor: bh - Datum: 20.03.2002

Der Spiegel hat es wieder getan: sich der Mac-Szene mit einem Artikel genähert - diesmal aber gut recherchiert. Titel und Subtitel sind aber gleich wieder zum ärgern, "apple made by microsoft" ist unfaßbarer Quatsch. Der Inhalt ist besser:wie das "Macintosh Business Unit" bei Microsoft arbeitet wird erzählt, wieso dort sogar echte Freaks arbeiten und eigentlich Microsoft selbst Marktanteile abjagen - denn wer sein Office für den Mac kriegen kann, zahlt ja nichts mehr für einen Win-PC. Okay Freunde, so schön und friedlich kann die Welt sein: vergessen wir den Diebstahl eines ganzen GUI und ein paar miese Praktiken? Haben wir Mitleid mit Kevin Browne, dem Chef des MBU, den seine frühere Tätigkeit als Offizier einer Panzereinheit wohl auch den härtesten Freaks der MacMarines sympathisch machen soll. Das einzige Problem bei dieser Strategie: die MacMarines laufen ja nicht mit Luftdruckgewehren durch den Garten und finden Krieg cool. Diese Mailinglistengruppe hält viel von Rückgrat, und ob die Arbeit des MBU jetzt mehr Apple oder mehr Microsoft nutzt, ist Ansichtssache. Für Microsoft zu arbeiten, heißt immer noch Pfiffe bei MacWorld und anderen Veranstaltungen einzustecken - aber der Gehaltsscheck wird das eigene Ego schon trösten können. Und überhaupt, wer hat denn schon so ein lockeres Arbeitsklima in seiner Firma, daß auch der CEO mal auf der Bühne den Veitstanz vorzeigt? Der Spiegel-Artikel ist gut gemacht, in seiner Tendenz aber ein Aufguß der ewigen Mär, daß Apple ohne Microsoft nicht überlebt hätte. Die 150 Millionen Dollar, die MS in AAPL-Papiere investiert hat waren sicherlich eine gewisse Hilfe, aber überlebt hat Apple, weil Steve Jobs das Unternehmen wieder auf die Kernkompetenz zurückgetrimmt hat: Innovation! Sechs Millionen iMacs haben geholfen, Apple in den Schlagzeilen nicht nur der Wirtschaftszeitung zu halten und einen Polster von 4,3 Milliarden Dollar aufzubauen. Zum MBU kann man denken, was man will - verdient Bill Gates mehr an einer Windows-OEM-Lizenz oder an einem Office für Mac? 700 Euro sind kein Schmutz, und es ist das dritterfolgreichste Programm von Microsoft überhaupt. Doch selbst wenn Microsoft seine Office-Suite für MacOS X einstellen würde: es liegt nicht mehr in Microsofts Hand, ob Apple "über die Klinge springt", wie der Spiegel schreibt. Unter Steve Jobs sind wir schneller gesprungen - in Richtung eines sicheren, ausbaufähigen UNIX-Systems, das mehr Entwickler anzieht als MS User mit Office. Die Märchen vom gütigen Softwarekonzern kann ich nicht mehr hören, selbst wenn sie attraktiv klingen. In den Schweizer Kantonen, wo die Schulen mehrheitlich mit Mac arbeiten, kommt welches Office zur Anwendung? Microsoft? Aber nein, die Schweizer lassen sich doch von Bill nicht in Upgrade-Geiselhaft nehmen - das meistverwendete Programm ist AppleWorks... (danke an alle Leser, die uns auf den Artikel aufmerksam gemacht haben - teilweise bereits 8 Minuten nach Erscheinen...)

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