ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1025

FT Deutschland: nie wieder!

Ein Leser verabschiedet sich von einem Blatt...

Autor: bh - Datum: 09.01.2002

Stellt Euch vor, Ihr mach eine Stadtführung in Paris mit und der Reiseführer erzählt Euch vor dem Eiffelturm, dies sei der Schiefe Turm von Paris, an dem Galilei damals seine Fallversuche angestellt habe. Ihr seid zunächst peinlich berührt und traut Euch nicht recht, etwas zu sagen. Statt dessen schaut Ihr nur unverständlich die Mitreisenden an und erwidert deren irritiertes Lächeln und Kopfschütteln.

Auf der weiteren Tour erläutert Euch der Reiseführer die Kirchen und Bürgerhäuser und erzählt viel Neues und Wissenswertes. Plötzlich kommt Euch ein Gedanke: Wenn dieser Mensch schon vom Eiffelturm keine Ahnung hat, vielleicht versteht er dann auch von den restlichen Sehenswürdigkeiten nicht das geringste, sondern erzählt Euch nur Unsinn, ohne dass Ihr dies mangels eigenen Wissens bemerkt. Genau diese Überlegung war es, die mich heute zu dem Entschluss führte, nie wieder die Financial Times Deutschland zu lesen.

Schon häufig waren dort haarsträubende Fehlinformationen über Apple und den Macintosh zu finden und der heutige Bericht war im Grunde nur der krönende Abschluss einer langen Tradition der Inkompetenz, denn es hieß da, die Macworld SF sei eine große Enttäuschung gewesen, weil dort nur ein im Design überarbeiteter iMac vorgestellt worden sei. Das Foto im Artikel strafte die Behauptung einer bloßen "Überarbeitung" natürlich sofort Lügen, aber der G4-Prozessor oder das Superdrive wurden mit keinem Wort erwähnt.

Ich war mir nie ganz sicher, ob diese Art der Mac-Berichterstattung bloße Unkenntnis oder absichtliche Verfälschung ist, aber dachte mir, das spiele eigentlich keine Rolle, da die FTD-Leserschaft ohnehin größtenteils aus Geschäftsleuten besteht, die nicht zu Apples Zielgruppe gehören.

Heute kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich diese eklatanten Fehler ja nur deshalb entdecke, weil ich etwas vom Macintosh verstehe. Andere Leser basieren aber vielleicht ihre Investitionsentscheidungen auf solche Berichte, genau wie ich meine Aktienkäufe auf FTD-Artike über die Chemiebranche oder das Bauwesen gründe. Ich verlasse mich auf die Kompetenz der FTD, weil ich selbst nicht in jedem Bereich kompetent sein kann. Genau dies ist gerade der Sinn einer Wirtschaftszeitung.

Ist es aber dann vielleicht möglich, dass die FTD nicht nur beim Thema Apple so inkompetent, rechercheunfähig oder voreingenommen ist, sondern auch in anderen Bereichen, bei denen ich es nur nicht merke und auf diese Weise mein gutes Geld riskiere?

Eben dieses Risiko ist mir von heute an zu hoch.

Der Autor dieses Textes ist unter michael.budde@gmx.de erreichbar.

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