ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1046

Ein Fall für den Killer

Der Killer aber wiederum ein Fall für uns...

Autor: bh - Datum: 30.11.1999

Ein neuer Tag ist angebrochen und wir wollen uns wieder unserer Pflichten erinnern - nämlich in guter MacGuardians-Manier einige krumme Dinge mit geraden Worten wieder hinzubiegen. Dank unserer eifrigen Leserschaft mangelt es nie an Betätigungsfeldern, und diesmal haben wir uns http://www.silicon.de ausgesucht. Dort erschien im "silicon.de-Wochenrückblick" ein Beitrag von Achim Killer, der dem Namen des Autors unbedingt gerecht werden sollte. Betitelt mit "Loser - ein Gewinn für die IT" fegt der Beitrag durch die Computergeschichte, um nachzuweisen, daß vor allem die Looser und Nerds die Industrie weiterbringen. Looser sind bei Herrn Killer vor allem Konrad Zuse, Xerox und Apple, in der Kategorie der Nerds zieht er Linus Torvalds heran. Die Grundthese, daß vor allem die Verlierer die IT-Branche weiterbringen, ist ziemlich schwach. Was ist der Maßstab, ob jemand ein Verlierer ist? Vielleicht hat Torvalds weniger Sex als seine Freunde, aber ist menschliche Kopulation tatsächlich der Parameter? Bill Gates ist der reichste Mann der Welt, einer der mächtigsten Brillenträger des Planeten und trotzdem würde ich - niemals öffentlich - ein paar Gründe finden, wieso er ein Verlierer ist. Gut, Herr Killer scheint jedenfalls einen kapitalistischen Maßstab zu bevorzugen, denn er kapiziert sich darauf, daß Konrad Zuse mit der Maschine keinen Erfolg hatte. (Wieso bemüht er dann aber später Marx und Engels in seiner Argumentation? In diesem ideologischen Apfelmus soll sich einer auskennen.)
"Etwas leisten wollen. Erfolg haben wollen. Mit so einer Haltung kann man es im Job weit
bringen. Aber mit so einer Haltung erfindet man nicht den Computer." An diesem Haken hängt der Autor seine Argumentationskette auf - läßt dabei völlig außer Acht, wie denn die Gründungsgeschichte von Apple lief. Einer, dem Erfolg egal war (WOZ) und einer, dem Erfolg/Macht/Geld wichtig waren (STEVE) machten auf Firma und rempelten sich patzig (Welcome IBM. Seriously!) durch die Branche. Es ist für mich selbst ermüdend, aber eine kleine Aufzählung der Meriten Apples muß hier sein: diese Firma hat eine Menge Technologien vielleicht nicht erfunden - aber den Massen zugänglich gemacht. Apple brachte das GUI, die Diskette, die Maus - und in letzter Zeit mit FireWire einen ultraschnellen Anschluß, das Brennen von DVDs in Heimcomputern, Unix für jeden und immer noch die einfachste Maschine der Welt. (Abgesehen davon würde ich gerne mal damit aufräumen, daß alle GUI-Patente von Xerox gekauft waren. Das ist Schwachsinn. Xerox hatte so etwas wie den "Schreibtisch" entwickelt - und Apple machte es erst nutzbar, indem dort etwas hinzugefügt wurde, das sich "Rollbalken-Menü" nennt. Wo wäre die PC-Welt jetzt ohne diese Dinge? In ihrer finsteren, engen, kalten DOS-Shell, diese Fraggles!)
Mr. Killer zieht aber weiter und schiebt uns kalt lächelnd den Vorwurf rüber, daß Apple den Newton aufgegeben habe, bevor man damit Geld machen konnte. Mann! Endlich ein Thema, bei dem Du punkten könntest, und dann semmelst Du Deine Argumentation mit einem fetten Doppelfehler ins Netz. Apple hat den Newton in dem Jahr abgedreht, als er schwarze Zahlen schrieb - als wurde sehr wohl Geld damit gemacht. Natürlich bedauert heutzutage jeder in der community diese Entscheidung, aber wer sich an die damalige Produktpalette erinnert, wird verstehen, daß viele Maschinen sterben mußten. Wo aber ein Dutzend seltsamer Performa-Auswüchse am Straßenrand ausgesetzt wird, ist es nicht mehr verwunderlich, daß ein offenbar noch nicht ausgereiftes Gerät ebenfalls den Geiern übergeben wurde. Zu Apples Verteidigung muß man anführen, daß das Managment diese Fehler später durch die Übernahme von Palm und Handspring korrigieren wollte. Zu dumm, daß sich diese beiden Firmen nicht fressen lassen wollten.
Nebenbei spickt Achim Killer seinen Beitrag mit den gängigeren Vorurteilen über Mac-User: wir seien eine Sekte, die MacWorld unser höchstes religiöses Fest und man müsse lieb zu uns sein und auch mal was Gutes sagen über Apple. Himmel! Diese schalen Allerweltsmeinungen gibt es gebraucht um 25 Pfennig an jeder Strassenecke zu kaufen, wieso müssen wir uns das schon wieder anhören? Wird euch da drüben auf der PC-Seite diese argumentative Onanie nicht einmal langweilig? Denkt euch mal neue Bonmots über uns Obstfreunde aus, einfach mal vor jedem BSoD ein bisschen nachsinnen - Zeit genug habt ihr dann ja.
Linus Torvalds wird abschliessend von Achim Killer dann angeführt als Beweis eines Mannes, der die IT-Branche vorwärtsbringt. Keine Einwände - aber ein wenig plakativ. Genausogut könnte man Jef Raskin, Jean-Louis Gassee oder Kai Krause nennen. Es ist egal, wieviele Kinder diese Leute habe und ob sie als Looser gelten oder als Winner - das ändert sich nämlich rasch. Selbst Linus Torvalds kann das wohl bestätigen, als er zu seinem Transmeta-Abenteuer aufbrach, hätte er sich die negativen Schlagzeilen sicher nicht träumen lassen. Apple ist eine Firma, die überdurchschnittlich viel tolle Dinge in den Sand setzt. Glücklicherweise ist es aber auch eine Firma, die seit Jahrzehnten eine interessante Community auf der ganzen Welt fasziniert und inspiriert - wodurch wieder eine Menge Neues entsteht.
There will always be sceptics.
There will always be disbelievers.
And there will always be Apple to prove them wrong.
(Try typing "sys.exe", Mr. Killer.) :-)

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