ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1047

Was Steve Jobs von Gates und Dell unterscheidet

Philosophie: Tiefsinnige Erwägungen bei AppleLust.com

Autor: redakteur - Datum: 15.07.2001

Was eigentlich unterscheidet eine Firma wie Apple von ihren Konkurrenten im Software- und Hardware-Bereich? Die besseren Computer? Das elegantere und funktionellere Betriebssystem? Selbstverständlich - aber noch etwas anderes, das sich in herkömmlichen Kategorien in Bezug auf ein Wirtschaftsunternehmen kaum erfassen lässt: nämlich die Einstellung der Menschen, die hier produzieren, präsentieren und auf der anderen Seite konsumieren: die Fans. Also wir. Ich jedenfalls zähle mich dazu.

Aber was ist nun das "Besondere" oder Spezifische an den Mac-Produzenten, allen voran Steve Jobs, und seinen "Anhängern", die man nur im vulgären Sprachgebrauch als Kunden und Konsumenten titulieren würde? David Schultz in seinem interessanten Beitrag Mac Philosophy Part One: Steve Jobs' Philosophical Background meint: das Spezifische, das Proprium der Mac-Community sei der religiöse und philosophische Hintergrund, über den nicht nur der Apple-CEO verfügt, sondern auch viele der kreativen Mitarbeiter, der Mac-Publizisten (ein Beispiel für viele: Charles W. Moore von AppleLinks) sowie zahlreiche Macuser.

Kernsätze aus dem Aufsatz von Schultz: "Many behind the scenes on the Mac Web, and Apple Computer, are themselves philosophically trained or oriented towards such thinking." Dies hatte ich schon erwähnt. Bezüglich der Anwender: "Mac users say the most interesting things!" - sie halten z.B. ihren Mac "für mehr als ein Werkzeug oder einen Gebrauchsgegenstand", sie sprechen von der "persönlichen Beziehung", die sie mit ihrem Mac verbindet oder erklären ihn euphorisch zu einem "Kunstwerk". Haben Sie sich selbst wieder erkannt? Mir jedenfalls ist das aus der Seele gesprochen. Und könnte man sich vorstellen, dass ein Windows-User in dieser geradezu hymnischen Weise über seinen PC spricht? Wohl kaum.

Folgerichtig ist dann der dritte Kernsatz: "Apple is not just a company that produces just a computer, it is cultural phenomenon, and cultural phenomena are things that interest me as a philosopher." Das ist nach dem bisher Gesagten keine Überraschung mehr. Woran aber liegt es, dass man eher von einer weltweiten "Mac Community" als schlicht von Mac-Kunden oder Usern spricht, analog zum PC-Bereich? Vermutlich lieben philosophisch und auch grafisch orientierte Menschen die "Klarheit" des Mac-Systems (Hardware und Software!): alles ist wie aus einem Guss, es wirkt einheitlich, dadurch kann sich das Gefühl ergeben, man hätte in dem Mac eine Art "Person", eine eigene "Identität" oder sogar "Entität" vor sich, mit der man quasi kommunizieren kann. Das ist es wohl auch, was Umberto Eco einmal meinte, als er Apple und den Mac für "katholisch" erklärte. Was nicht heißen soll, dass Katholiken die besseren Philosophen wären!
Während diese letzten Sätze stärker meine eigene Anschauung dazu spiegeln, aber sich sicherlich im Einklang mit den Ideen von David Schultz befinden, bringt dieser nun noch den entscheidenden Aspekt ins Spiel: "The Jobs Factor".

Dieser Faktor beruht nach Schulz darauf, dass Steve Jobs 1972 auf dem Reed College, in Portland, OR, war, wo er vermutlich unter dem Einfluss religiöser und philosophischer Lehrer stand.
Ein zweiter wichtiger Impuls bei der Genese seiner persönlichen Weltanschauung war seine Indienreise gemeinsam mit seinem damaligen engen Freund und späteren Apple-Mitarbeiter Dan Kottke. Auch die Tatsache, dass Steve als Adoptivkind aufwuchs, mag auf essenzielle Weise zu seiner teils recht extremen Lebenseinstellung beigetragen haben: rigider Vegetarismus, ästhetischer Minimalismus und eine Nähe zum (Zen-) Buddhismus. Diese Tatsachen und Überlegungen zusammen führen Schultz zu seinem vierten Kernsatz: "What I am saying is that what distinguishes Jobs from Gates, Dell and the rest (all of them), is that he is the only philosopher in the bunch and this is what makes him, and Apple, different. If the others are philosophers in any remote sense, then they are bad ones. In fact, "Thinking Different" is a distinctively philosophical act, based in thinking about possibilities, and Jobs knows this." Jemand wie Michael Dell habe sicherlich niemals gedanklich mit Platon oder Nietzsche gerungen. Wenn aber Steve Jobs fordere: "Think different" (wobei dieser Slogan nicht von ihm stammt, sondern von der Werbeagentur Chiat/Day, die schon den legendären "1984"-Werbespot zur Einführung des Macintosh produziert hatte), dann meine er damit, man solle "philosophisch" denken.

David Schultz will seine interessanten Erörterungen in einem zweiten Teil fortsetzen und dabei untersuchen, in welcher Weise der philosophische Buddhismus von Steve Jobs die Produktion von Apple-Modellen wie dem iMac oder dem iBook gefördert habe. Darauf bin ich sehr gespannt - aber nehmen wir doch die Frage schon einmal in aller Kürze vorweg, inwiefern die weltanschauliche Einstellung des heutigen Apple-CEOs tatsächlich Einfluss genommen hat auf konkrete Produkte und Entwicklungsprozesse.

Dabei muss man berücksichtigen, dass Steve Jobs ein ausgesprochener Hardware-Fanatiker ist. Mit seinen extremen Anforderungen an Perfektion von Design und Technik hat er die Ingenieure oft an den Rand des Wahnsinns getrieben - und die Marktreife eines Computers mehr als einmal über das erträgliche Maß hinaus verzögert. Das war so, solange er für das "Lisa"-Projekt mitverantwortlich war, das wiederholte sich in ähnlicher Weise beim Macintosh und besonders beim "NeXT-Cube", der, als er endlich erschien, seiner Zeit in mancher Beziehung um einiges voraus war, aber so teuer geriet, dass er seine Zielgruppe kaum erreichen konnte. Dabei hatte man mit dem gleichzeitig entwickelten Betriebssystem "Nextstep" ein wirklich wegweisendes Programm vorzuweisen, das noch heute eine wichtige Rolle in Bezug auf MacOS X spielt. Aber Jobs wollte es auf keinen Fall lizenzieren und unabhängig von seiner geliebten Hardware verbreitet wissen.

Eines muss man zugeben - der 12 Zoll-"NeXT-Cube" wirkt in der Tat wie ein philosophisches Produkt: ein schwarzer Block, ohne überflüssige Verzierungen, reine Funktionalität ausstrahlend und dabei existenzialistisch anmutend - eine Abbildung davon gibt es zum Beispiel in dem sehr empfehlenswerten Buch "Apple Confidential" auf Seite 168. Vielleicht sollte er auch an den Ehrfurcht einflößenden schwarzen Monolithen aus Stanley Kubricks Science-Fiction-Epos "2001 - Odyssee im Weltraum" gemahnen, der die Menschheit zu neuen Erkenntnissprüngen im Weltall führte. Das gleiche minimalistische Prinzip kehrte dann im Apple Cube wieder, nicht mehr existenzialistisch schwarz, sondern im zeitgemäßeren Silber-Edellook. Das Fehlen des Lüfters unterstreicht auch hier: nicht mehr wahrnehmbare Technik als unbedingt nötig. Nichts soll die "Meditation" vor dem Computer als Kunstwerk und Ausdruck von îdifferentemî Lifestyle stören.

Nächste Woche (MacWorld Expo) werden wir (trotz der gegenwärtigen Zweifel - something îthrillingî wird kommen!) erleben, wie Steve Jobs seiner "Community", die wieder einmal atemlos vor Spannung an seinen Lippen hängen wird, erneut mit seiner Philosophie konfrontiert und aus seinem asketischen Habitus heraus (denn anders kann man das Auftreten eines zigfachen Millionärs und Vorstandsvorsitzenden eines nicht ganz unbedeutenden Wirtschaftsunternehmens in Jeans und Rolli vor der ÷ffentlichkeit und einem wichtigen Teil seiner Aktionäre kaum bezeichnen) einmal mehr die wahren Werte der îreinenî Computerwelt verkündet: Computer und Programme, die wirklich Spaß machen und schon deswegen mehr sind als die bloßen "Arbeitstiere" und Rechenknechte der Wintel-Fraktion. Und wie in der festliegenden religiösen Liturgie eines antiken Mysteriendramas wird er, vorgeblich schon im Gehen, noch einmal innehalten und seiner erwartungsvollen Gemeinde mitteilen: "Oh, one more thing" und die Versammlung zu ihrem eigentlichen Höhepunkt treiben. Wir, die gläubigen MacFreaks, live in New York oder zu Hause vor dem Mac-Bildschirm, werden ihm höchstwahrscheinlich begeistert jubilieren und einstimmen, wenn es wieder heißt: îInsanely great!î. So wird es wohl sein.... Hörte ich da einen lästerlichen Einwand?!

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