ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1063

Eminem: Think different?

Eine unautorisierte Phantasie

Autor: bh - Datum: 30.11.1999

von Thomas Hartmann

Apple hat seine von Chiat/Day ("1984") entwickelte ÑThink differentì-Kampagne bekanntlich eingestellt. Dabei war sie sehr erfolgreich. Und so viele nette Leute wurden da auf riesigen Bannern unter dem Apple-Logo gezeigt: Albert Einstein zum Beispiel. Picasso. Der unsterbliche John Lennon ("Imagine"). Letzterer immerhin ein Sänger. Aber wie passt da ausgerechnet der Hard-Rapper Eminem hinein? Eminem singt gegen Frauen, heißt es (stimmt auch). Eminem singt gegen Schwule, heißt es (stimmt auch). Seltsam nur: die Frauen wollen mit ihm singen, sogar die ganz berühmten. Melanie C. etwa. Madonna findet ihn immer noch weitaus besser als den neuen US-Präsidenten George W. Bush. Und die schwulen Männer wollen nicht nur, sie singen sogar mit ihm. Ausgerechnet die Pop-Ikone Elton John (der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt) performte mit Eminem auf großer Bühne dessen Erfolgssong "Stan", wobei John am Klavier saß und den Part von Newcomerin Dido (übrigens eine fantastisch singende Frau, die Eminem "entdeckt" hat) übernahm. Und zu guter Letzt, horribile dictu, umarmten Elton und Eminem sich gar. Ist Eminem nachher doch ein Gutmensch?

Eminem ist auf seine Weise mit diesem eindringlichen, fast hypnotischen Singsang ein großer Künstler, heißt es (stimmt auch). Jedenfalls ist er unglaublich populär, nicht nur bei den jungen Leuten, sondern sogar bei denen, die er beschimpft und die ihn doch hassen müssten. Vielleicht haben die einfach verstanden, dass es bei Eminem ähnlich ist wie bei bestimmten künstlerischen Grundformen am Anfang des letzten Jahrhunderts: Dadaismus, Surrealismus. Bürgerschreck, shocking. Jedenfalls aufrüttelnd, auf intensive Weise verdrängte Lebensaspekte bewusst machend. Natürlich ist Eminem kein Intellektueller wie die Gallionsfiguren der damaligen Kunstszene-Bewegung, Marcel Duchamp (ÑReady-madesì) und AndrÈ Breton (ÑLe cadavre exquisì). Er kommt von der Straße, und so singt er auch und spricht vor allem deren Sprache. Aber die durchaus artifizielle Art, wie er das macht, erhebt die Slumsprache zu einer Art proletarischer Kunstform.

Eins ist klar: eine neue ÑThink differentì-Kampagne mit harten Kerlen wie Eminem hätte einen ähnlichen Effekt wie in den Neunzigern die provozierende Werbung von Benetton. Man schaut hin, man ist entsetzt, aber: man diskutiert. Und man kauft eventuell das Produkt. Ist denn alles erlaubt?

Zumal Eminem sich vor Gericht verantworten muss unter anderem wegen unerlaubten Waffenbesitzes und einer Schlägerei. Kann schon sein, dass er in den Knast wandert. Think different? Wie gesagt: Eine unautorisierte Phanatasie!

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