ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1073

Hofberichterstattung

von Thorsten Scheffner

Autor: bh - Datum: 04.11.2000

Mit der üblichen Verspätung, welche die Datierung der Hefte erst recht zum Hohn werden lässt, haben sich nun auch die Großen der deutschen Mac-Berichterstattung dem Thema Quartalszahlen gewidmet. Endlich Gelegenheit, die Ergebnisse noch einmal in Ruhe Revue passieren und sich die Tatsachen von den Redakteuren erklären zu lassen.

Die Macwelt hat diesmal die Reise zum Abonenten gewonnen und erklärt auf Seite 9: "[...] der Gewinn mit 170 Millionen US-Dollar [...] [ist] beachtlich. Rechnet man jedoch aus dem Gewinn Apples Aktienverkäufe heraus, blieb er mit 108 Millionen US-Dollar gegenüber 111 Millionen, die ebenfalls Sondereinnahmen beinhalten, nahezu konstant." Ah ja, also wir rechnen erstmal aus dem aktuellen Gewinn die Aktienverkäufe heraus, um ihn dann mit dem Gewinn des Quartals 4/99 zu vergleichen, in dem man aber die Sondereinnahmen belässt. Interessant. Ist das nur eine Macwelt-Berechnung oder dient sie in Bayern generell um die Überlegenheit von CSU-Regierungen zu belegen?

Also suchen wir unser Heil in der Hamburger MacUp. Hier darf uns zunächst Stephan Selle darauf hinweisen, dass wir doch immer nur übertreiben: "Aber wie immer reden wir kaum über Absatzprobleme oder Preise: Das Problem ist bei dieser Firma immer der Chef. Jobs verkauft Macs nur an die geduldige Stammkundschaft, verpennt den Server- und PDA-Markt, hat keine Strategie im Bereich Dienstleistungen [...]. Mal abgesehen davon, dass die Kursverluste, die einige der Großen der Branche einzustecken haben, in keinem Verhältnis zu den ausgegebenen Gewinnwarnungen stehen [...], bleiben Apple-Krisen so, wie sie immer waren: Wir reden nicht von Verlusten, wir reden vom Untergang; wir reden nicht von technischen Umgebungen, sondern von persönlichem Versagen."

Endlich spricht es mal einer aus: Wer ist denn auch dieser Jobs - hat den jemand schon mal bei einer Messe gesehen? Hat er schon mal richtungsweisende Reden gehalten? Oder gar Einfluss auf Wohl und Wehe von Produkten gehabt? Und wer kann behaupten, dass Apple vom Untergang bedroht ist, wenn man doch einen stabilen einstelligen Anteil am Gesamtmarkt hält? Wie sagt Stephan so schön: If you can't stand the heat, stay out of the kitchen.

Aber da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, wird im zugehörigen Artikel auf Seite 10 noch eine Grafik der Umsätze der letzten zwölf Quartale präsentiert.

Schaut man da schnell drauf, erscheint Apples Bilanz wirklich eindrucksvoll - geht man nach Höhe der Säulen, hat Apple im aktuellen Quartal (im Vergleich zum Quartal 4/99) gut das dreizehnfache umgesetzt. Schade eigentlich - denn wenn man die Auszeichnung der y-Achse betrachtet, bemerkt man, dass der Redakteur nur die Summen über 1,25 Mrd. US-Dollar für die Grafik herangezogen hat. Tatsächlich ist der Umsatz "nur" ca. 40% gestiegen. Das ist den Weltökonomen wohl zu lausig gewesen. Es stellt sich aber die Frage, ob es weiterhilft, wenn man die Zahlen so verbiegt, wie es einem gefällt.

Interessant auch andere Artikel: So testen beide Zeitschriften Grafikkarten. Da stellt die Macwelt fest, dass "im 2D-Bereich die 3dfx-Karte [Voodoo Mac 5500] [...] in allen Belangen [...] hinter die als veraltet geltende ATI Rage 128 Pro zurück[fällt]." Die MacUp bewertet dagegen die 2D-Performance derselben Karte mit "gut". Na, wenn das keine Einkaufshilfe ist ...

Aber die bekannten "gut unterrichteten Kreise" berichten ja schon seit einiger Zeit, dass sich manche Redakteure bei der Erstellung der Testergebnisse gern von den Herstellern unterstützen lassen. Kleiner Hinweis an die zuständigen Rechtsabteilungen: Bei mir ist nix zu holen! Abmahnung lohnt nicht. Ich werde es auch in Zukunft nicht mehr verraten!!

Wer aber ein oder gar mehrere Abo(s) besitzt, sollte vielleicht darüber nachdenken, ob die DM 222,00, die man in diese Zeitschriften investiert, nicht besser in Online-Kosten anlegt: MacGuardians, macnews.de und MacGadget informieren kostenlos, aktueller und analysieren bzw. testen auf alle Fälle nicht schlechter.

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