ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1076

Meine Sonntagslektüre

von Dirk Kirchberg

Autor: bh - Datum: 02.10.2000

Der Sonntag ist der Tag in der Woche für mich, an dem ich alle Zeitungen, die in der Woche liegen geblieben sind, lese. Bei der Welt am Sonntag angekommen, entdecke ich einen Kommentar, der die jüngste Apple-Krise thematisiert. Doch anstatt mit dem medienüblichen "Ich habe es ja immer gewußt" auf das Unternehmen aus Cupertino einzuprügeln, klingt Matthias Wulffs Bilanz, so der Name des Autors, wie die eines Macianers. Apple hätte vor der Rückkehr von Steve Jobs schon einmal vor dem Untergang gestanden. Aber anstatt panisch alle Aktien zu verkaufen, haben die Macianer ihre Aktien gehalten und sind für ihre Entschlossenheit und Überzeugung belohnt worden. Das Applepapier stieg in unvorstellbare Höhen auf. Plötzlich war Apple wieder in und cool, um Szeneworte zu benutzen. Apple steht mit seinen bunten Computern nicht für triste Arbeit, sondern für Spaß. "Er ist und bleibt sexy. Da stört auch kein schwaches Quartal." Herr Wulff, ich danke Ihnen für diese Durchsicht. Ich bin eh der Meinung, daß lediglich die Spekulanten ihre Anteile des Apfels verkauft haben. Die wirklichen Macianer werden auch dieses Mal ihre Aktien gehalten haben. Denn es stimmt: Totgesagte leben länger.

Aber wer nun denkt, meine Lektüre wäre damit schon beendet gewesen, der irrt gewaltig. Nach der Welt nahm ich mir die Bild am Sonntag vor. Ich gebe es zu, ich habe sie gelesen, zumindest teilweise. Und was mußte ich da lesen? "Wie tief ist der Wurm drin?" Ich habe keine Ahnung, aber die Bild hat mit Sicherheit absolut keinen Schimmer. Aber in dieser Postille fand ich den schon früher erwähnten "Wir haben es ja immer gewußt"-Tenor. Ich zitiere: "Denn was Branchenkenner schon länger ahnten, ist jetzt offensichtlich: In den bunten Apfel-PCs ist der Wurm drin. Wolfgang Leierseder vom Fachmagazin "ComputerPartner": "Die Apples sind zu teuer, ihre Technik ist trotz des schicken Designs veraltet." Bleibt ruhig, Leute. Ich hielt es auch erst für einen Scherz. Die beiden Autoren Martin Eisenlauer und Christoph Unger sind wirklich Meister ihres Fachs, was nicht als Kompliment gemeint ist. Da mußte wohl noch schnell ein Artikel über den Aktienabsturz zusammengeschustert werden. Zeitungen mit leeren Seiten machen sich nicht sonderlich gut. Aber genau diese Art von überschneller und oberflächlicher Pseudoberichterstattung verzerrt das Bild von Apple. Aber das ist diesen beiden überragenden Investigativjournalisten sicherlich egal.

Und wer ist Wolfgang Leierseder von ComputerPartner? ComputerPartner, ach ja, das ist dieser Ableger von ComputerWoche. Das sind die mit den Internetseiten, die auf dem Mac und dem IE 5 nicht richtig dargestellt werden. Und das, obwohl oben auf der Seite eine große Microsoft-Werbung prangt. Der Herr muß ja ein echter Kenner des Apple sein. Von welcher veralteten Technologie spricht er? Von FireWire, dem Draht, auf den so viele PC-Nutzer heiß sind? Oder USB, das im Mac die serielle Schnittstelle ablöste, bevor die PC-Branche auch nur daran dachte, das zu wagen? Pardon, PCs haben bis heute ihren Parallelport. Oder DVD in tragbaren Computern? Vielleicht erklärt uns dieser Experte, welche Technik er meint. Spielt er auf die Prozessoren an, die jeden Intel wie ein Moorhuhn vom Computerhimmel schießen? Vielleicht meint er MacOS X, das als Betriebssystem die Grenzen des Macs neu definieren wird. Daß im sonnigen Californien nicht alles Gold ist, was glänzt, wissen wir auch. Dazu brauchen wir keine selbsternannten Branchenanalysten. Ich darf abschließend zu bedenken geben, daß sich der Mac zum Jahreswechsel nicht verrechnet hat. Jetzt weiß ich, was Herr Leierseder mit alt meint. Die Fähigkeit des Macs, Jahreszahlen richtig darzustellen. Stimmt, das ist wirklich alt. Das kann der Mac seit 1984.

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