ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1105

Ein Walzer für die Schneekönigin: iMac 2001 in Wien

Autor: wp - Datum: 01.12.2001

Die Präsentation der MacWorld-Neuheiten in Wien: wie immer machte es Österreich-Chef Walter Scheuch spannend und versorgte die zahlreich erschienenen Journalisten mit Zahlenmaterial. Die letzten Quartale von der Stückzahl her gesehen - das ist relativ bekannt. In Tausenden ausgelieferten Macs: 751 - 827 - 850 - 746, damit im letzten Quartal die schwächsten Verkäufe. Wesentlich aufschlussreicher hingegen die Zahlen aufgeschlüsselt nach Produkten: verzeichnet wurden beim iBook +83%, bei den PowerMacs +5% und bei den PowerBooks phänomenale + 137% - wohingegen der iMac um 24% weniger Stück verkaufte. Dagegen dürfte es aber nun ein Mittel geben... den neuen iMac! An dieser Stelle übernahm Holger Niederländer, der das Vorführgerät zum großen Ärger der Fluglinie als Handgepäck an diesem Morgen aus München gebracht hatte - die arme Stewardess hatte keine Chance mit ihrem "Stellen Sie die Tasche bitte unter den Sitz" - aber wie denn auch, Niederländer ist ja schließlich Hart-waremanager...

Die Basis des iMac ist etwas größer als ich aus den Bildern geschlossen hätte, und das Gerät ist auch recht schwer: etwas weniger als 10 Kilo sind ganz anständig, doch als Portable wird er ja auch nicht beworben. Selten habe ich ein so schön verarbeitetes Gerät gesehen: der Flachbildschirm reagiert auf leichten Druck, zum verstellen genügt der kleine Finger - ohne aber nachzuwippen oder mit einem hässlichen Geräusch einzurasten. Ein einziges Wort beschreibt, wie man den Schirm an seine Bedürfnisse anpasst: smooth! Auf die Seite kann man den 15" TFT um 180° schwenken (hätte mehr sein dürfen), in der Höhe um 17 cm verstellen und 35% kippen - den Bedingungen der Arbeitsinspektoren ist somit Genüge getan. (Niederländer: "Falls sie am Hang wohnen sollten, was hier in Österreich ja manchmal vorkommt, der iMac ist der ideale Computer und passt sich an!"). Ob das interne Mikrofon, das im TFT-Display verbaut ist, tatsächlich für IBM Via Voice reicht, wie Niederländer das behauptete, wage ich zu bezweifeln - die meisten Benutzer dieser praktischen Software werden doch wie Piloten mit headset in ihrem iMac-cockpit sitzen.

Der Arm aus Edelstahl (die US-Kollegen nennen ihn "neck") ist unglaublich solide, Apple empfiehlt sogar, den Computer an diesem Teil zu packen, wenn sie ihren iMac tragen wollen! Einige Details kamen zur Sprache, die bisher wenig bekannt sind: JEDES Modell des iMac hat interne Lautsprecher, auch wenn sie mit den Apple Pro Speakern ausgeliefert werden. Diese wiederum haben einen eigenen digitalen Anschluss an der Basis, belegen also KEINEN der drei USB-Stecker. Der iMac kann per Kensington-Schloss angekettet werden - obwohl weniger Leute mit einem 10 kg Rechner weit kommen werden, wenn er so auffällig ist. Die Schnittstellen des iMac: hinten ein MiniVGA, der Adapter wird wohl mitgeliefert - aus Platzgründen vermutlich. Zwei Mal FireWire an einem Bus, drei USB-Stecker, von denen einer mit der Tastatur belegt sein wird, die aber wiederum als Hub dient. Alles übrigens (Maus, Lautsprecher, Tastatur) in wunderbar schimmerndem Weiß, dass es eine Freude ist. (Mein Nachbar flüsterte: "Kein Rechner für Raucher!") Das Netzteil steckt in der Basis, wo diesmal auch wieder ein Lüfter verbaut ist, der allerdings mit nur 25 Dezibel nicht zu hören sein sollte. Vermutlich ist sogar die HD lauter, einschalten sollte sich der Lüfter, wenn sie DVDs erstellen, im normalen Betrieb aber eher selten, denn: auch bei diesen iMacs setzt Apple auf Konvektionskühlung, also Umluftkühlung. Unten über der Stahlbodenplatte sind kleine Luftlöcher, durch die kühlere Raumluft eingesaugt wird, sobald oben bei den Luftlöchern wärmere entweicht - und das bei einem G4! Unsere rasenden Reporter aus San Francisco meinten übrigens, dass die iMacs dort in der Halle schön kühl waren, also keine außergewöhnliche Hitzeentwicklung im Normalbetrieb zu erwarten sei.

Ein Nachteil des iMacs muss dennoch Erwähnung finden: zum Einbau von Arbeitsspeicher und AirPort-Karte schrauben Sie lediglich die Bodenplatte ab und stehen bereits vor den entsprechenden Slots. Aus Platzgründen setzt Apple bei den neuen iMacs aber auf die kurzen SO Dimms, die in tragbaren Geräten verbaut werden und schon jetzt sauteuer sind. Leicht, aber teuer nachzurüsten - ein Tribut, den man wohl dem Design zollen muss.

Holger Niederländer setzte seine launige Präsentation mit einigen Worten zu Apples Strategie des "Digital Hub" fort - spannend, wie falsch viele Journalisten dieses Konzept aufgefasst haben. Die Videozuspielung von Steve Jobs hat hoffentlich der Aufklärung gedient: was tun Sie mit ihrem MP3-Player und ihrer Digitalkamera ohne einen Computer? Oft wird über Apple geschrieben, dass "das Unternehmen hofft, den Computer weiter im Zentrum halten zu können, indem es ihn zum Digital Hub macht". Ja klar, Freunde, von mir aus nehmt den Computer weg und steckt euch eine USB-Karte ins Ohr, um die digitalen Photos auf die Netzhaut zu bekommen. "Some devices are enhanced by the Macintosh, some even require a Mac!" Das Konzept des Digital Hub bedeutet eine Erweiterung der Leistungsfähigkeit des Computers, eine Öffnung zu neuen Technologien - und nicht ein verzweifelter Versuch, ihn weiter zu propagieren. Es geht nicht ohne ihn, so gerne das auch manche herbeischreiben. Manches ist nicht ersetzbar - wer erinnert sich an die Diskussion über "das papierlose Büro"? *bruhaha*

iPhoto: kein absoluter Hammer wie iTunes vielleicht, aber eine solide Applikation, die man für MacOS X umsonst bekommt. Niederländer zeigte die Features von iPhoto anhand eines entzückenden Photos "der Garage, wo alles angefangen hat" - verschwieg aber die genaue Adresse, denn "dort wohnen echt noch Leute". iPhoto bietet beispielsweise den Druck ihrer Bilder als Grußkarten (einfach/zweifach gefaltet) oder den Übersichtsdruck eines Albums. Schnelles Umstellen von farbigen Bildern auf s/w, um beispielsweise zu testen, ob diese Vorlage zum Kopieren geeignet ist. Beim Abspeichern eines Albums in eine HTML-Datei hieß es plötzlich "Internet Explorer wurde beendet" - und die MS-Fraktion hinten im Saal war erstaunlich stumm. Slideshows kann man mit iPhoto auch als Quicktime-Film abspeichern - einige nette Funktionen, die später auch noch durch die den USA vorbehaltenen Kodak-Services ergänzt werden. Noch kann man hier in Europa seine Bilder nicht gebunden zugeschickt bekommen, mit entsprechenden Unternehmen verhandelt Apple aber. (Ich zweifle, dass dieser Service zu diesen Preisen in Europa ein Erfolg wird.)

Damit war der Apple-Showblock zu Ende und zwei Vertreter von Microsoft betraten die Bühne. Nach dem ersten Satz "...möchte ich Ihnen auch darlegen, wie eng die Partnerschaft zwischen Apple und Microsoft ist..." habe ich abgeschaltet und mich lieber den Pressematerialien zugewandt. "Office20 01 für Maci stwe iterhind iei deale Lösung für Kunden mitMa cOS 8u nd9" - genau so steht es dort. Die neue Rechtschreibprüfung mit MS-Silbentrennung oder ein kleines Scherzchen, das die steife Präsentation aufheitern sollte? Nein, beide Seiten sind in diesem "Neusprech" verfasst. Leicht verwundert wandte ich mich wieder dem Vortragenden zu, der eben von "noch wesentlich schnellerem Zugriff" sprach. Danke. Ich will es nicht wissen, auf welche Daten hier schneller zugegriffen wird - Seriennummern? NSA-keys? Meine persönlichen Daten? Aber es war sicher alles ganz harmlos gemeint, ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt - dumm nur, dass die Schelme in der MacGuardians-Redaktion gut vertreten sind. "In Word können Sie nun alle Formatierungen löschen" - aber verflixt, das hat Word doch bisher immer automatisch für mich gemacht? Wie oft habe ich durch Word ein Dokument mit Null-Layout bekommen, bei "voller Kompatibilität" - das wird jetzt wieder auf manuell umgestellt, was früher per default passierte? Also nichts neues bei Microsoft, sondern die alte PR-Botschaft für Office:mac 2001 für MacOS X.

Adobe hatte ebenfalls ein paar Minuten eingeräumt bekommen - die Vertreter wagten es allerdings nicht, das Wort "Photoshop" auch nur in den Mund zu nehmen. Gezeigt wurden Beispiele von InDesign 2.0 für MacOS X, das in der deutschen Version Ende Februar ausgeliefert wird. Illustrator 10 für MacOS X wurde ebenfalls kurz gestreift, weitere Programme folgen kontinuierlich. Abschließend kamen noch einige spannende Aussagen von Herrn Lukas Keller: Adobe mache nunmehr weniger als 50% seines Umsatzes im Macintosh-Markt, man bekenne sich aber voll und ganz zu der kreativen Branche auf dieser Plattform. Zweitens habe Adobe nicht vorgehabt, fertige Applikationen auf MacOS X zu portieren - sondern künftige Neuversionen dann gleich für MacOS X zu erstellen. Jetzt wissen wir, wieso wir solche Ewigkeiten auf Photoshop warten müssen, die Strategie erscheint mir für ein "volles Bekenntnis" ein wenig seltsam. Doch das ist Adobe, und der Star des Tages war natürlich Apple. Der neue iMac ist ein würdiger Nachfolger des beliebten All-in-one-computers, der 6 Millionen mal einen glücklichen Käufer gefunden hat. Luxo iMac kann schon jetzt mit höheren Bestellzahlen aufwarten als Apple eigentlich gerechnet hatte und wird mit Sicherheit seinen Niederschlag auch in den nächsten Quartalszahlen finden. If you are looking for a computer that's easy to use, there's still only one way to go: get a Macintosh!

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