ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1117

Liegt der Nabel der 3D-Welt in Friedrichsdorf?

Wie ich MAXONs Cinema 4D XL7 lieben und hassen lernte.

Autor: wp - Datum: 06.02.2002

Grafiker haben einen Hau! Doch, davon bin ich ehrlich überzeugt. Wie sonst ist zu erklären, dass ich als einigermaßen gestandene Illustratorin und doch recht geübt mit allem, was auf dem Mac diesbezüglich so kreucht und fleucht, mich freiwillig gemeldet habe, um diesen Test der 3D-Killer-Applikation Cinema 4D XL7 zu machen, dem 3D-Flaggschiff der in Friedrichsdorf am Taunus beheimateten Softwareschmiede MAXON. Wobei ich vorausschicken möchte, dass ich mir in dem folgenden Erfahrungsbericht eines 2D-Users, der erstmals in die dritte Dimension einsteigen wollte, das Herumreiten auf technischen Features bewusst verkniffen habe. Wen das interessiert, der ist mit den in der Presse erschienenen Tests bereits bestens bedient. Also, nun der Reihe nach...

Ein Softwaretraum wird wahr

Lange hatte ich schon davon geträumt, mit einem 3D-Programm zu arbeiten. Mein Interesse bezüglich dieser Software hatte auch oft ganz konkrete Anlässe im illustratorischen Arbeitsalltag. Es scheiterte aber stets an dem hohen Investitionsaufwand, der mit Software dieser Art verbunden ist. Und nun diese absolute Superchance! Ich konnte einfach nicht widerstehen, meine 2 Dimensionen zu verlassen und in die dritte abzuheben. Und Animation ist noch zusätzlich die große Stärke dieser Software, über die ich schon so viel Lobeshymnen gelesen hatte. Endlich kann ich mal testen, ob ich all die Dinge realisieren kann, die mir immer so vorschwebten. Hastig packe ich die CD aus, die sich zusammen mit dem Referenzhandbuch und einem Tutorial in der kiloschweren Packung befindet, und installiere Cinema 4D XL Version 7. Toll. Geht ja ganz einfach. Und dann gleich die erste Enttäuschung. So viele Menüpunkte, Tools, Paletten, Icons etc., deren Funktionen sich beim besten Willen nicht auf den ersten Blick erschließen lassen.

Quader

Aller Anfang ist schwer - genau 2 Kilogramm!

Also gibt es nur 2 Möglichkeiten: Ausprobieren, was sich hinter den einzelnen Icons oder Menüpunkten verbirgt, oder 2kg Handbuch wälzen, was bei über 800 Seiten voraussetzt, dass die nächsten 8 Tage keine sonstigen Jobs auf dem Tisch sind. Hm, ich entscheide mich jedenfalls unter diesen Umständen für die Methode "Trial & Error". Schließlich bin ich kein absolutes Greenhorn, was die gängigen Grafikprogramme betrifft, und viele Befehle gleichen sich doch oft. Denke ich mir in meiner zweidimensionalen Naivität. Vorläufig bleibe ich jedoch optimistisch, und tatsächlich gelingt es mir, ein Objekt, in diesem Fall einen Quader, zu erzeugen und diesen zu bewegen, zu schieben und in allen 3 Achsen zu drehen. Toll, ein Erfolgserlebnis. Es bleiben dennoch viele, viele Fragen offen, die mir niemand beantworten kann, auch das voluminöse Handbuch nicht. Merkwürdig. Bisher hatte ich es immer so gehalten, dass ich neue Software am besten austesten kann, indem ich eine ganz konkrete Aufgabe aus der Praxis meines Tagesgeschäfts zum Übungsobjekt deklariere. Einen simplen Packshot (Bierflasche mit Etikett) erstellen, das müsste ja recht einfach sein, dachte ich mir so... Kontur erstellen, um die Y-Achse rotieren lassen und dann das entstandene Objekt mit einem Label versehen. Und damit folgt gleich der zweite herbe Schlag. Theoretisch wüßte ich ja, wie ich vorzugehen hätte, aber wie sage ich dem Programm, was ich will, und wo finde ich die Tools, die dazu nötig sind?

Ein Tutorial, ein Tutorial, ein Königreich für ein Tutorial!

Die Vorgehensweise "Trial & Error" oder, wie ich es nenne, "Versuch macht kluch" kann man getrost vergessen. Also doch erstmal nach Vorschrift etwas Nachbauen aus dem Tutorial, wie beim Backen nach Rezept? Aber damit erhalte ich gleich die nächste Frust-Packung: Im Tutorial erfahre ich erstmal, wie man eine Animation vorbereitet, d. h. step by step. Angefangen von einem Storyboard, das am Anfang jeder Arbeit stehen sollte. Ha, sehr witzig, das! Storyboards erstellen ist eine der häufigsten Arbeiten in meinem Beruf als Illustrator, das machte ich schon lange bevor ich begonnen hatte, mit dem Mac zu arbeiten. Das muss man mir eigentlich nicht mehr beibringen. Ich will einfach nur wissen, welche Zutaten ich für den Kuchen brauche und in welchem Schrank, in welchem Fach oder in welcher Schublade ich selbige finde. Das kann doch wohl nicht so schwer sein?

Schatztruhe full screen

Mir läuft langsam die Zeit davon...

Das Tutorial setzt einiges an Vorkenntnissen mit 3D- bzw. Animationsprogrammen voraus, wie es scheint. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits einen ganzen Tag damit verbracht, ein einfaches Objekt zu erstellen, wobei die meiste Zeit davon zum Lesen in Manual oder Tutorial draufgegangen ist. Langsam frage ich mich, wie jemandem zumute sein mag, der in die 3D-Animation einsteigen will und mit diesem Programm künftig arbeiten "muss"! Man kann sich doch nicht einen Monat Zeit nehmen. So lange würde es wohl dauern, bis man Handbuch und Tutorial durchgearbeitet hat. Ob man das Programm dann vollends beherrscht, möchte ich doch bezweifeln. So komme ich jedenfalls nicht weiter. Vielleicht gelange ich zu neuen Erkenntnissen über den Menüpunkt "Hilfe". Schließlich lande ich auf der Homepage von MAXON, dem Hersteller von C4D. Und siehe da: Dort werden Lehrgänge angeboten für Einsteiger oder Fortgeschrittene. Als ich den Preis für solch einen 2- bis 3tägigen Lehrgang sehe, schlucke ich und muss erstmal tief durchatmen. Runde DM 2000,-. Das lohnt sich nur, wenn man es steuerlich geltend machen kann. Nach weiterer Recherche wird mir klar, dass Lehrbücher wie für Photoshop, Flash und ähnliche Applications für C4D wohl nur recht spärlich vorhanden sind. Und gleichzeitig beschleicht mich ein leiser Verdacht, dass dies nicht ganz unbeabsichtigt sein könnte, damit MAXON seine "kostspieligen" Seminare an den Mann bringen kann. Hat Adobe nicht auch mal so einen Dreh versucht?

DM 4.000,- plus DM 2.000,- macht DM 6.000,-

Wie auch immer, das Arbeiten mit dem Programm macht mir schon mächtig Spaß, wenn man von der elend langen Zeit absieht, die ich mit Lesen zubringe. Trotz der Hindernisse und Verzögerungen, so hatte ich mir's immer erträumt: Objekte in 3D erzeugen, verändern, bewegen usw. und das alles in Echtzeit. Dazu muss ich erwähnen, dass es sich äußerst positiv bemerkbar macht, dass mein Trainingsfeld aus einem Dual G4 450 mit über 768 MB RAM, einem Cinema Display 22" und einem WACOM A4 regular Grafiktablett besteht. Bei den vielen offenen Fenstern für Objekt-, Textur-, Zeit-Manager etc. sollte man unter einem 21-Zöller gar nicht erst anfangen. Oder am besten gleich einen zweiten Monitor dazustellen für die Manager-Fenster, die sich alle einzeln aus dem Verbund lösen lassen, um sie an eine Stelle eigener Wahl zu platzieren.

Sitzgruppe

Geiles Programm, aber immer noch keine fertige Bierflasche

Nun habe ich bereits zwei volle Tage mit Ausprobieren und marginalen Erfolgserlebnissen verbracht, aber mein Vorhaben, einen Packshot in 3D zu erzeugen, der sich dann nach Belieben in allen Achsen bewegen und rotieren lässt sowie die abgefahrensten Perspektiven zulässt, habe ich bis dato nicht hingekriegt. Ganz zu schweigen von animierten Objekten bzw. Modellen. Ich spiele stattdessen mit einer simplen Schatzkiste herum und bastle mir eine 3D-Sitzgruppe. Alles sehr rudimentär für die viele Zeit, die ich bisher darauf verwendet habe. Das schmerzt doch ein wenig. Bin ich einfach nur zu blöd? Zwar habe ich schon so einige Vermutungen, wie das Procedere ablaufen könnte, aber das MAXON-eigene beiliegende Tutorial mit seinen immerhin mehr als 500 Seiten ist weiß Gott keine große Hilfe auf der Expedition ins Reich von 3D-Modelling und Animation. Beispiel gefällig? Mein selbsterzeugtes 3D Objekt möchte ich mit einer Farbe oder einer Textur versehen. Alles was ich zu diesem Thema an Anweisungen im Tutorial vorfinde, erschöpft sich in der Angabe (O-Ton): "Erzeugen Sie eine neue Textur und weisen Sie diese dem entsprechenden Objekt zu." Wahnsinn, da wäre ich jetzt nicht drauf gekommen. Aber wie erzeuge ich diese Textur und wie weise ich sie dem Objekt zu? Fragen über Fragen...

Mit Hilfe von außen geht's dann doch voran

Da kommt es geradezu wie gerufen, dass in einer der neuesten Ausgaben der "Page" ein 3D-Workshop in Cinema 4D XL und BodyPaint präsentiert wird. Und tatsächlich: Einiges wird mir hierdurch viel klarer. Enttäuschend aber auch hierbei wieder: man muss sich schon ziemlich intensiv mit 3D-Modelling und Animation beschäftigt haben, um das Objekt genau so nachzubauen. Durch das geringere Platzangebot im Printmagazin musste der Autor offensichtlich auf entscheidende Zwischensteps und detailliertere Abbildungen verzichten, und meine Arbeit stagniert schließlich irgendwo zwischen Step 4 und 5. Aber auch dieses Problem löse ich, indem ich am nächsten Tag das komplette Buch des Autors erwerbe (für 98,- DM - teurer Test, das!). Damit habe ich zum ersten Mal eine richtige Hilfestellung, so wie ich es mir vom beiliegenden Tutorial ursprünglich erhofft hatte. Und tatsächlich, jetzt steppt der Bär! Ich komme endlich voran. Mit der Folge, dass ich statt zum Abendbrot erst zum Frühstück wieder am Tisch erscheine. Doch, Cinema 4D ist schon ein absolut obergeiles Programm, da muss ich den bisher erschienen Testberichten in den Fachpostillen recht geben. Aber einfach Plug & Play ist hier nun mal nicht angesagt. Hat man sich mit entsprechender Literatur bewaffnet und 3 bis 4 Tage intensiv gepaukt, kann es durchaus losgehen. Langsam. Cinema 4D ist aber definitiv keine Software, die sich intuitiv bedienen lässt.

Fazit also: Wer die Zeit hat, sich auf Cinema 4D einzulassen, mal locker DM 6.000,- für Programm, Lehrgang und zusätzliche Literatur ausgibt und die auch dann nur sehr flache Lernkurve nicht scheut, der kann buchstäblich die Welt in 3D neu erschaffen! Da für mich das eine wie das andere nicht zutrifft, bleibe ich wohl vorerst bei meinen 2 Dimensionen. Zumindest bis mal jemand ein 3D-Modelling-Programm rausbringt, das sich auch "for the rest of us" intuitiv bedienen lässt. Oder bis MAXON sich zu einem Tutorial hinreißen lässt, das diesen Namen auch verdient und nicht bei den falschen Leuten die falschen Dinge voraussetzt!

P.S. Was ich bis jetzt noch nicht herausgefunden habe, ist eine effiziente Methode, Standbilder auszudrucken, sei es zu Kontrollzwecken, Layout oder Ähnlichem. Die in C4D XL angebotenen Datei-Formate lassen sich nicht einfach in die übrigen Grafikprogramme übertragen. Sie sind eben nicht mit den von mir am häufigsten genutzten Apps kompatibel. Um ein erzeugtes Objekt oder Modell auszudrucken, blieb mir bisher nur die Möglichkeit, die gewünschte Ansicht zu rendern und davon einen Screenshot zu machen, den ich anschließend in Photoshop bearbeitet und ausgedruckt habe. Das erscheint mir aber sehr umständlich. Vielleicht hätte ich auch nur das Manual noch aufmerksamer durchlesen sollen...?

Kommentare

Aller Anfang ist schwer!

Von: said | Datum: 04.02.2004 | #1
Ich finde deinen Artikel ein wenig übertrieben, denn jeder Anfang ist schwer!

Mich würde es interessieren, wie du dich im 2D Bereich zurechtgefunden hast! Naturtalent oder benutzt du Photoshop wie MS-Paint?