ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1277

Von der 'Dellifizierung' einer Industrie

Irgendwann gibt's nur noch Bananen

Autor: kai - Datum: 26.09.2002

Hier gibt's nen sehr interessanten Artikel darüber, dass die frisch fusionierte HP wohl über kurz oder lang dasselbe Schicksal ereilen wird wie DEC: Eine ursprünglich innovative und fortschrittliche Firma wird effektiv zum Kistenschieber degradiert, ganz nach McNealy's Vergleich. Dieser hatte unsere speziellen Freunde von Dude-you're-getting-a-Dell passenderweise mit einem einfachen Tante-Emma-Laden verglichen, der so schnell wie möglich Bananen verkauft, und die einzige Wertschöpfung, die er einer Banane angedeihen lassen kann sind Dellen, ääh, Druckstellen.
Wer ist schuld an dem Dilemma? Natürlich die Börse! Bekanntermassen sind die Spekulanten gnadenlos und allein simple Gerüchte können einen Aktienkurs schon böse ins Trudeln geraten lassen.
Andrew vergleicht das mit DEC Anfang der 80er. Damals sagte der Chefentwickler Ken Olsen dem Vorstand, dass sie die nächsten Jahre nicht auf Gewinne hoffen sollen, weil er und sein Team in jahrelanger Arbeit und viel Aufwand damit beschäftigt sind, die riesigen VAXen in einen Chip zu integrieren. Am Ende stand die sehr erfolgreiche MicroVAX die wegging wie warme Semmeln, und Olsen war der Held von DEC.
So etwas, sinniert Andrew, wäre heutzutage mit der flatterhaften alles dominierenden Börse undenkbar - Sobald auch nur jemand ankündigt, dass er mal keine grossen Gewinne einfährt weil er seine Mittel in die Forschung stecken will wird dieser gnadenlos abgestraft durch einen ins bodenlose fallenden Kurs, und das war's dann mit der Entwicklung! Die Folge? Stagnation. Keiner traut sich mehr, viel Aufwand in Forschung und Entwicklung zu stecken aus Angst vor dem Börsenruin. Das einzig erfolgsversprechende Businessmodell ist das, was Dell perfektioniert mit ihrer kleinen Bananenhandlung: So schnell wie möglich durchschieben und ja keinen Gedanken an Eigenentwicklungen verschwenden!
Wer soll also die Entwicklung vorantreiben? Die Universitäten sollen's machen, schliesslich zahlt für diese Forschung der Staat, nur haben die dummerweise die Lunte gerochen und suchen sich zur Vermarktung ihrer Erfindungen das Businessmodell aus, das am meisten einbringt: Das von Dell!
Nach DEC kommt jetzt eben HP dran: Die Entwicklung ihres innovativen PA-RISC-Chips und des von Compaq geerbten wegweisenden Alpha-Chips wird eingestellt und man will nur noch Intel Intanium & Pentium verbauen. Willkommen in der drögen Welt der Kistenschieber, Frau Fiorina!
Nicht genug: Nicht nur in die Abhängigkeit von Intel begibt sich HP freiwillig, nein, am Dienstag haben sie angekündigt, dass sie 5000 ihrer Verkäufer auf .NET konditioniereinschwören wollen! Wenn man sich HPs miese Quartalszahlen ansieht, so wird klar warum Walter Hewlett versucht hat, die Druck- und Imaging-Sparte als eigenständige Firma abzuspalten, denn diese ist die einzige, die Gewinne einfährt!
Nachdem Digital und HP "dellifiziert" wurden bleiben nicht mehr viele übrig, die die R&D (Research & Development)-Krone hochhalten, Andrew zitiert hier EMC, Sun und (oho!) Apple, meiner Meinung nach gehört hier auf jeden Fall auch IBM dazu, Ich kann es nicht oft genug sagen: was IBM alleine in den letzten paar Jahrzehnten an Innovationen hervorgebracht hat, die heute überall verbaut werden ist mehr als beeindruckend: Festplatten (Microdrive, GMR etc), CPU-Fertigungstechniken (FC-BGA, SOI, Kupferprozess etc), Spracherkennung usw!
Wenn man den Weg zuendedenkt wird klar, dass sich mal wieder zeigt, dass dem Kapitalismus das selbsterneuernde Element fehlt, wir befinden uns hier wie anderswo nicht in einem Kreislauf sondern in einer Spirale, und angesichts der Kosten, die R&D heutzutage verursacht, wird es immer unwahrscheinlicher, dass Firmen selbst entwickeln. Das Problem ist ja auch z.B. schon aus der Medizin bekannt: Entwicklung neuer Wirkstoffe kostet viele hundert Millionen oder gar Milliarden, was dazu führt, dass die Leute, die das Medikament brauchen würden es sich nicht leisten können, und da die Pharmakonzerne im Sinne der Börse wirtschaftlich denken müssen machen sie lieber Sachen wie Viagra für die Wohlstands- und Spassgesellschaft. Und schon wieder muss ich an meinen speziellen Freund Billy denken, der sogar hier auch schon wieder seine Finger drin hat!
Nun gut, zurück zur Dellifizierung: Man muss sich doch nur mal umschauen, dann sieht man doch sehr gut, dass wir schon lange mittendrin stecken: Eine Kiste grauer als die andere, alle gleichen sich von der Ausstattung und den Features fast wie ein Ei dem anderen, und ob man jetzt bei Dell, HP, Lidl, Aldi, Vobis oder sonstwo kauft ist sowas von egal.. Wirklich etwas wagen tut keiner mehr von denen, weswegen die Langeweile in einer früher mal so vielseitigen und mutigen Industrie fröhliche Urstände feiert. Helau Innovation, jetzt mit (gähn) 300MHz und 10GB mehr!... Und Quick-Revenue-Trittbrettfahrer wie Dell nehmen den Firmen, die eigentlich die Innovationen bringen Marktanteile ab, es ist schon zum verzweifeln!...

P.S.: Nach diesem Artikel werde ich glaube ich Dell in Zukunft nur noch "Dull" (engl.: langweilig, öde) nennen, denn ich finde, diese Verballhornung passt in diesem Fall wie die Faust aufs Auge!

Kommentare

Von: Fry | Datum: 26.09.2002 | #1
Die die dieses Problem erkannt haben, haben sich schon längst vom PC losgesagt.

Firmen die PC´s zusammenbasteln und vertickern werden sich eh bald verabschiedet haben, dann irgendwann merkt auch der letzte, dass die Leistung seines Rechners ausreicht und der Markt schrumpft und schrumpft und schrumpft....

Assimilierung

Von: Carlo | Datum: 26.09.2002 | #2
Kistenschieben, wie beschrieben, gleicht irgendwo der SCIFI Serie mit den Borgs. Die haben jetzt einen anderen Namen und assimiliert werden keine fremden Arten sondern große Unternehmen. Damit freie Marktwirtschaft funktionieren kann, braucht es denkende und verantwortliche Verbraucher, die müssen nur etwas die Folgen ihrer Entscheidungen abschätzen können. Leider gleichen die Verbraucher in der Masse eher einer rießigen Herde Schafe und merken nicht, daß sie so mit Dumminfos zugemüllt werden, daß sie gar nichts mehr blicken, außer hauptsache billig. Dieses ist aber der Grund, wieso die Prinzipien der freien Marktwirtschaft längst ausgehebelt sind. Laut diesen Prinzipien sollen sich ja die besseren und menschenfreundlicheren Lösungen durchsetzen. Ob sich ein Unternehmen mit seinen Produkten auf dem Markt durchsetzt, wird heutzutage durch ganz andere Faktoren bestimmt, als durch Leistung und Innovation. Dazu tragen wir, die Verbraucher ganz schön mit bei.

95% der Leute scheren sich einen ...

Von: Mike | Datum: 26.09.2002 | #3
Dreck um Qualität.

Schaut nur her, geht in ein kaufhaus, begutachtet auf welche Art der Dolby-Verstärker auf dem Preisschild beschrieben wird: In Watt. Besser: In Musikleistung.

Der Wagen wird mit seinen PS verkauft, der Computer mit seinen Gigawasauchimmer.

Mehr kann ich dazu gar nicht sagen sonst werde ich sowas von sauer...

Ich hab die HPQ Fusion mitverfolgt - aus einem einzigen Interesse: Wird es der visionäre Gründer schaffen, sein "Werk" zu retten oder wird der kurzsichtige Kapitalismus und die ganze Aktiensch***** siegen.

Der Ausgang dieser Sache ist bekannt.

Guter Artikel, DK

Dr.Waters

Von: Dr.Waters | Datum: 26.09.2002 | #4
Mein Reden...
Es ist ja das schlimme, das nur der Aktienkurs zählt heutzutage. Ein wenig sind ja die Auswirkungen auch schon bei Apple zu sehen: keine 10.2 Updates usw. Da gehts dann primär ums Geld verdienen und nicht um Kundenzufriedenheit. Auf Dauer geht das jedenfalls nicht gut.

95% ??? - Autos - nein ...

Von: asp | Datum: 26.09.2002 | #5
Autos werden nicht wirklich über PS verkauft. In erster Linie über ihr Image; viele andere Produkte auch.

Ich glaube 95% interessieren sich weder für Qualitä uws. - der Preis muss heiss sein und bei DULL-Kisten&Co kommt es dann auf die GigaHerzen an. Sie glauben, es geht um das beste Verhältnis von Hz/Euro.

Innovation, wer kennt das Wort bei den 95% bzw. weiss damit wirklich etwas anzufangen. Der letzte Wahlkampf hat es auch gezeigt. Bildung (Investment in Bildung/ innovation/ Zukunft) war eigentlich kein Thema. Auch, wenn sich die meisten anderen Probleme an dieser Stelle eine Lösung finden könnten.

Ich schweife ab. Sorry. Denn letztlich sind wir (!) uns wohl einig.


Auch anderenorts...

Von: Besserwisser | Datum: 26.09.2002 | #6
...wird so gehandelt. Und zwar auch von all denen, die sich über die Praktiken bei Computern aufregen. -- Oder kauft ihr nicht in Supermärkten à la Walmart, und dort am liebsten die "Handelsmarken" in den angenehm geschmacksneutralen Verpackungen?
Wer nicht nur bis zu seinem Desktop denkt, sondern bis zum kleinen Einzelhändler an der Ecke, sollte denen, die alle paar Jahre einen Batzen Geld für den falschen Rechner ausgeben, aber vielleicht täglich etwa die ökologische Landwirtschaft ihrer Region unterstützen, etwas toleranter gegenüber stehen.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: In der Sache gebe ich euch Recht. Aber den ersten Stein zu werfen, sollte wohl überlegt sein. Ich selbst trage viel zu viel Geld in Supermärkte, als dass ich mich über Dell und seine Kunden aufregen dürfte.

na gut aber... ;-)

Von: Mike | Datum: 26.09.2002 | #7
Vielleicht werden Autos nicht so stark über PS verkauft, aber spätestens dem Besitzer sind sie dann wichtig - sofern sie über dem Durchschnitt liegen ;-)

Nun ja was die Supermärkte betrifft: Ich möchte das nicht gänzlich entkräften, aber eines noch: Ich brauch keinen Support, wenn ich mir ne Zahnpasta aussuche. Das heisst, ich gehe in den Supermarkt und kenn mich aus mit den (allermeisten) Dinger die er führt.

Aber wer "dieser 95%" kennt Computer so gut, dass er fair betrachtet in der Lage ist, einen nach stichhaltigen Gründen auszusuchen? Kaum einer, wagte ich zu behaupten. Also ist normalerweise (oder *wäre*) Support angesagt, und wenn einem der in Computer-Grossmärkten gebotene Verkaufsservice (inkl. "Kompetenz") genügt, soll man doch dort kaufen.

Insofern sehe ich es gerechtfertigt (bis zu einem gewissen Mass, aber man kann letztendlich ja alles relativieren), wenn ich Food im Supermarkt kaufe, weil mir der Fachhandel *hier* keinen Vorteil bringt.

Doch ich wäre nicht Teil dieses grünen Haufens hier wenn ich nicht noch Ansprüche hätte, die über den Preis hinausgehen...

(Mike wohnt in einem Dorf mit weniger als 1000 Einwohner und kauft regelmässig im Dorfladen ein. Also lasst mich hier schwatzen *ggg* )

PS: Hat nicht Apple mit dem WebStore angefangen, als man sah wie erfolgreich Dell&Dull damit ist ? Wollten nicht alle insgeheim diesen Erfolg haben ? Nicht dass Apple keinen Erfolg hätte (hehe) aber Dell schiebt nur Kisten und wird reich dabei. Das wollen alle. Eigentlich...