ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1502

Eine Gewerkschaft für die IT-Branche?

Working in the digital coalmine...

Autor: bh - Datum: 01.12.2002

Onkel Heinz erwägt in diesem Beitrag eine interessante Frage - brauchen wir Gewerkschaften in der IT-Branche? Die Gewerkschaftsbewegung riecht irgendwie nach Metallarbeitern und Kohlebergwerk - dabei kümmert man sich doch um die Arbeitsbedingungen generell. Wie sind die Arbeitsbedingungen? Freiberufler sind doch die glücklichen Vöglein am Himmel, die in persönlicher Freiheit kreativ schaffen, spät aufstehen und Croissants frühstücken, oder? (Hey, ich bin Freiberufler! Cool...) Bei aller berechtigten Kritik an Gewerkschaft und ihren manchmal leistungsfeindlichen Auswüchsen - der Artikel auf Heise ist sehr lesenswert! Nehmen Sie sich ein paar Minütchen ihrer wertvollen Sonntagszeit und machen sich mal Gedanken darüber. Leider bleibt der zitierte Soziologieprofessor alle Ideen schuldig, wie denn Gewerkschaft in einer so dynamischen Branche funktionieren soll... Und einen schönen ersten Adventsonntag auch noch, gell!

Kommentare

Plädoyer für Betriebsräte

Von: gefahrensucher | Datum: 01.12.2002 | #1
Gewerkschaften hin oder her, aber manchmal wünsche ich mir schon einen Betriebsrat.
Nämlich dann z.B. wenn man fragt ob Kollege xyz krank sei und vom Chef dann hört:
"Ach habe ich vergessen zu erwähnen. Er wurde entlassen."
Die Betroffenen wehren sich meistens nicht einmal und nehmen es als Schicksalsschlag hin.

gefahrensucher

Betriebsräte OK aber DGB? Interesse an der Realität

Von: cws | Datum: 01.12.2002 | #2
Michael Sommer (DGB-Chef) im Interview mit SuperIllu:
http://www.super-illu.de/politik/05471/3/sub.shtml

DGB-Vorsitzender Michael Sommer im Interview:

Frage: Wieso wurden Sie als Student ausgerechnet Mitglied der SEW, also des Westberliner Ablegers der SED?

Sommer: Damals war die SPD in Berlin nicht gerade fortschrittlich…

Frage: Und die SEW war fortschrittlich?

Sommer: In meinen Augen damals, ja. Man darf sich in seinem Leben auch irren. Und ich gehöre zu denen, die zu ihren Irrtümern stehen. Der auslösende Faktor für mein politisches Engagement war der Putsch in Chile gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Allende im September 1973. Ich habe aber dann schnell gemerkt, dass mein Engagement bei der SEW ein Irrtum war. Und als die DDR Wolf Biermann auswies, bin ich aus der SEW ausgetreten.

Frage: Aber es war doch schon vorher mit Händen zu greifen, dass im SED-Staat Menschenrechte nicht viel galten.

Sommer: Nein, nicht in meiner damaligen Wahrnehmung. Ich wusste auch viel zu wenig über die DDR. Die DDR-Propaganda redete von Antifaschismus und Fortschritt und davon, dass es den Leuten besser geht. Mich hat damals am Sozialismus die Idee interessiert, nicht die Realität.

@ cws

Von: Union-Man | Datum: 01.12.2002 | #3
Und, nun? Was soll mir das sagen? 1. würde ich Sommer zustimmen: Die Idee war und ist interessant - auch wenn der "Verusch" einer Umsetzung in der DDR gründlich daneben gegangen ist. Aber die augenblicklich existierende Gesellschaftsordnung ist (hoffentlich) ebensowenig das Ende der Entwicklung.

2. kann ich den Zusammenhang zur eigentlichen Frage nicht recht herstellen: Bekommt die IT-Branche Gewerkschaften oder lassen sich die Kreativen noch etwas länger vorgaukeln, sie wären etwas anderes als ganz normale Arbeitnehmer? Diese Entwicklung haben schon andere Berufsgruppen durchgemacht bzw. sind noch dabei, z.B. auch Journalisten. Meist erkennt man erst in der Not, wie Solidarität funktioniert und welchen Wert sie hat.

Ich spreche da als Betriebsrat und Gewerkschafter in einem Medienunternehmen aus eigener Erfahrung: Viele die meinten, sie bräuchten so etwas nicht, waren dann die ersten, die rausflogen. Und dann kamen sie, dann waren wir gut genug, ihnen den A... zu retten. Gern geschehen, kann ich da nur sagen, wenn sie die Lektion dann wenigstens kapiert haben. Und die meisten haben es.

join the Union

Von: cws | Datum: 01.12.2002 | #4
Eine Gerwerkschaft als Interessenvertrter meiner Arbeitnehmerrechte, da bin ich sofort dabei.
Was ich nicht brauche ist eine Einheitsgewerkschaft, die mir erklärt, was für mich das Beste ist.
Warum muss Herr Bsirske mir erklären, was ich wählen soll? Warum darf es keine Gewerkschaft neben dem "amtlichen" DGB geben?
Hier finde ich eben auch Denkstrukturen aus dem alten DDR-Gewerkschaftswesen wieder. Die DDR eignet sich übrings nicht zum romantisieren, sie war schlicht ein menschenverachtender Terrostaat.
Ich hoffe keine Gesellschaftsordnung ist das Ende der Entwiklung.Das ist aber sicher kein Argument noch einen sozialistischen Versuch zu unternehmen, in dem wieder der Staat Vermögen und Ideen der Menschen verwaltet.

Christian

Terrorstaat

Von: Haiko | Datum: 02.12.2002 | #5
Also das mit dem "menschenverachtender Terrostaat" möchte ich so nicht stehenlassen. Klar gab es Terror und Menschenverachtung. Aber die gibt es heute in vielen westlichen Staaten auch (schau Dir nur mal eine deutsche Abschiebehaft ab, da werden Menschen bei der Abschiebung so verschnürt, daß sie auf dem Transport elendig ersticken; von sowas habe ich in der DDR nich gehört; von den USA garnicht zu reden). Dieser Terror war aber nicht Staatsziel, deshalb kann man m.E. nicht von einem "Terrorstaat" sprechen. Ich hab' in der DDR gelebt und kann nur aus eigener Erfahrung sagen, daß ich keinen "menschenverachtenden Terror" erlebt habe (bei aller Kritik an der Politik der SED im allgemeinen, keine Frage; und nein, ich war in keiner Partei).

gewerk schafft

Von: Bert | Datum: 02.12.2002 | #6
Mag sein, daß in der DDR niemand verschnürt wurde beim Abtransport. Vielleicht war es garnicht notwendig, weil ohnehin keiner geguckt hat, wenn ein Transport ins Gulag abging?

Gewerkschaft ist ein tolles Thema. Eine Interessenvertretung ist wichtig und unabdingbar. Aber ich sehe auch zunehmend, daß mir meine Organisationen dann noch MEHR vorschreiben wollen, was ich zu tun habe. Die Gewerkschaft sagt mir, was ich wählen soll - und die Umweltschutzorganisation schickt mir (von meinem Spendengeld) einen Brief, in dem ich aufgefordert werde, ein Volksbegehren gegen das Atomkraftwerk Temelin NICHT zu unterschreiben... ja, wenn sie nix anderes zu tun haben?

@cws

Von: Union-Man | Datum: 02.12.2002 | #7
Also zum Thema DDR hat Haiko schon einiges gesagt: Es ist immer eine Frage, wie man Terror definiert. Damals wurden abweichende politische Meinungen verfolgt, was keiner gutheißen kann. Nur ist das heute anders? Ich stehe wegen meines gewerkschaftlichen Engagements auch auf einer schwarzen Liste. Nein, ich werde nicht eingesperrt, aber der Arbeitgeber unterlässt keinen Versuch, meine wirtschaftliche Existenz zu ruinieren, obwohl ich nichts tute, was nach dem Gesetz nicht zulässig wäre. Auch das ist in meinen Augen Terror, vielleicht etwas subtiler, aber letztlich mindestens ebenso effektiv. Wie gesagt, ich will die DDR nicht beschönigen, schon weil ich zu denen gehört habe, die etwas anderes wollten. Aber die Tatsache, dass diese eine Umsetzung der Idee daneben ging, entwertet eben nicht die Idee an sich und sollte erst recht nicht dazu dienen, dieses System hier nicht mit sehr kritischen Augen zu sehen.

Zum Thema DGB/Wahl: Natürlich gibt die Gewerkschaft Wahlempfehlungen für die, bei denen sie die Interessen ihrer Mitglieder am besten aufgehoben sieht. Der BDI trommelt doch auch für die Union. Niemand muss diesen Empfehlungen folgen.

@Bert

Von: Union-Man | Datum: 02.12.2002 | #8
Stelle Dir mal die Frage, wer Gewerkschaft oder eine andere Organisation ist: Die Funktionäre? Nein! Du bist die Gewerkschaft, Du bist die Umwelt-Organisation! Die Funktionäre sind Deine Angestellten, denn sie werden von Deinem Geld bezahlt. Also sage ihnen, was sie tun sollen.

jaja

Von: Bert | Datum: 02.12.2002 | #9
Weiß ich doch, Union-Man. Deswegen bin ich ja auch bei der Gewerkschaft, obwohl ich oft ziemlich sauer bin - aber es ist ein Zeichen an die Unternehmen. Nur lassen sich die Gewerkschafter und Betriebsräte leider viel zu oft was abkaufen... erinnere mich mit Grausen an ein paar Fälle. Zurück zum Thema: es würde etwas schwerfälliger werden in der IT-Branche, aber man darf Flexibilität ja auch nicht mit "hire/fire"-Politik verwechseln...

Syndikat

Von: cosmo | Datum: 02.12.2002 | #10
in der schweiz gibt's "syndikat" (www.syndikat.ch), würde mich aber wundern, wenn die auch nur hundert mitglieder hätten.