ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1513

Mit Carrara in die dritte Dimension

3D zum Schnäppchenpreis - Carrara Studio v2

Autor: wp - Datum: 05.12.2002

Nun, als Häuslebauer konnte ich mir Marmor nicht leisten, ob für Bad, Treppe oder Fensterbank - und einen Aschenbecher brauche ich nun mal nicht. Doch für Carrara könnte es dennoch reichen - wie das? Carrara Studio ist die Antwort auf diese einigermaßen blöde Frage. Diese Software für 3D-Design und -Animation macht einem zwar ein X für ein Z vor (oder andersherum?), ist aber gut und günstig - und das ist eine Kombination, die nicht nur einem Bauherrn höchst selten über den Weg läuft. Auch Gila Müller nicht, die sich mit Carrara einmal mehr eine Mac-Applikation aus dem Umfeld von Grafik und Design gut und gründlich angesehen und für MacReview begutachtet hat.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine 3D-Modelling- und -Animations-Applikation unter die Lupe nehme. Dementsprechend vorsichtig oder auch skeptisch versuchte ich diesmal die Sache anzugehen. Die Erinnerung an meine zum Teil schmerzlichen Erfahrungen mit Cinema 4D XL v7 waren einfach noch zu präsent. Meine Vorbehalte haben sich aber schnell als völlig unbegründet erwiesen.

Paket

Na also, geht doch

Hier hat man sich zuvor wohl einige Gedanken gemacht, um anschließend ein einsteigerfreundliches Interface zu kreieren. Dass ich mich so schnell zurechtfand, hat wohl damit zu tun, dass die Benutzeroberfläche ähnlich konzipiert ist wie in "Poser", das ich vor einiger Zeit mal bei einem Freund kennengelernt hatte. Die wichtigsten Paletten oder Fenster wie "Eigenschaften", "Sequencer" oder "Browser", sind in ihrer Funktionsweise einer Schublade nachempfunden.

Schublade

Sie lassen sich also bei Bedarf öffnen und können anschließend, ist man mit dem Ergebnis zufrieden, mit ihrem kleinen Griff wieder geschlossen werden. Dieses Konzept der Anordnung in aufspringenden Schubladen bietet besonders dann Vorteile, wenn kein ausreichend großes Display zur Verfügung steht. Das kann zwar einerseits platzsparend sein, andererseits lässt sich diese Benutzeroberfläche nicht so gut auf zwei Displays verteilen wie bei C4D XL, das die Möglichkeit bietet, einzelne Paletten nach Bedarf herauszulösen und nach eigenen Wünschen anderswo zu platzieren, damit der Workspace individuell konfiguriert werden kann. Vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, ich habe sie jedenfalls noch nicht entdeckt.

Das Kreuz mit den Achsen

Auch wenn das Interface einsteigerfreundlich gestaltet wurde, gibt es zu Beginn doch ein Feature, das bei mir zunächst für leichte Irritation gesorgt hat: Die Anordnung der Koordinatenachsen ist hier gewöhnungsbedürftig, sprich: sie deckt sich nicht mit dem, was wir mal in der Schule gelernt haben. Die übliche Y-Achse nennt sich bei Carrara Z-Achse, wogegen Carraras X-Achse die eigentliche Z-Achse darstellt. Wenn man dies mal weiß, schaltet das Hirn aber schnell um. Oder hat sich hier vielleicht doch ein kleiner Bug reingeschmuggelt?

Achsen

Ungewohnt ist auch die Bezeichnung für die Ausrichtung einer Bewegung bzw. Rotation. Auch in diesem Fall werden nicht X-,Y- oder Z-Achse angegeben, sondern Carrara bedient sich einer Methode, die in der Aeronautik gebräuchlich ist und als "Gieren", "Nicken" oder "Rollen" die Bewegung auf Y-, Z- oder X-Achse beschreibt. Hier haben also X-Plane-, Fly2- oder WarbirdsIII-Spieler echte Vorteile. ;-)

Eine gesunde Mischung

Dennoch kommt ein 3D-Einsteiger anfangs bestens zurecht, da die einzelnen Icons zur Bearbeitung bzw. zum Einsatz der Werkzeuge sehr schnell suggerieren, was sich im Detail dahinter verbergen mag. Mit Intuition lässt sich hier schon Einiges erreichen.

3D Icon

Stopp, zu früh gefreut! Ganz ohne Benutzerhandbuch geht es auch bei Carrara nicht. Allerdings sind sowohl Referenzhandbuch als auch das QT-Tutorial (bzw. die Kurzeinführung) sehr gut gemacht. Etwas in dieser Art hätte ich mir damals bei meinem ersten 3D-App Usertest mit C4D XL gewünscht und dringend gebraucht (mittlerweile gibt es das ja auch, wie ich höre). Gerade diejenigen User, die bisher weitestgehend im 2D-Bereich gearbeitet haben und schon immer mal in 3D-Modelling und -Animation hereinschnuppern wollten, profitieren von dieser als QuickTour bezeichneten Einsteigerhilfe. Wurde man bisher doch durch die meist 4stelligen Euro-Preise für vergleichbare Apps abgeschreckt. Hinzu kam auch noch die eher flache Lernkurve, die erste Erfolgserlebnisse nur den überaus hartnäckigen, geduldigen Kandidaten bescherte (siehe meine eigenen Erfahrungen mit C4D XL). Eine zusätzliche Teilnahme an teuren Trainingsveranstaltungen und Seminaren muss hier auch nicht mit einkalkuliert werden, da Carrara nicht nur ein leicht verständliches, gut gestaltetes User-Manual mitliefert (wenn man von einigen grammatikalischen und orthografischen Fehlern absieht, die wahrscheinlich bei der Übersetzung aus dem Englischen entstanden sind): Sowohl die "Online Hilfe" als auch das als "QuickTour" bezeichnete QuickTime-Tutorial versetzen einen in kürzester Zeit in die Lage, erste Objekte oder Szenen im Alleingang zu gestalten. Und hat man erst mal Blut geleckt, wagt man sich auch schnell in den Bereich der Animation vor und kann auch hier in kurzer Zeit schon Erfolge vorweisen.

Spline Objects

Splines gerendert

Ganz schön animierend

Eine feine Sache für ein - eigentlich - Low-Budget 3D-Programm: Carrara Studio 2 ist dank den Schlüsselfunktionen "Subdivsion Surfaces" und "Bones" ausgerüstet für die Animation lebensnaher Figuren. Während Subdivsion Surfaces rohe Grundpolygone mit wenigen Klicks unterteilt, verfeinert und so das Ausarbeiten und Animieren differenzierter Charaktere erleichtert, lässt sich modellierten Gestalten dank Bones schnell Leben einhauchen. Bones rüsten die Gestalten mit einer Art Skelett samt Bewegungsfreiräumen bzw. -sperren aus, so dass sie sich wie Marionetten per Maus bewegen lassen. Ebenso bedienungsleicht und in wenigen Minuten durchführbar ist das so genannte "Bones-Setup", bei dem bereits modellierte Objekte mit Bones nachgerüstet werden. Erstaunlich realistische Ergebnisse erhält man, wenn man die animierten Charaktere mit der neuen Rendering-Engine auf Basis der Photon-Maps-Technologie ausarbeitet. Eine Art Kombination von Ray Tracing und Radiosity. Und das in dieser Preisklasse!

MG Rulez

Verwandschaftliche Beziehungen

Carrara war ursprünglich MetaCreations letzte 3D App und sollte die Lücke zwischen Bryce und Poser schließen bzw. RayDreamStudio ersetzen. Nachdem MetaCreations aber an COREL verkauft wurde und sich betreffs App-Entwicklung umorientierte, übernahm das Software-Haus EOVIA die Applikation und brachte sie unter der Bezeichnung Carrara Studio 2 auf den Markt als leicht erlernbare und vor allem bezahlbare 3D-Design und -Animation App. Das ist dem Team bei EOVIA meiner Meinung nach auch wirklich gut gelungen.

fullscreen

Da auch die Firma EOVIA von ehemaligen MetaCreations Mitarbeitern gegründet wurde, verwundert es also nicht, wenn leichte Anklänge an Poser oder gar Painter (auch ehemals von MetaCreations) sofort ins Auge fallen und man sich auf Anhieb irgendwie "zuhause" fühlt.

Besonders die Gestaltung der Farbpalette im sog. Texturraum bzw. ShaderDialog-Fenster ist nahezu identisch mit derjenigen in meiner Lieblingsapp Painter. Naja, irgendwie weht halt immer noch Kai Krauses Handschrift durch die Gänge. ;-)

carrara colors

Typo à la PhotoShop 4

Carrara Studio 2 bietet eine Menge Features, die das Arbeiten damit gerade für einen Einsteiger erleichtern können. Ein kleines Beispiel: Der Einsatz von Typografie ist wirklich ganz simpel und leicht verständlich, was die Handhabung betrifft. Bei C4D XL hatte ich erhebliche Probleme, ein befriedigendes Ergebnis zu erhalten. Hier nun geht es fast wie im alten PS4 - nur halt in 3D.

typo1

typo2

Ein weiteres Feature, dessen Vorzüge man schnell schätzen lernt, ist der sog. Browser, die Schublade am linken Rand des Workspace. Von der Funktion her eine Art Bibliothek, in der man einmal generierte Objekte, Kameras oder Lichtquellen ablegen, bzw. speichern kann (in entsprechenden Ordern organisiert), um sie in Zukunft jederzeit abrufbereit vorliegen zu haben. Das Einsetzen eines Objekts aus dem Browser in eine neue Szene geht tatsächlich ganz einfach per Drag & Drop.

Browser

Stabil wie Carrara-Marmor

In diesem Test lief Carrara Studio unter Mac OS 10.2.1 auf einem Dual G4 450 mit 768 MB RAM und dies auch noch erfreulich stabil. Kein einziger ungewollter Ausstieg! Auf einen Test unter OS 9 habe ich verzichtet. Unter dem klassischen Mac OS gibt EOVIA als Mindestkonfiguration für den Einsatz von Carrara sogar das gute alte System 8.1 (auf G3 mit 266 MHz) oder höher an, mehr als 64 MB RAM und mehr als 65 MB Festplattenspeicher, der für Programmdateien reserviert ist, plus 20 MB freier Plattenspeicher. 24 bit Farbtiefe wird ebenfalls empfohlen. Also durchaus keine exotischen Voraussetzungen für den Einstieg in die dritte Dimension. Obwohl natürlich auch hier gilt: Von allem mehr macht alles schneller.

Kompatibilität und dies und das

So ziemlich alle gängigen (2D) Datei-Formate sind mit Carrara kompatibel. So lassen sich beispielsweise gerenderte Szenen schnell mal als JPEG, TIFF, psd etc. speichern und anschließend versenden oder als Alternative zu Optimierungszwecken speichern. Mit seinen zahlreichen Im- und Exportformaten arbeitet Carrara Studio sehr gut mit Illustrator oder Premiere zusammen. Es gibt zudem Plug-ins für den Flash-Export und die Ausgabe (interaktiver) Viewpoint-Dateien. Der Wechsel von Carrara Studio 2 in den Finder oder in eine andere simultan geöffnete App ist ebenfalls auf elegante Art gelöst: In der rechten, oberen Ecke der Workspace befindet sich ein kleines Icon in Form eines Auges. Kurz darauf geklickt, und schon ist das Programm minimiert ohne es beenden zu müssen. Sehr praktisch.

minimize

Ach ja, vielleicht noch eines: Mehr als 15 Undos lässt Carrara nicht zu. Fürs 3D-Modelling sollte das aber ausreichen.

Mein Fazit

Kurz gesagt: Mit Carrara Studio 2 lässt sich der komplette Bereich des 3D-Designs und der Animation perfekt abdecken, von Objekt-Modelling, Gestaltung von Szenen bis hin zu Animation und Rendering. Und das zu einem Einstandspreis, der die Entscheidung wahrlich leicht macht. Zu den gebotenen Leistungen von Carrara bekommt man auf der CD noch eine Vollversion von Amapi 5 mitgeliefert, einem sehr guten NURBS-Modeller. Auf der zweiten beiliegenden CD-ROM sind jede Menge Modelle im Carrara-Format enthalten. Und das alles für knapp 500,- Euro!

Natürlich kann mein kleiner Erfahrungsbericht nicht das gesamte Spektrum der App behandeln, dafür müsste ich doch noch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Aber ich muss schon zugeben, dass Carrara durchaus das Potenzial hat, den User ganz schnell zu einem 3D-Addict werden zu lassen. Natürlich können andere 3D Softwares wie C4D XL oder Maya wesentlich mehr und dies auch präziser. Aber das ist halt auch eine Frage der Relation. Insbesondere der finanziellen. Und da steht Carrara wie gesagt äußerst gut da! Für einen Bruchteil der Kosten verzichtet man nur auf einige wenige High-End-Features. Also 3D for the rest of us - mich! Ich denke, ich werde noch weiter damit experimentieren! Ergebnisse sind dann vielleicht demnächst auf meiner eigenen Homepage http://www.mac-illu.de zu sehen. Vielleicht versuche ich mich auch mal am Import von Poser-Dateien in Carrara. Wie das geht, steht neben vielen anderen Tipps für 3D-Ein- und Aufsteiger hier.

Bis dahin viel Spaß beim "Steineklopfen" in (oder mit?) Carrara wünscht Euch

Gila

Kommentare

gaga

Von: gaga | Datum: 06.12.2002 | #1
gaga

Carrara tutorials

Von: Philip Staiger | Datum: 06.12.2002 | #2
Hier sind noch einige Tutorials:

http://www.carrarastudio.com/tutorials
http://www.staigerland.com/amapi/carrara

Carrara Studio kommt mit Vollversion von Amapi 3D 5.15, aber wenn Sie schon Weihnachtseinkauf gemacht haben und nur noch sehr wenig Geld uebrig bleibt dann geht's auch mit Carrara 3D Basics (in Europa unter anderem Namen). Da ist zwar Amapi 5.15 nicht inbegriffen, aber die Version 4.15 is frei hier: (Mac game developer resource): http://amapi.idevgames.com

Happy modeling!