ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 160

Welche unliebsame Gruppe ist denn heute Terrorist des Tages?

Ah ja, die Raubkopierer hatten wir noch nicht!...

Autor: kai - Datum: 14.06.2002

Vorwort: Dies soll kein Aufruf zum Raubkopieren sein, es ist lediglich notwendig, mal einige Aussagen zu kommentieren, die man so wie sie sind einfach nicht stehen lassen darf!
Es fing damit an, dass die Softwareindustrie durch jahrelange psychologische Konditionierung es geschafft hat, dass das Raubkopieren von Software als "Diebstahl" bezeichnet wird. Da mit Diebstahl aber die Entwendung eines Objekts bezeichnet wird, ist die Beschreibung schlicht und einfach falsch, leider berücksichtigt die ursprüngliche Gesetzgebung das Phänomen der digitalen verlustlosen Reproduktion absolut überhaupt nicht, der Tatbestand "Erschleichung von Leistungen" trifft es aber immerhin weit präziser!
Es ging damit weiter, dass die Softwareindustrie es geschafft hat, dass Raubkopierer als "Piraten" bezeichnet werden. Piraten waren allerdings raubende Mörder, die durch die Meere zogen, aber an wen ich bei Rauben, Morden & Software zuallererst denke, das sag ich jetzt lieber nicht. Leute, die Bits auf Polykarbonatscheiben brennen fallen für mich jedenfalls nicht unter diese Bezeichnung!
Der nächste Streich war, "nicht verdientes Geld" mit "Verlust" gleichzusetzen. Auf den ersten Blick sieht das vielleicht wie dasselbe aus, aber die Ironie und die Unvergleichbarkeit der beiden Termini wird am besten klar, wenn man sich an den alten Witz von dem Schotten erinnert, der den Bus verpasst und diesem den ganzen Weg hinterherrennt bis er merkt, dass er schon zuhause ist. Dort sagt er seiner Frau, was heute doch für ein toller Tag sei, weil er durch die Rennerei 1 Pfund Bus-Geld gespart habe. Seine Frau herrscht ihn allerdings an: "Du Idiot! Wärst du hinter nem Taxi hergerannt, hättest du 8 Pfund gespart!"
Es fällt mir also ziemlich schwer, diese unglaublichen "Verlust"-Zahlen, die die Industrie in regelmässigen Abständen veröffentlicht angemessen zu betrauern... Vor allem wenn man bedenkt, dass die Softwareindustrie praktisch überhaupt nichts zahlt, um mehr Exemplare derselben Software zu verkaufen (in dem Fall profitieren sie ja sogar von der digitalen Reproduzierbarkeit!), Herstellungskosten sind fast 0, die Gewinnmargen sollten also bei sich gut verkaufender Software jenseits von Gut und Böse liegen (Spiele jetzt mal ausgenommen, aber die BSA heisst ja nicht umsonst Business Software Alliance!)

Aber jetzt, lange nachdem auch der letzte eingeschlafen ist komme ich endlich zum Punkt: Dem ganzen wird jetzt nämlich die Krone aufgesetzt, und zwar indem unsere einbehuften Freunde aus Redmond uns erklären, dass jeder Raubkopierer die Al-Quaida und somit den Terrorismus unterstützt! Dafür hat Microsoft natürlich auch eine (wie immer selbst in Auftrag gegebene!) Studie vorzuweisen, deren Stichhaltigkeit & Glaubwürdigkeit in etwa dem der Alexis de Tocqueville-Studie entsprechen sollte, die sie als letztes in Auftrag gegeben haben um die unglaublich negativen Auswirkungen von Opensource auf die Konjunktur zu "beweisen"!
‹ber abstuseste Ecken wird krampfhaft versucht, das ganze mit der Al-Quaida in Verbindung zu bringen, und es tut fast weh, weil man merkt, dass hier einfach nur mit einem sehr grossen Hammer versucht wird, den eckigen Keil ins runde Loch zu bringen!
Es ist bekannt, dass Microsoft schon früher versucht hat, die Sache mit dem 11.September und die daraus resultierende Angst und den Patriotismus schamlos zu ihrem Vorteil auszunutzen, siehe hier, hier, hier, hier und hier - Wir fassen zusammen: Laut Microsoft sind folgende Leute Terroristen: Leute, die Viren & Würmer schreiben, Leute, die öffentlich über Sicherheitslöcher sprechen, Raubkopierer (neu!), Linux ist (noch) nicht direkt ein Terroristensystem, aber wenigstens schon mal "unamerikanisch" (was nach "either you're with us or with the terrorists" aber ja eigentlich dasselbe ist!), wohingegen das mit viel Trara in NY präsentierte Windows XP bei jedem stolzen Amerikaner natürlich sofort installiert werden sollte. Und ach ja: Der Milzbrand, der Milzbrand, wir als gute amerikanische Firma sind akut bedroht!
Ehrlich, M$: Findest du nicht langsam, dass es ziemlich lächerlich wird?
Und hier kommt die grosse Gretchenfrage, nicht nur in Richtung Redmond sondern auch an all die anderen, die nach Internetüberwachung schreien und hinter jedem IP-Paket einen Terroristen vermuten:

Gibt es auch nur einen einzigen effektiven Beweis, dass die Terroristen der Al-Quaida überhaupt Computer benutzen?

Und selbst wenn sie welche benutzen: Benutzen sie sie für ihre Anschläge?
Wo ist der Beweis, dass die ganze Paranoia auch nur den Hauch einer Rechtfertigung hat? Wo sind die Hackerangriffe aus Afghanistan (= 1 Internet-Zugang landesweit im Palast der Haupstadt!)? Was wurde aus den angeblichen Steganografie-Botschaften, die, versteckt in pr0n-Bildern angeblich zur Koordination dienten?
Kurz nach dem 11.September las ich auf einer amerikanischen Webseite das, was die CIA über Bin Laden weiss (zumindest das, was sie veröffentlicht haben, aber das war nicht wenig!) und eins ist mir im Gedächtnis geblieben: Seine Kommunikation läuft (nachdem er gemerkt hatte, dass der CIA sein Satelliten-Telefon angezapft hat!) über Boten auf Pferden! Was hat das denn bitte mit Terrorismus im bzw. durch das Internet zu tun und wie sollte man das durch Internet-‹berwachung verhindern können?
Also besser wieder alle mal langsam reiten mit den Terroristenvergleichen, bevor's zu lächerlich wird!

P.S: Besser ein Terrorist vor M$' Gnaden als ein Dieb wegen Pinkelpause während der Werbung! ;-)

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