ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1842

Mister Idei "unplugged", Teil I

Der SONY-Chef in einem äusserst seltenen Interview über Kommunikation, Computer, Strategien & Partner.

Autor: mike - Datum: 14.03.2003

Auf dem diesjährigen WEF Forum in Davos hat sich Tony Perkins von Always On zusammen mit Nobuyuki Idei und Sir Howard Stringer (Sony USA) an einen Tisch gesetzt, um ihre Meinung zu aktuellen Technologie-Trends auszuloten und vielleicht das eine oder ander über SONY's Strategie zu erfahren. Mister Idei, werden wir jemals ein kombiniertes Handy/PDA-gerät sehen, das auch dem Markt entspricht ?

Idei: Palm ist dort stark, wo die Mobiltelephone schwach sind. Palm ist stark in Amerika, nicht aber in Japan. Denn unsere Telephone sind deutlich leistungsfähiger und vielseitiger als amerikanische oder europäische Geräte. Dies hat damit zu tun, dass hinter den japanischen Handys Monopol-Firmen wie etwa DoCoMo stehen, denen sehr viel Geld zur Verfügung steht und die damit auch in der Lage sind, jeglichje Schicht des Ganzen zu kontrollieren. Wir denken das ist sehr gefährlich. Doch wie können wir mit jemandem wie DoCoMo konkurrieren? Das ist wieder eine andere Geschichte. Aber es gibt ja nur ein DoCoMo in der Welt, deshalb ist der Markt insgesamt unterteilt und SONY hat die Chance, es anderswo zu versuchen.

Wie steht es um Ihre Beziehungen zu Palm und Symbian ?

Idei: Was unsere OS-Strategie anbelangt, so ist uns nicht ganz klar, ob Symbian - das wir ja mit den Nokiatelephonen teilen - der richtige Weg in die Zukunft ist. Und ich kann Ihnen auch nicht sagen, warum SONY Symbian OS auf seinen Handys hat aber Palm OS auf seinen PDAs. [lacht] Sogar Bill Gates hat mich gefragt, ob ich verrückt geworden sei. Aber so ist unsere Geschichte. Ich möchte wirklich gerne entweder Symbian oder Palm besitzen - ja ich will sie kaufen. Vor drei Jahren war der Palm noch so simpel, aber er wird immer besser. Gegenwärtig ist mein Problem, dass wir als Palm-Lizenznehmer ihnen sehr viel Geld zustecken müssen. Palm ist wie Apple - Du weisst nicht wirklich, ob sie eine Hardware oder eine Software Firma sind. Aber Palm hat sich ja nun geteilt.

Würden Sie die Software Abteilung (bzw Tochtergesellschaft) von Palm kaufen?

Idei: Ja, wenn sie sie verkaufen wollen.

Wie, glauben Sie, wird sich der Rest der Mobilfunk-Branche entwickeln?

Idei: Wir haben bekanntermassen ein Joint-Venture mit Ericsson, welches für die aber ganz klar eine Exit-Strategie darstellt. Es geht ihnen nicht (mehr) ums Geschäft mit den Telephonen, sie interessieren sich für die Basis-Stationen und den Backbone. Das war 90% und ist jeztzt 100% ihres Geschäftes. SONY ging die Zusammenarbeit ein weil wir unter ihrem Patente-Schirm platz finden wollten; andererseits hätten wir gegen 15% an den GSM-Lizenzinhaber zahlen müssen. Wir hätten uns das nicht leisten können.
(Anmerkung Mike: Vor Ericsson arbeitete SONY in diesem Bereich mit Siemens zusammen)

Was ist mit Nokia?

Idei: Nokia focusiert sich auf Massenware - sie wollen soviel Telephone wie möglich zu günstigen Preisen verkaufen. Aber in meiner Beobachtung bin ich mir nicht sicher, ob sie sich wirklich bewusst sind, was die wahre Chance im Telephongeschäft ist. Ich spreche von der sicheren Verbreitung von Musik auf die Telephone.

Wie steht es generell um das Herunterladen von Musik auf Geräte? Das ist ja Sir Howards Bereich. Heutzutage wollen die Kids von überall auf die ganzen Dienstleistungen im Unterhaltungsbereich zugreifen können, jederzeit, jedoch zeigt sich die Unterhaltungsindustrie zögerlich, dies zu erlauben.

Idei: Es ist ein Traum von mir, den jungen Leuten Musik bereitstellen zu können, ohne dass sie sich schuldig fühlen müssen. Heute wissen sie, dass das Herunterladen der Musik illegal ist. Denn wir müssen die Rechte der Künstler schützen.

Sir Howard: Zuerst dachten die Musiker, das Internet sei wundervoll. Heute kommen sie zu mir und bitten um Schutz vor den Raubkopierern.

Ich denke die Kids werden bezahlen, wenn man ihnen ein anständiges Angebit macht, das nicht überissen ist und unkompliziert angewendet werden kann

Sir Howard: Nun ja, das denken wir auch - wir hoffen es, aber wir wissen es eigentlich nicht.

Idei: Die Musik-Industrie war verwöhnt. Sie haben die gesamte Distribution der Musik kontrolliert, indem sie die CDs produzierten and dabei konnten sie ihre profite schützen. Deshalb haben sie sich dem Internet verweigert. Vor 6 Jahren habe ich SONY Music angewiesen, zusammen mit IBM daran zu arbeiten, wie man ihre Inhalte sicher über das Internet vertreiben könnte. Aber niemand bei denen wollte hinhören. Dann, etwa vor 6 Monaten bekamen sie Panik. Die Musikindustrie muss von der Vorstellung wegkommen, ganze CDs verkaufen zu wollen hin zum Gedanken, einzelne Songs zu vertreiben zu einem Preis, der lächerlich gering erscheint. Ich rede von 10 oder 20 Cents. Mit einem geeigneten Vetriebssystem (bezogen auf die Rechte) kann dabei sogar das File-Sharing ermutigt werden, da damit sogenannte Micro-Payments für ein bescheidenes Entgeld sorgen. Die Musik Branche muss sich neu erfinden, wir können den Vertrieb nicht länger so kontrollieren, wie es üblich war. Aber es ist natürlich schwierig, die richtige Herangehensweise eines solchen Projektes herauszufinden.

Kommentare

fein!

Von: Bert | Datum: 14.03.2003 | #1
Thanx Mike, das ist ein erfrischend ehrliches Interview...sehr spannend! Bert

Kids und Musik

Von: tads | Datum: 14.03.2003 | #2
Zum Thema Musik und Kids kann man eigentlich nur eines sagen: Wenn die Möglichkeit besteht, Musik kostenlos zu bekommen, muss das Angebot schon sehr gut sein, damit sich Kids die Musik nicht sonst wo besorgen. Der einzige Grund, warum Musik überhaupt noch von Kids gekauft wird, ist das fehlende Wissen über das Laden von Musik oder wenn man mit der CD selbst etwas verbinden kann.

Soweit meine Meinung, und ich denke, dass ich das mit 18 doch noch recht gut nachvollziehen kann!

@ tads

Von: Mr. Mike | Datum: 14.03.2003 | #3
Da hast Du grundsätzlich Recht. Aber ich finde den Preis den Idei aus dem Bauch raus genannt hat - 10 oder 20 Cents - ist *erstaunlich* tief. Vorher hatte man von "Super-Angeboten" zu 99c gehört...

Der Mensch hat aber grundsätzlich schon ein Qualitätsbewusstsein, man muss es ihm aber erst mal sagen! Sprich, bei einem entsprechend gut aufgesetzten Angebot zB durch Sony Music, oder dem kommenden Apple-Angebot (AAC, vom Web via iTunes direct auf den iPod, Preis/Song aber unbekannt) könnte das schon ziehen. V.a.bei periodischer Einziehung der Kosten wie den SMS-Kosten auf der monatlichen Abrechnung.

Dieser Mann hat übrigens mein SONY Bild wieder etwas gerichtet. Bzw Nein, es war eher das was er gesagt hat. Aber egal.
Nachdem ich Ende der 80er und Anfang der 90er ein SONY Freak war, legte sich das nach dem MiniDisk Debakel langsam und kehrte sich bei den DVD Playern ins Gegenteil. Nunmehr kann ich die Marke wieder angucken, wenigstens *ggggg*

Dumm ist leider nur, dass von den damals angeschafften SONY Komponenten eigentlich nur noch der Beamer funktioniert und die alte Video8 Kamera, die ich nie recht benutzt habe, weil ich lieber Ferien mache als Ferien filme.

Kaffee, jemand?

kaffee?

Von: Bert | Datum: 14.03.2003 | #4
Nein. Tee bitte, Darjeeling first flush und nur ein Tropfen Milch und Röstbrot. :-) Bert

musik download vs. cd

Von: daniel | Datum: 14.03.2003 | #5
ich glaube, dass es weiterhin genug jugendliche gibt, die sich lieber eine cd ins regal stellen, mit booklet und so, als sich die musik online zu beschaffen.

paradoxerweise haben ja in den vergangenen jahren verschiedene studien gezeigt, dass gerade diejenigen, die viel mp3s saugen, auch vermehrt cds kaufen.

ich beobachte das an mir selber. in letzter zeit bin ich selten mit nur einer einzigen cd aus dem laden gekommen, sondern man hat mal etwas von jenem interpreten gehört, und von der band hat man schon ein album als mp3, also kaufe ich mir 'ne cd von denen (nicht unbedingt die neuste, vielleicht ist gerade 'ne "remastered" rausgekommen).

manche interpreten haben z.b. auch bonus-material auf ihrer cd, das man am computer ansehen kann, einem zugang zu 'ner website verschafft, wo man dann weitere songs ganz legal saugen kann.

die musik-industrie sollte nicht auf repression durch kopierschutz, sondern auf anreize, eine cd zu kaufen setzen, wie die beiden sony-manager richtig bemerken (nur umgesetzt wird das von keinem der grossen labels...)

gruss
daniel

@tee

Von: daniel | Datum: 14.03.2003 | #6
für mich einen earl grey, bitte :-)

daniel

& Dijoner dazu;-) n/t

Von: Mr. Mike | Datum: 14.03.2003 | #7
Error: please type a comment

(took yours)

CD-Kauf vs. MP3 Download

Von: Thyrfing | Datum: 14.03.2003 | #8
Was mich bisweilen vom "proffessionellen" laden der Musik abhält ist zum Einen die Qualität der vorhanden MP3's. So nach 30sec kann ich manchmal das Geschrammel aus den Boxen nicht mehr ertragen, dann muss ich auf jeden Fall eine "cleane" CD hören:-)
Zum Anderen fehlt mir als überzeugter Musikhörer das Booklet mit den Texten und eine Verpackung, die im Regal etwas hermacht.
Natürlich kann man mittlerweile Texte und Cover aus dem Netz saugen, aber auch da ist die Qualität mies, ausserdem ist das nicht das Gleiche. Mein Gerechtigkeitssinn protestiert, da ich Musiker in der Familie habe und ich weis, dass dies sicher kein leichtes Leben ist (es sei denn Onkel Bohlen casted dich für RTL).
Dies ist auch eine Frage des Respektes, den ich anderen Menschen angedeien lasse, zumindest sehe ich das so. Da sich die grosse Masse der Freeloader in einem Bereich von 14-18Jahren bewegt, ist es mit dem Respekt nicht so weit her, weil dies Leutchen sind, die sich noch die Hörner in der Welt abstossen müssen:-))

Ich würde zahlen - kids vielleicht auch

Von: iSee | Datum: 17.03.2003 | #9
Wenn man die Unsummen bedenkt, die viele den Mobilfunkbetreibern in den Rachen schieben (0,2 Euro für die Übertragung meist sinnfreier 160 byte), dann sollte man doch meinen, dass richtig aufgestellt auch 0,2 Euro für ein Lied in guter Qualität zu holen sind. Die Qualität von iTunes bei 160 kBit finde ich ok, AAC wäre ja z.B. noch etwas besser. Die Booklets habe ich griffbereit liegen, die Audio CDs stapeln sich in den Tiefen des Schranks, iTunes oder mein iPod ist einfach praktischer zu bedienen.

Aber an Audio CDs kommt man ja mittlerweile eigentlich nicht mehr, sondern nur noch an Silberscheiben, die CDs irgendwie ähnlich sehen. Kaufen tun wir immer noch, z.B. die neue CD von den Wise Guys http://wiseguys.de/ mit namen Klartext, bei der ich die Musik und das Booklet, nicht aber die CD empfehlen kann. In meinem direkten Bekanntenkreis haben sich noch 3 Leute die CD gekauft, ausleihen wäre also kein Problemn gewesen, und wir haben sie alle nicht wegen sondern trotz des Kopierschutzes gekauft, werden aber überlegen, ob wir Pavement Records diesen Gefallen nochmal tun werden. Die Wise Guys bekommen ihr Geld spätestens beim nächten Konzertbesuch der betimmt kommt.

Sie halten übrigens selbst nichts davon, das die CDs kopiergeschützt sind, haben aber keinen Einfluss darauf! So etwas sollte m.E. gesetzlich verboten werden.

Musik, die ich nicht mit meinem iPod hören kann, werde ich nicht kaufen, sonst zahle ich auch gerne mal ein paar Euro für gute Musik.

Grüße,
iSee