ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1846

CeBIT - wann tanzt Steve Ballmer?

Verbot der "Motivationskultur" ins alte Europa gefordert!

Autor: bh - Datum: 15.03.2003

Unser lieber Onkel Heinz berichtet so manches, und hält sich mit eigenen Kommentaren zurück. Hin und wieder erkennen aber seine Lieblingsneffen an der Auswahl der Geschichten und dem bedächtigen Wiegen seines Kopfes, dass er sich gerade sehr wundern muss.
Werfen Sie doch einen Blick auf diese Story und kommen dann wieder hierher.

Na? Gehören Sie auch zu jenen, die es seltsam finden, wenn Telekom-Angestellte im Chor ihren Gefühlsstand kundtun sollen, oder in grauen Anzügen die Welle machen? Graue Anzüge - welcher Organisationsberater hat die denn genehmigt? Bei Siemens wird ein Motivationstänzchen gemacht, während noch "Go Te-le-kom" herüberschallt, aber die Puppen müssen tanzen und das Adrenalin muss spritzen, bis die Drüse nicht mehr kann. Wir sind schließlich hier auf einer Messe, und wenn schon kein Wasser in Wein gewandelt wird, dann doch zumindest ein paar Mitarbeiter in eine willige Masse, die sich darüber freut, "wenn man mal ein paar Minuten Tuchfühlung mit der Führungsmannschaft hat" - denn immerhin kommt jeden Tag ein anderes Vorstandsmitglied zur Konzern-Meditation. Genau die Vorstandsherren, die sich später mit einem Quartalsumsatz als Abfertigung in den Flieger setzen, warum tanzen die nicht mit?

Weil aber alle so mit der Fokussierung auf die eigenen Mission beschäftigt sind, bemerkt keiner die alte Frau, die sich mit Kamera und Morphiumspritze da hinten auf den Fahnenmast raufzieht. "endlich mal wieder so dolle Massenbewegungen von oben einfangen zu können" - ach war ja klar, bei solchen Spektakeln ist Leni natürlich mit dabei, bei Te-le-kom und Siemens ist sie genau richtig. Die gute alte Vogelperspektive peppt auch Berichte von der Reichs- äh elektronikmesse auf.

Jedes Jahr wieder bin ich froh, den CeBIT-Job ein paar Kollegen überlassen zu können. Als Protestant meide ich Messen grundsätzlich. Wie lange noch, bis auch bei uns verfettete Manager zu fetten Beats über die Bühne trampeln und schwitzend für irgendeinen hirnlosen "wir lieben euch lohnknechte, immer weiter so"-Spruch beklatscht wird?
Alle Beteiligten auf einen Slogan einschwören, so lange mit Musik beschallen, bis keiner mehr einen kritischen Gedanken fassen kann. Vor ein paar Jahrzehnten gab es da einen anderen Ansatz. Ein Unternehmen stellte seinen Leuten Billardtische in die Büros, es gab Tischfußball und Dartscheiben, weil sich jeder entfalten soll. Die Arbeitszeiten waren mehr als flexibel und von grauen Anzügen war nicht die Rede. Damals gab es ein Arbeitsklima, in dem NEUES entstanden ist. Heute gibt es Motivationstrainer, die uns so toll in den Tag starten lassen, dass Siemens eigentlich froh sein muss, wenn das Innovationspotential für mehr Pixel, mehr Farben und mehr Klingeltöne reicht. Länger, größer, härter, fester, schneller. Neu? Nein. Wie Unternehmensf****ismus eine Messe kaputt machen kann...weil man von jedem er "eingeschworenen" Mitarbeiter ohnehin nur dasselbe hört. Wie lange dauert es noch, bis das Jahresmotto in Hannover nur noch "ceBITte" lautet...?

Kommentare

Tanzender Bär?

Von: apmacus | Datum: 15.03.2003 | #1
Solches Verhalten ist mir einfach nur Suspekt und lässt mich schauern.
"Wollt ihr den totalen Krieg... grööl grööl grööl."

' die Leni '

Von: goerge | Datum: 15.03.2003 | #2
ueber 'die Leni' negativ zu urteilen gehoert ja zum guten ton(oder nicht?), aber es gab genug juristen und industrielle und männliche !!! künstler, über die nicht geurteilt wurde und die fröhlich in alten positionen und altemneuem glamour weitermachten. das kotzt mich an !!!! nach all den jahren immer noch nichts weiterentwickelt in den meisten männlichen hirnen

Das ist wieder typisch

Von: Thyrfing | Datum: 15.03.2003 | #3
hier werden die Mitarbeiter solange gedrillt, bis sie ihr ganzes Selbstwertgefühl aus der Arbeit beziehen. Danach wird dann der Erfolg im Leben mit dem Erfolg in der Arbeit ausgetauscht und keiner merkt das er schon lange viel mehr arbeitet für viel weniger Geld...
Dieses ganze Getue dient doch nur der Abhängigkeit der Leute, bei meinem Arbeitgeber lehne ich das immer strikt ab. Vor allem bei den Sprüchen von einer großen Familie und dergleichen verlasse ich immer kommentarlos den Saal.
Diese Art "Amerikanismus" bringt uns alle dorthin, wo die uns haben wollen, wir mutieren zu grinsenden Kaninchen, die dem Wolf kurz vor der Mahlzeit noch mal zum Jagderfolg gratulieren.

So, jetzt ist gut, sonst kriege ich wieder die Wut...

Familie? - Nur solange die Familie bekommt, was sie will!

Von: Armin | Datum: 15.03.2003 | #4
@tyrfing
stimmt voll und ganz - nur um willig zu werden wird diese Gehirnwäsche durchgeführt. Immer wiederholen, bis man wirklich daran glaubt. Solange man für die sog. Familie alles gibt, ist es normal. Wenn man von der sogenannten Familie dann erwartet, Verständnis zu zeigen oder sonstiges wird die sog. Familie wieder schnell zum bösen Unternehmen. Also meine Familie schmeißt mich nicht gleich ins Exil, nur weils mal gerade so läuft, wie es soll. Die Familie hält zusammen - hab ich bei einem Unternehmen noch nie gesehen!
-Hab ich da nicht was leuten hören von 30.000 geplanten Entlassungen bei der Telekom? Fragen wir die mal nach der tollen Familie! Achja - Siemens, da sind doch auch noch einige Arbeitnehmer zu viel, oder?

Telekom endlich auf WalMart-Niveau

Von: Thomas Ungricht | Datum: 15.03.2003 | #5
kotz - spei - schüttel,

mit dieser Scheisse ist die Telekom in den richtigen Kreisen angekommen. Trotzdem werden sie eines Tages untergehen, da freue ich mich jetzt schon drauf.

Thomas

(noch telekom-Kunde - hier auf dem Dorf haben sie noch das DSL-Monopol)