ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 1847

Mister Idei "unplugged", Teil II

Der SONY-Chef in einem äusserst seltenen Interview über Kommunikation, Computer, Strategien & Partner.

Autor: mike - Datum: 15.03.2003

Auf dem diesjährigen WEF Forum in Davos hat sich Tony Perkins von Always On zusammen mit Nobuyuki Idei und Sir Howard Stringer (Sony USA) an einen Tisch gesetzt, um ihre Meinung zu aktuellen Technologie-Trends auszuloten und vielleicht das eine oder ander über SONY's Strategie zu erfahren. Aufgrund SONY's Grösse und der Kundenschar haben sie offensichtlich einen grossen Einfluss darauf, welche Standards oder Platformen sich etablieren können. Linux ist eine relativ junge Plattform, die in strategischer Sicht immer wichtiger wird. Heute besitzt Linux einen entscheidenden Marktanteil bei den Servern. Es gibt Eindrücke dass Linux auch im Desktop-bereich eine zunehmende Rolle spielen könnte.

Idei: Aber bisher ist das Zukunftsmusik. Linux ist bisher bei den Clients nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Der Vorteil eines Modells wie es Microsoft verfolgt ist der, dass *eine* Firma stets an der Verbesserung arbeitet. Da Linux auf OpenSource basiert, müssen wir jedes Mal, wenn wir etwas entwickeln, es auch für andere öffnen. Unglücklicherweise muss jemand dafür verantwortlich sein, das alles zusammenzufügen, damit die Interoperabilität erhalten bleibt. Wer wird in der Linux-Welt diese Rolle übernehmen, die MS bei Windows spielt?

Nun ja ich bin sicher Microsoft würde dies gerne für sie tun...

Idei: Microsoft will für alles ihren eigenen Code einsetzen, aber das ist nicht möglich. In der Vergangenheit haben sie jedesmal, wenn sie ein neues OS entwickelten, auf eine andere Programmiersprache gesetzt. In Zukunft wollen sie ihren Code vereinfachen, damit er mit verschiedenen Programmiersprachen funktioniert und die Fehlersucher verkürzt wird.
Wir sind uns bisher nicht sicher, wie wir alle unsere Geräte offen miteinander vernetzen wollen, damit sie miteinander sprechen, da wir diese Art der Erfahrung nicht haben. Unsere beste Strategie ist, uns auf das Verkaufen von Unterhaltungs-Diensten und -Hardware zu konzentrieren und dabei mit einem erfahrenen OS Partner längerfristig zusammenarbeiten.

Wenn Sie sich ansehen, was Linux im Serverbereich erfolgreich gemacht hat, war es IBM die sagten "Wir werden Linux sicher fürs Enterprise" (IBM Linux Portal)


Idei: Das ist richtig.

IBM offerierte seinen Kunden Linux Server, Services, Sicherheit und das Hosting. So erhielten die Kunden alles was sie brauchten mit dem zusätzlichen Vorteil der Open Source. Sie sagen dass Sie dasselbe brauchen könnten für den Heimbereich. Warum könnte dieser Partner nicht IBM sein, wenn sie doch wissen wie man so etwas vom OS Niveau her angeht?

Idei: Mag sein.

Immerhin haben sie keine Ambitionen, sich im Heimbereich zu etablieren. Lou Gerstner und Sam Palisano haben das ja vor einer Weile beschlossen.

Idei: IBM könnte eine gute Wahl sein, aber auch Sun. Wir versuchen derzeit, die Roadmap dafür auszuarbeiten. Wir bzw. IBM haben schon angekündigt, dass wir mit IBM und Toshiba am neuen Chip für die PS3 arbeiten ("Cell" Prozessor, modernstes Stück Halbleiter derzeit, Anm. Mr.Mike). Aber damit der Chip, das Gerät und das Netzwerk zusammenarbeiten, braucht es ein Zweijahres-Projekt.

Da Sie einen OS Partner auf lange Sicht brauchen, bleiben eigentlich nur 4 Kandidaten: Microsoft, IBM, Sun und Apple.

Idei: Das stimmt. Ich denke das IBM und Sun in Frage kommen. Interessanterweise hat IBM mehr Java-Entwickler als Sun.

Aber Sun ist jüngst etwas ins Trudeln gekommen und sie sehen sich Linux als "Verteidigung" an, während Linux für IBM die Offensive ist.

Idei: Sun hat Probleme im Management. Wir liefern ihnen SRAm Chips, daher wissen wir das ;-)

Wir haben neulich mit diversen Firmen im Silicon Valley gesprochen, die ihre Back-End Server aufrüsten wollten. Entweder kaufen sie Sun Server für 120'000 Dollar, oder sie kaufen welche als Gebraucht für die Hälfte, oder sie gehen hin und stellen ein paar Intelkisten rein, die Linux laufen haben. Das kostet dann etwa 1'000 Dollar. Einige behaupten sogar, die Dells würden schneller arbeiten als die Suns. Wie dem auch sei, Sun muss hier einen Unterschied von 1:10 ausgleichen, was das Verhältnis Preis/Leistung betrifft. Jetzt sagt Sun aber, Linux könne kein Oracle laufen lassen oder strategische Applikationen. Doch Larry Ellison bzw. Oracle haben angekündigt, dass die gesamte Oracle-Datenbank bis Ende 2003 auf Linux läuft, mit derselben Qualität wie es die heute auf Sun Solaris tut. Deshalb ist Sun in Probleme geraten.
Steve Ballmer hat uns kürzlich erzählt, dass die beiden Dinge, die ihn am meisten beunruhigen, Oracle und Linux seien. Linux schreckt ihn mehr, denn das ist ja noch Open Source.


Idei: Das ist interessant. Aber wohin SONY auch geht, wir wollen die Roadmap in unserer Kontrolle haben.

The Preisfrage lautet: Wie werden der Heimbereich und der Kommunikationsbereich zusammenfinden? Es ist Apples Religion geworden, dass das Heim PC-orientiert ist. SONY scheint zu denken, das es TV-zentriert ist. wie wohl wird das ausgehen?

Idei: Es gibt keinen Gewinner hier. Wir betonen den Fernseher als zentrales Element wegen der PlayStation. Es ist für uns eh schwerer, auch mit einem PC zu kommen, denn Microsoft dominiert den PC-Markt.

Machen Sie sich Sorgen wegen der X-Box?

Idei: Nein, überhaupt nicht.

Warum nicht?

Idei: Weil Microsoft Geld verliert bei der Produktion der Hardware, und ihre Verluste werden grösser. Wir haben von unserem ersten Produkt 25 Millionen Einheiten verschickt, während die 8 Million verkauften und dabei noch Geld verloren. Das ist ein grosser Unterschied. Des weiteren können sie ja keine Hardware bauen und Graphikchips in ihre Produkte integrieren - sie müssen das alles irgendwo einkaufen. Sie können sich nicht mit SONY anlegen, weil sie keine Chance gegen unsere Margen haben.

Zurück zur grossen Frage: Wer jetzt ein Handy, eine Palm, einen iPod und einen Fernseher hat, dann weiss er eigentlich nicht, wie er die zur Zusammenarbeit bewegen könnte. Wie sieht hierzu die Strategie von SONY aus?

Idei:Gegenwärtig ist unsere Plattform-Strategie zweigleisig. SONY ist ein Lizenznehmer von MS für den PC, sodass wir deren Roadmap längerfristig teilen. Wir arbeiteten die letzten 2 Jahre auch wirklich mit ihnen zusammen, um die Qualität von Audio und Video in Windows XP zu verbessern (bzw. MS baute unsere Verbesserungen in WinXP ein). Auf diesem Weg wird der PC mehr zu einem Unterhaltungsgerät für MicroSoft. Aber wir werden einfach warten müssen, um zu sehen ob die Kunden den PC als Multimedia-Zentrale akzeptieren wird...

Die zweite Plattform soll die PlayStation mit dem Fernseher und einem Heimserver verbinden. Wir haben ja neulich bekanntgegeben, dass wir zusammen mit Panasonic und Philips auf Linux setzen, was das Betriebssystem angeht. Basierend auf dem Linux Kernel bauen wir dann unsere MiddleWare und die Programm-Interfaces, sodass die PlayStation, zukünftige TV-Geräte und neue Videokameras alle mit derselben Plattform arbeiten.

Um dies zu erreichen, brauchen wir über der MiddleWare ein Betriebssystem, ein User Interface. Jedoch finden sich in der Elektronik-Industrie sehr wenige Leute, die sich mit der Architektur von Betriebssystemen auskennen, weshalb es für uns sehr schwierig wäre, in diesem Bereich konkurrenzfähig zu sein. Sogar hier bei SONY, wo wir viele kluge Software-Ingeneure haben, können wir nicht mit der IT Branche schritthalten, was diesen Bereich betrifft. Trotzdem wollen wir diese Plattform definieren un duns überlegen, welche Bereiche davon wir selbst kontrollieren wollen. Grundsätzlich jedoch sollte sie so offen wie möglich sein, um sich zu etablieren.

Was sind SONY's Pläne für den heimischen Fernseher?

Idei: Wir verkaufen etwa 12 Mio. Fernseher jedes Jahr. Irgendwann werden die mit kabellosen Netzwerken ausgestattet sein und mit dem PC oder Heimserver interagieren, aber gegenwärtig sind es dumme Terminals, die nur eine Anzeigefunktion haben. Wir werden letzten Endes das Internet und Kommunikation in den Fernseher integrieren, aber das wird natürlich nicht über Nacht passieren. Wir wissen dass derzeit eine geringe Nachfrage hinsichtlich dieser Funktionalität besteht. Und hinzu kommt, dass der Fernseher nie so flexibel sein wird wie der PC, auch weil er einfach zu bedienen ist und es bleiben muss. Wir brächten da eine Geniale Idee, wie man einige der Funktionen eines PCs in den Fernseher übernehmen kann während man ihn so simpel wie bisher hält. Wenn wir die Lösung hierzu in Silicon Valley finden würden, wäre das toll.

Das Problem das wir hier zu lösen versuchen ist die "User Experience" auf der obersten Ebene des OS. Das Test-Modell dafür ist das, was Steve Jobs mit Jaguar tat. Persönlich habe ich iTunes, iPhoto, iMovie gleichzeitig laufen und es ist transparent. Wenn ich eine DVD einlege oder den iPod anschliesse, kommt das Icon automatisch auf meinen Bildschirm. Wenn ich meine SONY Cybershot an den Mac hänge, muss ich gar nichts tun, da die Technik schlau genug geworden ist, anzunehmen, dass man mit einer soeben angeschlossenen Kamera wohl di Bilder ansehen möchte - deshalb erscheint automatisch iPhoto. Ich muss dazu nicht mal die Maus berühren! Das ist das Modell für SONY.

Idei: Wir haben uns sogar mehrfach mit Steve Jobs getroffen letztes Jahr; im Januar, im März und nochmals im Juni, um zu versuchen, eine Strategie herauszuarbeiten. Aber Ihr kennt Steve, er hat seine eigenen Agenda. [lacht] Obwohl er ein Genie ist, erzählt er Dir nie alles. Er stellt eine schwierige Person dar, wenn Du als grosse Firma mit ihm arbeiten willst. Wir haben ja begonnen mit ihnen zu arbeiten, aber es ist ein Albtraum. Wir haben das exakte Pendant zu Steve Jobs auch in unserer Firma: Sein Name ist Ken Kutaragi. Sie respektieren einander. Vielleicht können wir sie dazu bringen, zusammenzuarbeiten, sodass die beiden eine Lösung finden, wie wir die PlayStation und den Mac soweit bringen, dass sie miteinander arbeiten.

Nun ja, in einem gewissen Sinne was SONY stets das Modell, das Steve Jobs für Apple vorschwebte

Sir Howard: So gesehen sind wir auch Rivalen, und der Versuch uns zusammenzubringen ist reine Zeitverschwendung.

* * * Ende * * *

Schlussbemerkungen:

Es hat mich fasziniert, was dieser Mann alles gesagt hat, oder soll ich sagen wieviel? Wir sehr sich diese Art doch von der "gewohnten" westlichen Art unterscheidet, wo jeder stets von der Angst getrieben wird, etwas zu verraten oder Geld zu verlieren. Mister Idei lässt deutlich die japanische Mentalität durchschimmern, beispielsweise auch wenn er sagt, dass es doch toll wäre wenn Steve und Ken zusammenarbeiten würden - obschon er das in seiner Position auch forcieren könnte, so wie er auch SONY Music mehr Druck hätte auflegen können.

Erfreulich ist der Einfluss, den Apple zu haben scheint - bzw. erfreulich ist, dass sie nicht nur aus der Sicht eines MacFreaks eine führende Rolle in der Strategie der Verschmelzung PC/TV haben, sondern auch in der Industrie. Es braucht auch Firmen, die das vormachen, damit Dell, et al. nachziehen können: Relativ wenige Firmen sind von sich aus in der Lage, Opinion Leaders zu sein. Viele wollen es auch nicht. Man muss sich bewusst sein, Leute wie Steve Jobs oder Ken Kutaragi sind selten - noch viel seltener in einer Schlüsselposition. Bei aller Marktwirtschaftlichkeit braucht es führende Köpfe, die durch den Aktien- und Börsenfilz hindurchsehen, und ihre Neuronen dazu benutzen, sich die Zukunft auszudenken, anstatt Krieg zu führen,Leute zu verklagen oder Kunden zu verarschen.
(Kutaragi hat den LCD Beamer erfunden - in den 70ern. Er hat eine VideoCam mit CDR gebaut die den anderen meilenweit voraus ist, er hat die PlayStation erfunden, besitzt Patente über MicroPayments und arbeitet an der Playstation 3. Steve Jobs kennen wir ja).

Kommentare

das war doch mal was!

Von: morpheus | Datum: 15.03.2003 | #1
So ein bericht ist jede Sekunde Wert, die man vor dem Bildschirm sitz. Es war dar faszinierende Blick" hinter die Kulissen" . Ein Blick ins Lobor auf die Prototypen in Sachen Strategie.

Im Forum

Von: Thyrfing | Datum: 15.03.2003 | #2
haben wir gerade einen Thread, in dem wir uns Gedanken über die digitale Zukunft machen, seltsamerweise ist der Name Sony noch nicht gefallen.
Das sollten wir nun mal überdenken, nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, die PS2 (oder PS3) an einen Mac zu klinken.
Vielleich wird's sogar ganz nett :-)
Ansonsten sind eure Berichte klasse, sehr informativ, weiter so.

Apple Avantgarde

Von: GRAVIS-is-Scheisse | Datum: 15.03.2003 | #3
Matthias Horx: Soziologe und Gründer des Zukunftsinstituts: Apple-Computer sind die Horchs und Maybachs der heutigen Computerwelt: Schönheit und Eleganz spielen endlich eine Rolle.

http://www.ftd.de/tm/it/1047031835390.html?nv=hpm