ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 2230

Fred vom Jupiter Plug.IN

Viel Lärm um wenig

Autor: flo - Datum: 30.07.2003

Anfang dieser Woche traf sich zur Jupiter Plug.IN in New York schon zum achten Mal alles, was im Musik-Business Rang und Namen hat. Neben insgesamt vier Keynotes von Vertretern von Apple, Roxio, Cherry Lane Digital und Universal fanden einige "Gesprächskreise" zu konkreten Themen statt, die laut Veranstalter "spirited debate and in-depth analysis" boten - nun ja. Auf PaidContent.org ist eine gute Zusammenfassung aller blafasel Beiträge nachzulesen, doch wer des Englischen nicht so mächtig ist und die grüne Seite der Geschichte hören will, dann... Peter Lowes (Director of Marketing for App. and Services bei Apple) Keynote liest sich erwartungsgemäß wie eine Wiederholung dessen, was Steve Jobs bereits bei der Einführung des iTunes MusicStores gepredigt hatte: P2P böte zuwenig Zuverlässigkeit, zu wenig Service (Vorschau, Cover-Art) und es sei natürlich Diebstahl. Abo-Services seien ebenfalls der falsche Weg. "Simplicity" sei das Zauberwort, und der Erfolg des Stores gibt ihm recht. Außer den aktuellen Zahlen (46% aller Songs als Album verkauft, 300.000 verkaufte iPods seit Einführung des iTMs) war nichts Neues von Lowe zu vernehmen: Die Windows-Variante bleibt weiterhin auf "Ende des Jahres" datiert. Immerhin: Mit "Moby" sei nun als einer der ersten "Independents" auf iTunes gelistet.

Chris Gorog, CEO von Roxio, stimmte nach dem Kauf von PressPlay natürlich das Hohelied auf "Napster 2.0" an, das bis Weihnachten dieses Jahres starten soll. Im Gegensatz zu Apples Ansatz verspricht sich Roxio durch ein "Abo-Modell" den großen Durchbruch und hofft vor allem auf die große Bekanntheit der Marke "Napster". Interessanterweise schmückt Gorog seine Rede mit Begriffen wie "à la carte downloads" und "online music experience" - Begriffe die stark an Apples Rhetorik erinnern. Immerhin soll Napster nicht ganz so restriktiv sein wie manch anderer Service (spielbar auf mehreren Rechnern) und binnen 12 Monaten nach dem Start auch in Europa verfügbar sein. Anfangs wird Napster im Übrigen Server-basiert arbeiten - die P2P-Technik sei aber eine Option. Insgesamt klingen gerade die Lobeshymnen auf "Napster" als Marke zumindest in meinen Ohren unglaubwürdig - schließlich floppte das Bezahl-Napster unter Bertelsmann schon einmal.

Jim Griffin, ehemals bei Geffen Records und nun CEO von Cherry Lane Digital beschäftigte sich wortreich mit der Zukunft des digitalen Vertriebs. Löblicherweise mahnte er an, nicht "das eine, perfekte System" zu suchen, sondern ein faires System anzustreben. Durch technologische Finessen alleine könnte man ein sicheres System nicht gewährleisten - wer das behaupte, würde lügen (bewusst, denn Hollywood rückt nur aufgrund solcher Zusicherungen ihren Content heraus). Griffin geht es vor allem darum, dass die Künstler auch wirklich bezahlt werden, ohne dass er besonders konstruktive und vor allem greifbare Vorschläge unterbreitete. Ein Service, wie kürzlich von CDBaby ins Leben gerufen, dürfte aber der abstrakten Vorstellung Griffins wohl sehr nahe kommen.

Öl ins Feuer goss dann Larry Kenswill von Universal Music, der, mal abgesehen davon, dass fast seine gesamte (laaaange) Rede als "Blaaah" bezeichnet werden könnte, sich eben genau der Wortwahl bediente, die jeden MI-Gegner auf die Palme bringen muss, bevor er überhaupt einen Satz fertig gesprochen hat. Er führt "Kriege", sieht sich einer wahren Rufmord-Kampagne in der Öffentlichkeit ausgesetzt, weil sie sich weigerten, "to acknowledge the public's God-given rights to steal music [...] Every day wasted is another day the online guy steals the music." Gut gebrüllt, Löwe, so macht man sich beliebt!

Ohne Luft zu holen geht es weiter mit einem armseligen Versuch, andere Labels auf Kurs zu bringen: Man dürfe sich nicht untereinander streiten, wer welches Stück vom Kuchen bekomme, man müsse dafür sorgen, dass der Kuchen groß genug sei. Ojeoje. Und weiter: "At Universal, we really don't care about how many copies (of tracks) you make. But, we do care about what happens when the copies leave your possession." Muahahaha, genau.

Schade eigentlich, dass bis hierhin wahrscheinlich viele schon mit hochrotem Kopf aus dem Saal gegangen sind, denn Kenswil hatte auch noch Schlaueres auf Lager: Wer für einen Download bezahle, den dürfe man auch nicht wie einen Idioten behandeln. Begrenze man die Anzahl der Kopien, würde man nur den Einsatz von "ripping software" forcieren und sich damit ins eigene Fleisch schneiden. Heureka! Noch ist nicht Hopfen und Malz verloren.

Die zahlreichen Gesprächskreise drehten sich vor allem um die generellen Ansichten zum Online Vertrieb, Prognosen, was mit Online-Verkauf von Musik zu verdienen sei und wie Vertriebswege sowie Marketing aussehen könnten. Um es kurz zu machen (ihr könnt es ja in aller Ausführlichkeit hier selbst nachlesen): Es herrscht viel Einigkeit darüber, dass man dem digitalen Angebot eh nicht aus dem Weg gehen kann und dass man sich daher fast gezwungenermaßen damit auseinandersetzen müsste (*ach*) und dass es natürlich ganz tolle Möglichkeiten biete (*oohh*).

Beim Einsatz von Technologie zum Schutz des Copyrights driften die Meinungen schon eher auseinander. Bezeichnenderweise sieht es der Vertreter von "Coding Technologies" eher pragmatisch ("there's always going to be some way to get around that..."), während Ron Stone von "Gold Montain Entertainment" meint: "The solution is definitely technological". Ist recht ;)

Auffallend oft wird der iTunes MusicStore als leuchtendes Beispiel herangezogen, sowohl was das Preis-Modell als auch das Engagement an sich und das "Einkaufserlebnis" angeht. Zumindest mir erschließt sich nach der Lektüre der Reden und Aussagen eine punktgenaue Erkenntnis:

Die beißen sich doch alle in den Arsch, dass sie die Idee des MusicStores nicht vor Apple hatten.

So einfach ist das.

Kommentare

Deine Erkenntnis ...

Von: alex | Datum: 30.07.2003 | #1
... ist mehr als wahr :)