ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 2246

Aquarium Extreme

Von der Eröffnung in Garching

Autor: thyl - Datum: 04.08.2003

Am Donnerstag, den 24.7.2003, haben die Technische Uni München und Apple ein Apple-Labor in Garching eröffnet. Um immer am Puls der Zeit zu sein, bin ich als rasender Reporter für die Macguardians nach Garching gedüst und habe mir das Labor angesehen. Leider war der Bericht dann nicht so rasend schnell fertig...
Das neu eingerichtete Labor an der Fakultät für Informatik unter der Leitung von Prof. Bernd Brügge heisst "Aquarium Extreme" und ist der Nachfolger des vier Jahre alten "Aguarium" Labors mit blau/weissen G3s. Es besteht aus 16 Dual G4s, einem XServe und einem XRaid. Apple hat mehr als die Hälfte der Kosten für die Ausrüstung des Labors übernommen. Das Labor soll sowohl bei der Ausbildung von Studenten in Praktika als auch für Diplomarbeiten etc. Verwendung finden. Aber auch der Rest der Fakultät ist mit Macs vollgestopft; ein angenehmer Anblick...

Wie Jan Sperlich, "Sales Manager Education GER" berichtete, hatte Apple zahlreiche Bewerbungen für die Einrichtung dieses ersten Apple Labors auf deutschem Hoheitsgebiet. Für die TU München hat sich Apple aufgrund der fachlichen Kompetenz und der Nähe zum Firmensitz entschieden (aber wirklich in erster Linie aufgrund der fachlichen Kompetenz an der Fakultät, s. u.). Sperlich erhofft sich von der TU München auch die Etablierung einer Art Drehscheibenfunktion zur Kommunikation und zum Erfahrungsaustausch von Wissenschaftlern, die mit MacOSX arbeiten.

Die Fakultät für Informatik an der TU München ist sehr anwendungsbezogen; Grundlagenforschung wie Kernelentwicklung oder Compilerbau findet nicht statt; vielmehr wird Wert auf eine praxisorientierte Ausbildung der Studenten an konkreten Projekten gelegt, häufig in direkter Zusammenarbeit mit Unternehmen, die an die Uni Aufträge vergeben. So ist vor einigen Jahren ein Händlersystem für einen Automobilhersteller entwickelt worden; ein Projekt, an dem 100 Studenten mitgearbeitet haben. Die Vorgehensweise ist sehr interaktiv und in direktem Kontakt mit den Nutzern/Auftraggebern.

Die Grundidee ist, dem Anwender bei der Arbeit über die Schulter zu gucken, um herauszufinden, was wirklich Sinn macht bei der Programmierung eines neuen Systems, anstatt nur Interviews durchzuführen und dann im stillen Kämmerlein an einem Anwendungsmodell zu brüten. Das kann auch durchaus einmal dazu führen, dass ein Projekt nicht realisiert wird, weil sich mit den aktuellen Technologien kein Optimierungspotential erkennen lässt. Auch das kann für einen Auftraggeber ein sehr positives Feedback sein.

Nach den Reden und allgemeinen Einführungen hatte ich Gelegenheit, mir einige der aktuelleren Projekte anzusehen, die mit Hilfe von Macs an der Fakultät für Informatik durchgeführt werden.

Ein grosser Erfolg scheint ein Einführungskurs in Programmiertechnik gewesen zu sein, bei dem die Studenten tatsächlich als erste Programmiersprache OpenGL lernten (und ein bischen C und Objective C als Kitt-Mittel). Eine tolle Idee, bei der die Studenten grosse Begeisterung und viel Engagement gezeigt haben. Ausgehend von einfachen Übungen anhand vorgegebener Template-Codes mussten sich die Studenten immer weiter in OpenGL einarbeiten, bis sie zum Abschluß ein Modell eines Vulkans (basierend auf echten Geodäsiedaten) mit Lavaströmen und Magmaauswurf programmieren mussten. Sah Klasse aus!

Noch wesentlich anspruchsvoller ist ein Themenkreis, der unter dem Titel "Arena" läuft und bei dem verschiedene Rollenspiele programmiert werden. Ein konkret vorgestelltes Beispiel ist "Sword", ein Spiel, bei dem sich in rollenspieltypischer Manier Spieler (auch mehrere in einem Netzwerk, übrigens ohne Server, also Peer to Peer, "pure multiplaysure") durch ein Spielfeld bewegen und Aufgaben erfüllen müssen. Das Spiel ist in Java und OpenGL programmiert und sollte damit für verschiedene Betriebssysteme anpassbar sein. Die Graphik erreicht sicher nicht das heute üblich Niveau, aber es ist erstaunlich, was ca. 40 Studenten und Betreuer in zwei Semestern zustandegebracht haben. Die "Welt" in Sword ist übrigens ein (einstellbarer) fraktaler Algorithmus, so dass sie sich nicht wiederholt, immer wieder reproduzierbar ist und keinen Speicherplatz für Szenen erfordert. Missionen sind mit Hilfe spezieller Anweisungen frei programmierbar. Infos und Downloads unter Arena.

Das bekannteste Projekt ist sicher Hydra , für das die Entwickler gleich zwei Preise eingeheimst haben, nämlich einen Apple Design Award und den Mac OS X Innovators Contest von O'Reilly. Hydra ist ein kollaborativer Text-Editor, der zum Bearbeiten von Texten, wie beispielsweise Quellcode für Programme, durch mehrere Schreiber gleichzeitig verwendet werden kann. Alle haben direkten Zugriff auf den Text, wobei Änderungen farblich hinterlegt sind, um zu kennzeichnen, wer welche Änderung vorgenommen hat. Die üblichen Formatierungen von Quelltexten, wie Einrückungen und farbiger Text zum Kennzeichnen bestimmter syntaktischer Elemente sind ebenfalls implementiert. Sogar kleine Funktionen können in den zu einem Textformat gehörenden Definitionsdateien .plist definiert werden. Für zahlreiche Quellcode-Formate gibt es bereits vordefinierte Formatierungen, wobei neue leicht hinzugefügt werden können. Bei Konflikten wird zugunsten eines "Servers" entschieden, der dem ursprünglichen Autor eines Texts zugeordnet ist. Ein sehr intereessantes Programm für Programmierteams, die damit sicher viel Arbeit mit der Abstimmung innerhalb der Gruppe sparen können.

Ein ganz neues, noch nicht weit gediehenes Projekt ist eine Software, die eine "Visualisierung von Anforderungsanalysen" ermöglicht. Ausgehend von den Vorstellung eines Kunden über die gewünschte Funktionalität/Bedienung eines Produkts, z.B. einer Software oder eines programmierten elektronischen Geräts (ein Beispiel war ein Handy, mit dem man einkaufen kann), soll es mit diesem Programm möglich sein, die gesamte Anmutung der zu entwickelnden Software anhand von Beispielen sowohl in Hardware als auch in Software dem Kunden zur Begutachtung vorzuführen, ohne das die tatsächlich zu erstellende Software bereits programmiert werden müsste. Dieses Projekt sieht für mein Gefühl noch anspruchsvoller aus. Vielleicht der nächste Kandidat für einen Design-Preis?

Ein Projekt, von dem mir Prof. Brügge mit besonderer Begeisterung erzählt hat, ist eine Schülerzeitung, das "Sauschlau-Magazin", das unter der (heldenhaften, weil in seiner Freizeit) Koordination von Prof Brügge an der Grundschule Feldafing von Viertklässlern erstellt worden ist. Komplett auf Macs, versteht sich, und mit minimalen Schwierigkeiten der Schüler. Es gab eine Scan-Gruppe, Redakteure und Layouter, und alle Schüler haben Beiträge geschrieben, Interviews geführt und eben alles gemacht, was man für eine richtige Zeitung braucht. Verblüffend, was man mit verwendbaren Rechnern selbst bei Grundschülern schon erreichen kann. Ich bin so beeindruckt, dass ich hoffe, meine Töchter machen so etwas auch einmal. Aber so einen guten Lehrer wie Prof Brügge gibts natürlich nicht an allen Grundschulen...

Zurück zu Apple:

Viele Apple-Anwender beklagen ein mangelndes Interesse von Apple am Education-Bereich. Das hängt jedoch anscheinend stark davon ab, was man unter Education versteht. Soweit ich Sperlich verstanden habe, schätzt Apple die "Multiplikator-Funktion" von Verkäufen an Schulen bzw. Schüler zu stark ermäßigten Preisen als eher kleiner ein. Im universitären Umfeld hingegen sieht Apple einen wichtigen Markt, und zwar nicht einmal so sehr im Hinblick auf die Ausbildung von Studenten. Seit MacOSX scheint das Interesse in wissenschaftlichen Bereichen an Apple so stark gestiegen zu sein, dass es hier mittlerweile um richtig Kohle geht. Institute im Bereich der Informatik und der Biotechnologie setzen gerne Apple-Rechner ein, tatsächlich so gerne, dass nach Angabe von Sperlich (der sich auf Dataquest berief) der Apple-Marktanteil im Education-Bereich in Deutschland mittlerweile 7 % (!) beträgt. Da die Nachfrage nach den nicht mehr zeitgemäßen G4s in den letzten neuen Monaten stark nachgelassen hat, aber das Interesse am G5 jetzt gewaltig ist, kann eher noch mit einer Steigerung des Marktanteils in nächster Zeit gerechnet werden. Im übrigen verkauft sich das "mobile Klassenzimmer" wohl auch recht gut, da es gegenüber fest installierten Computerräumen deutliche Vorteile bietet. Allein Salzburg hat etwa zwanzig dieser Rollregale mit iBooks/Hub drin im Einsatz.

Eigentlich wollte ich von Sperlich auch noch etwas über zukünftige Entwicklungen von Cluster-Technologie bei Apple wissen. ein gerade im universitären Bereich interessantes Thema, wenn viel (VIEL!) Rechenleistung benötigt wird. Leider wusste Sperlich dazu auch nichts zu berichten, außer, das Apple etwas in petto hat (vgl. die Ankündigung zu einer Cluster-Programmierumgebung in 10.3 dev). Welche Clustering Technologie Apple unterstützen will (Ethernet, Myrinet über IP oder direkt, Firewire oder womöglich Hypertransport), konnte ich leider nicht erfahren. Warten wir also mit Spannung XCode (vgl. "Distributed Build") ab.

Kommentare

Meine 99....aehm 50 Cent....

Von: Jörg Rayker | Datum: 04.08.2003 | #1
Ein schöner Bericht, allerdings hätte ich mich auch über ein paar Bilder von solch redaktionellen Reisen gefreut. Sind die MG um eine Digi Cam verlegen, oder reicht der Serverplatz nicht aus?

;-)

Mehr Bilder für das Volk!

Noch mehr Aquarien?

Von: DrWatson | Datum: 04.08.2003 | #2
Hi,

war auch was dazu zu erfahren, ob Apple die Einrichtung weiterer Fischbecken plant? Wenn es denn schon so viele Bewerber gegeben hat,wären sie ja schön blöd, wenn sie das nciht nutzten. Man muss ja nicht überall gleich die Hälfte der Einrichtung übernehmen?

--
DrWatson

Antworten

Von: Thyl | Datum: 04.08.2003 | #3
Es gab nichts zu photographieren, eine Kamera hatte ich schon mit (Nikon F2, nix Digital) aber ein Seminar-Raum mit 16 Rechnern drin sieht halt langweilig aus. Und die Programme kannman besser auf den Websites erkundigen.

Weitere Labore: Apple entscheidet ad hoc anhand des technischen Interesses. Wie gesagt, gab es einige Bewerbungen, aber Apple fand die Uni in Garching am interessantesten. Das schliesst nicht aus, das weitere Labore folgen, konkret ist aber derzeit nichts geplant.

wg. aufnahmen

Von: chris | Datum: 04.08.2003 | #4
es gibt einen showcase-movie vom arena projekt. dort sieht man auch aufnahmen aus dem mac-labor. - *sorry* dem "aquarium".

[Link]

und hier gibt es ein paar bilder ...

Von: rudi | Datum: 04.08.2003 | #5
[Link]

nicht sehr spektakulär; aber ich wollte es der vollständigkeit halber erwähnen.


rudi

showcase-movie

Von: Jörg Rayker | Datum: 04.08.2003 | #6
Nett!!!

Was für ein Campus...voller Obst...


;-)

Bilder ?

Von: ERNIE | Datum: 04.08.2003 | #7
klingt gut....
geht aber runter, wie trockene kekse...
ein bischen bildmaterial haette wirklich nicht geschadet :-)

Korrektur

Von: map | Datum: 04.08.2003 | #8
"Die Fakultät für Informatik an der TU München ist sehr anwendungsbezogen; Grundlagenforschung wie Kernelentwicklung oder Compilerbau findet nicht statt;"

Das is so nicht ganz richtig: Der Lehrstuhl für angewandte Softwaretechnik an dem das Aquarium eingeweiht wurde beschäftigt sich nicht diesen Themen, andere Lehrstühle und damit die Fakultät natürlich schon...

@map

Von: Thyl | Datum: 05.08.2003 | #9
Danke für die Ergänzung. Eigentlich sollte ich den Unterschied zwischen Lehrstuhl und Fakultät kennen. Mangelnde Recherche, sorry.