ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 2713

Pommes au Palais

Es ist serviert: Apple-Präsentation in Wien

Autor: wp - Datum: 13.01.2004

Coburg, du Frankenperle, Heimat von Prinz Albert (von Sachsen-Coburg-Gotha), dem besten Prince Consort, den eine britische Queen je hatte (na ja, Elizabeth I hatte keinen, Queen Mary m.E. auch nicht, und Philip der Fettnapfquirl ist natürlich leicht zu überbieten) und der Haftpflicht-Unterstützungskasse kraftfahrender Beamter - solide fränkische Qualität allenthalben. Aber was macht die Nach-MWSF-Präsentation von Apple Österreich dieses Jahres in Coburg? Huch, kleiner Verleser, im Coburg soll es heißen, im Palais Coburg (klingt vornehm) bzw. Hotel Palais Coburg (man gönnt sich ja sonst nichts). Nun denn, schon im letzten Jahr leisteten irgendwelche Apple-Immigranten Schützenhilfe für Apple Austria (für alle mitlesenden US-Amerikaner: no kangaroos), und während im letzten Jahr noch ein Niederländer aus Deutschland ran musste, hielten sich die Preußen heuer doch ein wenig zurück. Charmant! Und wie war's? Nun, dies zu berichten überlassen wir dem live vor Ort weilenden Bertram Haller (wir haben eben - fast - überall unsere Außenteams). Vorab wird verraten, dass von Herzschrittmachern und Tigerunterwäsche die Rede ist - ja, die Wiener, ein herziges Volk!

Montag Abend gab es in Wien im neu eröffneten Hotel Palais Coburg die erste Präsentation der iPod mini Modelle auf europäischem Boden. Weil das natürlich jede Menge Journalisten anzog, schlug Apple zu. In Gestalt von Oren Ziv (Director Software Product Marketing EMEA (Europe, Middle East and Asia)) und Graham Cooper (Technical Product Marketing Manager EMEA) waren zwei internationale Ansprechpartner gekommen, um uns Rede und Antwort zu stehen.

Apple Österreich Chef Christian Maranitsch wies darauf hin, dass Apple sich gut in entwickelnden Märkten plaziert habe. Betrachte man die Verkaufszahlen der Digitalkameras in Österreich, so sei vom Jahr 2000 mit rund 50 000 bis zum Jahr 2003 mit 300 000 verkauften Stück ein enormer Sprung passiert. Mit iLife sei Apple genau in diesem sich entwickelnden Markt präsent - iPhoto, iTunes und die gerade erst beginnende Erfolgsstory von DVD-R.

Dann übernahm Oren Ziv und gab uns eine rund zweistündige Einführung in alle (!) iApps. Es ist ja nicht so, dass ich iTunes langweilig finde, aber mir hat er wenig neues erzählt. Man beginnt sich zu fürchten, wenn ein Vortragender nach 30 Minuten immer noch die Formulierung "that's what we are going to talk to you about today" verwendet. In medias res, meine Herren. Teile des Vortrages kamen erfreulicherweise von Graham Cooper, einem Herren, dessen schottischer Akzent den Abend erhellte. Irgendwie erinnerte er mich an den netten Gärtner aus "Grasgeflüster", wobei ich hier keineswegs einem hochrangigen Mitarbeiter von Apple den Hang zur Kräuterkunde nachsagen will. Die beiden zeigten die grenzenlose Übertragbarkeit von Daten vor. Von CD auf Computer, von Computer auf iPod, von Kamera auf iPod, von Computer auf Handy - you name it.

Dann war iChat an der Reihe - eine tolle Sache, über Internet chatten und dabei ein Bild sehen und überhaupt Kommunikation total. Es ist nicht nett, wenn ich jetzt nörgle, aber ich tu es trotzdem. Die Idee an sich ist gut - nur wer braucht das? Die meisten Leute sitzen tagsüber im Büro und haben dort keinen Mac stehen. Wenn sie abends mal im Web sind, chatten sie vielleicht ein wenig und dann - na dann will ich ganz bestimmt keine Kamera dabei haben, um festzuhalten, wie ich verstrubbelt im Bademantel vor der Kiste hänge. iChat AV macht vielleicht Furore bei schneidigen Leuten, die in Großraumbüros die Nachrichten von heute in das Altpapier von morgen setzen, aber beim normalen Anwender? Positiv gesehen sagt uns iChat AV: Apple hat Lösungen für alles mögliche.

Mit dieser Botschaft versehen ging es durch alle anderen Applikationen, bis schließlich alle bei GarageBand die Ohren spitzten. Ich habe noch nie so ein fetziges Programm gesehen. Es ist unglaublich einfach zu bedienen, hat vermutlich mehr Funktionen als ich an einem Abend ausprobieren könnte und kostet einen Pappenstiel. Sofern man es nicht mit einem neugekauften Mac erwirbt, ist 49 Dollar echt kein Gegenwert für ein Programm, selbst wenn es einen so dämlichen Namen trägt. Wenn Kai Krause wegen seiner einfach zu bedienenden Grafiksoftware Mitte der 90er Jahre "visuelle Umweltverschmutzung" vorgeworfen wurde, dann versündigt Apple sich gerade an der Stille Mitteleuropas. Es wird tönen und dröhnen aus den Garagen von Hannover, Zürich und Attnang-Puchheim!

Ich hänge ja der anderen These an, dass es endlich Zeit ist, die alten Versprechen einzulösen von der Befähigung des Menschen durch den Computer, dass uns endlich einfache Werkzeuge zum Ausleben unserer Kreativität zu Gebote stehen - mit iLife sind wir mittendrin. Die technischen Anforderungen dafür sind in Ordnung, iLife benötigt einen G3-Prozessor, 256 MB RAM und ein Display mit 1024x768 Pixel. Bei GarageBand wird es härter, das Programm läuft noch auf einem G3 mit 600 Mhz, aber wer die Softwareinstrumente genießen will, kommt nicht ohne G4 oder G5 aus. Wenn man eine Weile mit diesem Programm herumgespielt hat, ist man fest davon überzeugt, dass sich einige Leute deswegen sofort einen Mac kaufen würden - ich hoffe, diese Einschätzung stimmt. Gegen Ende der GarageBand-Demo brandete Applaus auf, als Graham Cooper nach dem letzten Riff die Gitarre von sich hielt und heiser "Thank you, good night Vienna!" rief...das war Stimmung.

Nach vielfältiger Software-Demo war es Zeit für die Enthüllung der kleinen iPods. Die gesamte Palette war vorhanden, alle Farben, wir konnten sie betapsen und an ihnen herumfummeln. Die Farben sind kräftiger als auf den bisher im Web verfügbaren Bildern. Das Rad des miniPod ist prima! Ich war ja ein Fan des mechanischen Rades der ersten iPod-Generation, bei der zweiten passierte nicht immer das, was ich gerade tun wollte. Das Rad der miniPods ist nicht mechanisch, sondern vom Schlage eines touchpads, aber die darunterliegenden Knöpfe funktionieren prima. Das Gerät ist herrlich leicht, mit gerade einmal 100 Gramm ist das ein mp3-Player, der Taschen nicht unnötig ausbeult und auch in der Brusttasche nicht wie ein externer Herzschrittmacher wirkt.

Das Programm zum Tausch der Akkus der alten iPods ist seit wenigen Tagen auch in Europa verfügbar. Für einen recht stolzen Preis wird man von Apple selbst versorgt und ist nicht auf einen Dritthersteller angewiesen. Wie man beim miniPod den Akku wechselt (eine im Lichte der Investitionssicherheit zu stellende Frage, sonst haben wir in drei Jahren dieselbe doofe Diskussion) habe ich bei Holger Niederländer nachgefragt, seine Antwort werde ich nachbringen. Das angenehme Gehäuse des iPod mini wirkt sehr solide und massiv - diesem Gerät kann man nicht so schnell etwas anhaben. Wer sich dieser Tage doch für einen großen iPod entscheidet, sollte im AppleStore bis 27. März zuschlagen: da gibt es die Gravur gratis dazu, und das beste ist: 27 Zeichen darf der Text lang sein. "Stolen from Zaphod Beeblebrox" - hurra, es geht sich aus! 26 Zeichen für die coolste Gravur des Universums (und des ganzen Rests natürlich).

Im Gespräch mit Pressesprecher Georg Albrecht hatte ich dann noch Gelegenheit, ein paar Details zu den miniPods zu erfahren. Die meisten Anfragen bisher hat Apple Deutschland für das pinke Modell - die Lifestyle- und Frauenmagazine reißen sich darum. Okay, hier habe ich mir wohl unnötig Sorgen gemacht. Bei Umfragen unter den Journalisten kamen blau und grün als Lieblingsfarben raus. Wenn ich jetzt davon ausgehe, dass dezente Menschen wie ich den silbernen miniPod nehmen - bleiben als Zielgruppe für das goldfarbene Modell noch jene Leute, die Tigerunterwäsche tragen.

Einen fundamentalen Fehler machten übrigens die beiden Vortragenden - sie gaben den Preis des iPod mini mit 299 Euro an. Dazu sei hier nochmals laut und deutlich gesagt: Apple Deutschland bemüht sich, diesen Preis runterzukriegen und wird daher erst Ende Februar/Anfang März den Verkaufspreis bekannt geben. Übt euch in Geduld, liebe Freaks, in dieser Frage ist die Niederlassung in eigenem Interesse sehr hellhörig. Bis zur Preisfestsetzung dürften auch die Verhandlungen mit den Retailern gelaufen sein, um den iPod und seinen kleinen Bruder noch mehr Leuten anbieten zu können. Zum Thema Wechselkurs befragt, sagte Georg Albrecht, dass dieser 1 Mal pro Quartal festgelegt werde - wir können also durchaus damit rechnen, dass ein konstant hoher Euro sich in billigeren Rechnern niederschlägt.

Während der Präsentation wurde mir übrigens etwas klar: seit Anbeginn gab es bei Apple nur zwei verschiedene Menschentypen. Es gab einen Woz und es gab einen Steve. Heutzutage besteht die Firma fast nur mehr aus Steves. Wenn ich nach einem Woz suche, fällt mir nur Holger Niederländer ein, aber das war es dann. Die meisten sind Verkäufer, geniale Verkäufer, Leute mit Geschmack und so - aber an irgendwas rumschrauben, weils einfach lustig ist, mal in eine Festplatte mit 10 Terabyte zu spucken, das tun nur mehr wenige. (Falls Sie diesem Gedankengang jetzt nicht folgen konnten, soll Sie das nicht beunruhigen. Auch bei Redakteuren treten nach einigen Jahren Abnutzungserscheinungen auf.)

Kommentare

Austausch des miniPod-Akkus

Von: Omega01 | Datum: 13.01.2004 | #1
Auf die Antwort von H. Niederländer bin ich ja mal gespannt - ob man den Akku einfach so wechseln kann?

Das wäre ja etwas, von dem ich kaum zu träumen wagte ;-)


Gruß,
Daniel

Aklus im Mini...

Von: Yemeth | Datum: 13.01.2004 | #2
Das mit dem Akkus im Mini interessiert mich brennend...

Ansonsten, netter, ansprechender Artikel, dankeschön!

Abnutzungserscheinungen?

Von: Horst Roos | Datum: 14.01.2004 | #3
Wunderschöner, informativer Beitrag - vielen Dank! An die Sache mit dem externen Herzschrittmacher oder an »Stolen from Zaphod Beeblebrox« werde ich mich - neben den ganzen Informationen natürlich - sicher noch lange erinnern. Und die Bemerkung mit der Tiger-Unterwäsche wird jetzt ja bestimmt zum goldfarbenen Mini-iPod gehören :-)

ichatAV

Von: nick | Datum: 14.01.2004 | #4
sehe ich ganz genauso rollingflo.

freunde in uebersee sind ploetzlich wieder ganz nah, coaching, beratung oder aber auch sprachkurse werden ueber ichatAV abgewickelt und aeltere menschen bekommen wieder direkten familienanschluss.

alles anwendungsbeispiele die allein in meinem bekanntenkreis stattgefunden haben - es bleibt zu hoffen, dass die verbreitung massiv ansteigt.

dazu muesste apple aber etwas an den preisen drehen oder bundeln...

Klasse artikel

Von: Marty | Datum: 14.01.2004 | #5
zitat: *In Gestalt von Oren Ziv (Director Software Product Marketing EMEA (Europe, Middle East and Asia)*

gibs da noch einen für Ozianien,Australien,Afrika und Südamerika?

Einen für Nordamerika?

Sind das nicht ein bischen grosse strukturen?

was vergessen

Von: Marty | Datum: 14.01.2004 | #6
Wenn ich das bei Loops richtig verstanden habe sind 100 von 2250 die nur mit einen G4 und G5 laufen.

Jam Pack /Garage Band

Von: Bert | Datum: 14.01.2004 | #7
@marty: wie ich das verstanden habe, sind aber so viele loops erst in "Jam Pack" dabei - bei GarageBand ist mal ein Startpaket, Jam Pack bietet dann mehr Instrumente, mehr Loops, mehr phatten Sound für die Garagen und basements dieser Erde. Um es mit einem unfassbar schlechten Song zu sagen: I feel the earth move under my feet...
Herzliche Grüße, Bert

Herr Rat, ich glaub' sie sind besoffen.....

Von: Marvin | Datum: 14.01.2004 | #8
Wunderbarer Artikel! Ich würde sowas hier gern öfter lesen, wenngleich ich den Eindruck habe der liebe Bert war zumindest während der Schreibarbeit leich angeheitert. (Was ihm aufgrund der anscheinend wirklich tollen Präsentation verziehen sei, ich hätte wärend 2 Stunden SW-Präsentation auch den Flachmann ausgepackt).

iChat AV

Von: Donald Townsend | Datum: 14.01.2004 | #9
möchte mich Nick und RoolingFlo anschließen und Betram Haller widersprechen, wenn er fragt: "Die Idee an sich ist gut - nur wer braucht das?". Videochat überbrückt Distanzen und ich bin froh, wenn ich Freunde, die ich aufgrund von großen Distanzen selten sehen kann, nun mittels iChatAV sehen kann. Das Gespräch wird dadurch noch um eine Note persönlicher. Meiner Meinung nach werden Videochat oder Videotelefonie doch noch eine Zukunft haben, eine gute sogar.

Donald

Coburg - Franken

Von: TheEvangelist | Datum: 14.01.2004 | #10
Coburg liegt übrigens nördlich des Mains, gehört also eigentlich gar nicht mehr zu Franken. Das sind nämlich schon, wie der Franke sagt "Saubreissn". Scherz am Rande :-D

Gruss aus dem Land des Bieres und der Bratwürste (Broudwöscht)

s e b

Voll des Lobes

Von: berti | Datum: 14.01.2004 | #11
Dank Dir Bertram für Deinen tollen Artikel.
Meinen Kniefall vor Dir hast Du Dir mit dem letzten Absatz redlich verdient!!!!!

iChat

Von: Ich | Datum: 14.01.2004 | #12
Wenn mein Vater seine Enkeltochter sehen will, ohne die 250 km fahren zu müssen, hocken wir vor der iSight und iChatten :-)

ichat

Von: druid | Datum: 14.01.2004 | #13
einer meiner besten freunde lebt und studiert in heidelberg. ich selbst wohne und studiere in essen. hatte zwischenzeitlich kommunikationslöcher von mehreren monaten - und habe das freundschaftliche gespräch und austausch einfach vermisst. mit ichatAV - zwei-, dreimal die woche "sieht" man sich. einfach toll. berauschend. wir haben uns beide kurz nach der vorstellung so ein ding zugelegt und die euphorie hat bis heute kaum nachgelassen. gut für die freundschaft ...

Coburg - Franken

Von: Arndt Schmidt | Datum: 14.01.2004 | #14
Das Coburger "Saubreissn" sind muss ich hier entschieden bestreiten.
Wir sind und waren nie Preussen. Sondern früher eines der Herzogtümer der ernestinischen Linie der Wettiner. Vom Ende der Monarchie bis 1920 Freistaat. Nach einem demokratischen Referendum das zu einer Mehrheit für den Anschluss an Bayern führte seit 1920 Bayern.
Somit sind die Coburger im Gegensatz zu z.B. Ansbach, Bayreuth, Erlangen, Nürnberg das lange in Besitz der Preußischen Hohenzollern war und auch gerne als Beutebayern bezeichnet werden die einzigen freiwilligen Bayern.

*die einzigen freiwilligen Bayern.*

Von: Marty | Datum: 15.01.2004 | #15
ist das jetzt was positives?

"Stolen from Zaphod Beeblebrox"

Von: rofl | Datum: 15.01.2004 | #16
=)