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ARCHIV :: # 278

Leserbrief zu "Heulen gilt nicht"

Gastkommentar: Jörn Dyck von MacTV

Autor: bh - Datum: 26.04.2002

Wir sind hocherfreut über die rege Diskussion zum Artikel von Dirk Kirchberg und veröffentlichen hier einen Leserbrief unseres Kollegen Jörn Dyck, Chefredakteur von MacTV. Die Sendung am kommenden Sonntag auf MacTV (Beginn um 21:00) widmet sich ebenfalls diesem Thema, ein Vertreter von CANCOM wird zu Gast sein. Wie immer - Diskussion erwünscht!
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Auch die Händler bewähren sich im Wettbewerb! Das ist gar nicht das Problem. Natürlich ist es legal, wenn Cancom den Markt dichtmacht mit Preisen, die nur OHNE Läden, OHNE Support und OHNE Beratung möglich sind. Fachhändler, die nicht mit einem Versender konkurrieren können, sind ja nicht etwa dumm, sondern sie haben ein anderes Konzept mit anderen Stärken.

Die Frage ist, was die Konsequenz daraus ist und ob wir sie wollen. Wenn nur noch Geld zu verdienen ist ohne Läden, ohne Suppport und ohne Beratung, dann wird es das in Zukunft eben nicht mehr geben. Auch das ist ein Gesetz der Marktwirtschaft. Und man muss sich entscheiden, ob man diese Konsequenz haben will oder nicht.

Die Welt wird sich weiter drehen, wenn es irgendwann keine Fachhändler mehr gibt. Aber es sind NICHT die Versender die den Marktanteil erhöhen helfen. Die Versender fahren einfach die Ernte ein für das, was "die Leute an der Front" vorher gesät haben. Und dieses Saatgut ist irgendwann aufgegessen. Die Versender haben so lange gut lachen, solange es noch Macs in Schaufenstern gibt. Gibt es die nicht mehr, werden auch die Versender weniger verkaufen. Denn keine Marke der Welt hält sich als Online-Marke, jedenfalls nicht in nennenswerten Stückzahlen. Dann wird noch eine Zeit an die bestehenden User abverkauft, die oft wissen, was sie brauchen. Aber wer gewinnt neue User? Apple ist eine Marke, die man ERKLƒREN und ERFAHREN muss, das ist ja das Problem!

Wie gesagt, es ist nicht die Frage, ob eine Welt ohne Fachhändler möglich ist, sondern, ob wir es wollen und ob wir es strategisch für richtig halten. Das ist der Punkt, um den es geht. Und mit einem Marktanteil von 1,8% darf man sich hier keinen Fehler erlauben.

Ich bin auch nicht in jeder Hinsicht in Freund der Fachhändler. Es gibt gute und schlechte. Aber was gibt es ausser ihnen? Es gibt einen Haufen unfassbarer Volltrottel in den Kaufhäusern, die zu feist sind, um auch nur einen einzigen Mac im Monat zu verkaufen. Wozu auch, wenn sich PCs viel besser und einfacher verkaufen? Kein Verkäufer dort würde sich je für einen verkauften Mac so krumm legen wie ein Fachhändler, wenn er mit wenig Aufwand einen PC verkaufen kann. Soll das der tolle Ersatz für Fachhändler sein? Ein Verkäufer dort hat gar keinen ANLASS, sich für den Mac zu engagieren, und ENGAGEMENT ist genau das, was wir hier in D-A-CH ganz dringend brauchen!

Macs muss man anfassen und ausprobieren. Wer kauft ein Cinema Display, ohne mal eins gesehen zu haben? Für wen ist Aqua ein Grund, den PC zu verlassen, wenn er es nicht mal zu Gesicht bekommt? Macs kauft man nicht nach dem Datenblatt: Wieviel Megahertz bekomme ich pro Euro? Wer so einkauft, ist beim Versender zwar prinzipiell richtig, aber diese Leute kaufen ja doch eher einen PC. Neue Kunden sind einfach die falsche Klientel für einen Versender.

Apple USA ist es letztes Jahr zu blöd geworden und sie haben eigene Läden aufgebaut. Warum? Weil sich Macs zwischen Toastern und Diätgrills nicht verkaufen. Jahrelang probiert, jahrelang gefloppt! Und was lernen wir in Deutschland davon? Wir jagen unsere Fachhändler zum Teufel und hoffen, dass in den Media Märkten irgendwie ein Wunder passiert! Und Cancom wird uns auch nicht retten, denn die wollen nicht säen, sondern nur ernten. Das mühsame Geschäft der Neukundengewinnung ist denen doch viel zu mühsam und zu wenig gewinnträchtig.

Cancom denkt nur an die eigene Kasse, das ist ihr gutes Recht. Aber wir, die Anwender sollten an den Fortbestand der Plattform denken, und da hat Cancom bislang keine Verdienste, jedenfalls nicht als Versender.

Wenn in allen Media Märkten erstklassige Shop-in-Shops mit geschultem Personal existierten, DANN wäre für mich die Frage vielleicht aktuell, ob das nicht doch die Fachhändler ersetzen könnte, jedenfalls für Consumer. Aber was ist das Ergebnis genau dieser Strategie nach einigen Jahren? Das Ergebnis ist ein Desaster. Die Präsenz von Apple in diesen Märkten ist absurd schlecht, und zwar in Quantität wie in Qualität. Wenn man es sieht, denkt man unweigerlich: Oha, ist Apple jetzt doch pleite gegangen?

Jeder, der die Fachhändler abschaffen will, soll bitte zum nächsten Kaufhof oder Saturn gehen und einen simplen ISDN-Adapter für den USB-Port kaufen. Erstens gibt es keinen, weil PCs dafür Karten haben, und wenn doch: jede Frage dazu ist zwecklos. Treiber? "Keine Ahnung. Steht es nicht drauf?"

Für die PC-Läden, die anscheinend in Zukunft alle Macs haben werden (was ich bestreite), sind wir Mac-User der lezte Dreck! Finanziell uninteressant! Nervt nur! Bringt nichts! Und von dieser grandiosen Sippschaft soll also in Zukunft die Apple-Plattform vorangebracht werden? Da lachen ja die Hühner.

Was wir brauchen, sind bessere Vertriebswege. Demogeräte, vorzeigbare Lösungen, nette Shops, ausreichend Stückzahlen am Lager, MARKETINGAKTIONEN (HALLLOOOO???). Wer mir sagt, wie das geht, soll bitte vortreten. Cancom weiss es jedenfalls nicht. Und es interessiert sie auch nicht.

Jörn Dyck, MacTV

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