ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 2790

Das dunkle digitale Zeitalter

Werden wir überhaupt Spuren hinterlassen?

Autor: dk - Datum: 11.02.2004

Bereits seit den 70er Jahren warnen Experten, dass wir mit unserer digitalen Gesellschaft auf ein Scharzes Loch der besonderen Art zuschlittern. Während die vergangenen Jahrhunderte und Jahrtausende recht gut dokumentiert sind, bleibt von unserem Wirken auf Mutter Erde wahrscheinlich recht wenig übrig, das zukünftige Historiker auswerten könnten. Nachdem sich im Schnitt alle 18 Monate die Speicherstandards ändern, ist es lediglich eine mathematische Herausforderung, die Zeitspanne bis zur digitalen Hieroglyphe zu berechnen.

Der Doku-Film Das digitale Desaster befasst sich mit diesem brisanten Thema und stellt verschiedene Projekte vor, die sich dem Problem der zeitbeständigsten Speichermethode widmen. Die Long Now Foundation hat wahrscheinlich eine der spektakulärsten Ideen ausgebrütet, bei dem ein Archiv für die kommenden 10.000 Jahre aufgebaut werden soll.

In einem Interview mit dem Forum der hellen Köpfe, Edge, stellt Stewart Brand das Projekt vor. Die Diskussion zur Uhr und dem Projekt läuft auch schon.

Eine weitere Prognose zahlreicher Experten besagt, dass in den nächsten hundert Jahren 50 bis 90 Prozent der in der Welt gesprochenen Sprachen verschwinden werden. Um diese zu archivieren und auch wichtigste Dokumente aus den jeweiligen Kulturkreisen zu bewahren und auch späteren Generationen zugänglich zu machen, hat sich das Rosetta Project vorgenommen, 1000 Sprachen in das Archiv aufzunehmen. Spannend ist, dass die Sprachen wie in alter Zeit in Stein gehauen bzw hier geschossen werden. Um zu gewährleisten, dass auch in grauer Zukunft Forscher die Speichereinheiten für interessant erachten, ist die Rosetta Disk auch ein ästhetisches Objekt.

Mehr zum Problem der Langzeitspeicherung, dem fehlenden Engagement der Industrie, dem 10.000 Jahre-Archiv und der Rosetta Disk gibt's am kommenden Montag, den 16.02.04, um 08.15 Uhr auf Phoenix. Dann wird der Doku-Film nämlich wiederholt. Nicht verpassen!

Kommentare

Doch ...

Von: oscar | Datum: 12.02.2004 | #1
es bleibt etwas von uns übrig und nicht zu knapp: Müll!

Naja, mullzk...

Von: Schnapper | Datum: 12.02.2004 | #2
... stellen wir uns mal kurz folgendes Szenario vor: Irgendein böser, böser Terrorist kommt an die Atombombe und zündet die über New York. Die Amis bombardieren dann im Gegenzug jeden, den sie verdächtigen, dafür verantwortlich zu sein. Den nahen Osten, China, Nordkorea, und um sicherzugehen, gleich auch noch die Russen. Ein paar Gegenschläge später haben wir uns alle in die Steinzeit zurückbombardiert. Hm. Wir brauchen ein paar hundert Jahre, um uns von der Geschichte zu erholen. Am Lagerfeuer entstehen Lieder, die vom "Großen Feuer" berichten. Und dein Ururururururenkel gräbt dann in den Trümmern, in denen sie hausen, plötzlich eine CD aus, auf der Du die Familienbilder gesichert hast...

Vielleicht übertreib ich da jetzt ein wenig (ne, ganz sicher übertreib ich ein wenig), aber Du gehst in Deiner Vision von einer geschichtlichen Kontinuität aus - und die muss nicht gegeben sein. Lass es einen Atomkrieg sein. Ein Meteor, der uns auf den Deckel fällt. Oder eine grassierende Seuche (wer hat 28 days later gesehen?). Oder einen größenwahnsinnigen Diktator, der Bücherverbrennungen im großen Stil durchzieht. Hätten die Kelten oder die Germanen damals schon solche Möglichkeiten gehabt - heute wären wir dankbar dafür. ;)

nu ja

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #3
mein Ururururururenkel wird aber auch mit den photos auf photopapier nicht viel anfangen können - die werden doch ziemlich massiv vergilbt sein, genauso wie die cd sich aufgelöst haben wird.

wie gesagt, es sind zwei unterschiedliche probleme: das eine sind die speichermethoden (=dateiformate und codierungen) - das man die quellen nicht mehr lesen kann - und das andere sind die speichermedien - dass die quellen nicht mehr vorhanden sein werden. das normale wir-verlieren-unsere-geschichte-lamento knüpft an den speichermethoden an, und das ist wie oben beschrieben einfach schwachsinn - dafür wird es uns historiker immer geben....

das andere sind die speichermedien, und da gibt es nur sehr wenige, die lang andauern werden - bücherverbrennungen zB sind mit bücher propagandistisch wirkungsvoller als wenn ein goebbels-imitator ein rm -rf macht. ich sage sicher nicht, dass alles so weitergehen wird wie heute und dass alles überliefert wird. ich sage einfach, elektronische speichermedien sind - von einer funktionierenden archivierungs-infrastruktur ausgehend - nicht schlechter als alle anderen.

eine der grossen probleme in der antikenforschung ist bsp., dass zellulose sich halt mir der zeit kompostiert, die ollen griechen aber sich für derart fortschrittlich hielten, dass sie vor allem papyrus benutzten statt wie die barbaren die wände vollzuschmieren. und heute haben wir fast keine originalquellen mehr, nur noch von mönchen frei (um nicht zu sagen lausig) übersetzte kopien.
es gibt x szenarien, wonach die speichermedien beschädigt werden - aber solange dies nicht auf einen knall geschieht, wird es immer menschen geben, die sich um die geschichte kümmern und daher die alten daten retten (= auf neue medien kopieren). und wenn die mönchen bereits scanner und cd-brenner gehabt hätten, stellt dir vor, was wir dann alles über die griechen wüssten.....

oops

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #4
mullzks rat für leben no. 4: wenn man die nacht durchgemacht hat, sollte man ein posting _zweimal_ durchlesen. sorry sorry.

also nochmal das, was ich mit dem letzten absatz sagen wollte: aus jedem zeitalter gehen quellen verloren, weil sich speichermedien zersetzen - das wird auch bei uns so sein, warum auch nicht. aber a) werden auch wir rückstände für historische hilfswissenschaften (inkl. archäologen) zurücklassen. b) legt die menschheit seit 200 jahren erstmals sehr bewusst quellen für nachfolgende zeitalter zurück (inschriften waren früher für (überlebende) zeitgenossen, heute sind sie immer mehr für zukünftige historiker). und vor allem c) geben uns die elektronischen quellen einfache kopiermöglichkeiten, die unter guten umständen (keine allzu grossen katastrohen, keine allzu rigorosen zivilisationsverschiebungen, Interesse nachfolgender Generationen an unserer Zeit) wie es die letzten 2000 jahre waren eine viel grössere anzahl von quellen übermittelbar machen.

@oscar

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #5
der damalige müll ist neben der damaligen scheisse und den leichen unterdessen eine der wichtigsten quellen aus der wende zwischen früherem und hoch-mittelalter - auch wenn damals viel zu viel wiederverwendet und zuwenig unkompostierbares fortgeworfen wurde....

heisst aber nicht, dass die zukünftige geschichtsforschung eine begründung fürs recycling-verschlampen sein kann - historiker werden auch noch andere quellen finden....

@mullzk

Von: flo (MacGuardians) | Datum: 12.02.2004 | #6
c) geben uns die elektronischen quellen einfache kopiermöglichkeiten, die unter guten umständen...

gute Umstände, ja. Ich erinnere aber an dein "rm -rf". Digitale Daten lassen sich halt nicht nur einfach kopieren, sondern auch leichter auslöschen...

Möglicherweise mag die These des "schwarzen Informationsloches" übertrieben sein, aber die digitale Sorglosigkeit, so will ich sie mal nennen, ergibt doch eine Reihe von Schwierigkeiten, die du ja größtenteils alle selbst aufgezählt hast. Es bedarf also durchaus eines sehr großen Aufwands, Informationen zu bewahren. Der Unterschied zu früher scheint mir: Der Aufwand, Informationen zu bewahren mag anders, aber vielleicht gar nicht mal so viel größer sein. Allerdings glaube ich, dass bei nachlassendem Aufwand sehr viel mehr Information verloren geht als in der prädigitalen Ära...

Nur so ne These ;)

Sowieso egal

Von: Jörn (der andere) | Datum: 12.02.2004 | #7
selbst wir wir alles digitalisierte Wissen dieser welt ausdrucken würden, wäre die Inofrmation in ca 100 Jahren verloren, denn das heute hergestellte Papier ist säurehaltig und damit nicht für die Ewigkeit. Die Lutherbibel und andere hunderte Jahre alte Dokumente werden noch exisiteren, wenn kein einziges Blatt Papier des 20/21. Jh. überlebt hat.
Ich habe übrigens übrigens in diesem Zusammenhang (Datenverluste) mal gelesen, dass heute bereits 70% der Daten der Apollo-Mondlandungen verloren sind, weil sie entweder zerstört oder nicht mehr auslesbar seien.
Vielleicht schützt die Evolution sich auf diesem Wege vor dem geistigen Dünnschiss, der in den letzten 100 Jahren als Wissenszuwachs verkauft wurde???
*wegduck*

zustimmung

Von: Bert | Datum: 12.02.2004 | #8
also ich finde jörns these ziemlich gut...
gruß, bert

naja

Von: FOX | Datum: 12.02.2004 | #9
nach einem atomkrieg ist es mir wurscht, ob noch jemand fränkisch kann ;-)

aber im ernst: ich denke die meisten daten (auch die - und vorallem die, die auf den ganzen internetservern rumeiern) werden ständig auf neuen medien und somit auf neue techniken kopiert, dass die möglichkeit des verlustes doch recht gering ist.

An Jörn

Von: Rolf L. | Datum: 12.02.2004 | #10
<zit anf>
Ich habe übrigens übrigens in diesem Zusammenhang (Datenverluste) mal gelesen, dass heute bereits 70% der Daten der Apollo-Mondlandungen verloren sind, weil sie entweder zerstört oder nicht mehr auslesbar seien.
<zit ende>

Passt hier nicht direkt her aber:
Möglicherweise gibt es wenig Daten der Apollo-Mondlandungen, weil sie gar nicht stattgefunden hat. Es gibt diverse Theorien darüber, die z. T. echt verblüffend sind.

<zit anf>
Vielleicht schützt die Evolution sich auf diesem Wege vor dem geistigen Dünnschiss, der in den letzten 100 Jahren als Wissenszuwachs verkauft wurde???
<zit ende>

Stellst Du etwa die hochwertigen gesellschaftlichen Informationen über Bohlen und seine Freunde in Frage?;))

Aber Du hast vollkommen recht. Seit Jahren reden wir über die neue Wissensgesellschaft, mit der Folge, dass die Menschen so doof sind wie nie. Aber das Schöne daran: Jetzt wissen wir es.

So, ich muss Schluss machen und im Internet nach den neuen Teilnehmern der nächsten Dschungel-Staffel suchen ... das muss man ja "wissen"!

Gruß
Rolf L.

Sendung auf Phoenix

Von: Mark Koch | Datum: 12.02.2004 | #11
Hat jemand da draußen einen Mitschnitt?

Ich würde dies gerne heute noch Mitstudenten vorspielen, das ist ja schließlich ein sehr mitreißendes Thema für Informatiker.

Schon mal Danke,
Mark

Säurehaltiges Papier

Von: Thomas | Datum: 12.02.2004 | #12
Dies mag für das normale Papier stimmen. Aber US amerikanische Fachzeitschriften (z.B. Annals of the Missouri Botanical Garden) sind auf nicht säurehaltigem Papier gedruckt wie sämtliche andere wissenschaftliche Publikationen auch
Genauso wie andere hochwertige Bücher hier.
Alles eine Frage des Preises.
Ich habe hier 40 Jahre alte Ausgaben, da ist nix vergilbt noch sieht man irgendein Alterungsprozess.
Thomas

Das Problem ist komplex

Von: Carlo | Datum: 12.02.2004 | #13
Das durch umkopieren und -formatieren digitale Daten hinübergerettet werden können, ist zwar wahr, aber das wirklich komplexe Problem besteht darin, daß die Datenträger dann auch noch was hergeben müssen, damit das funktioniert. Und das ist in der Praxis gesehen, ein sehr komplexes Problem. Denn sowohl als ASCI oder als CD/DVD gespeicherte Daten sind flüchtig. Der Zeitraum für die Haltbarkeit läßt sich nicht fest definieren, der kann kürzer oder länger sein und darin liegt das wirkliche Problem. Da muß man sich mal mit Archivaren unterhalten, die sehr früh angefangen haben, Ihre Bestände digital zu speichern. Die können einem interessante Dinge über die Haltbarkeit von digital gespeicherten Dokumenten erzählen. Und wenn man sich über solche Erkenntnisse hinwegsetzt, dann kann man irgendwann der beste Historiker aller Zeiten sein, wo es nix mehr zu lesen gibt, kann man dann bestenfalls den Kaffeesatz bemühen.

Carlo

bilder

Von: so | Datum: 12.02.2004 | #14
> mein Ururururururenkel wird aber auch mit den photos auf photopapier nicht viel anfangen können - die werden doch ziemlich massiv vergilbt sein, genauso wie die cd sich aufgelöst haben wird.

ja, aber fotos halten doch "etwas" länger. andererseits: heutige omas und opas haben 10-15 bilder aus ihrer jugend... wir haben 10-15 GB. wer will das später mal alles sehen?

@ so

Von: Jörn (der andere) | Datum: 12.02.2004 | #15
Wir drehen uns im Kreise: die 15 Bilder Deiner Großeltern werden auch Deine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel noch betrachten, die 15 GB aus Deiner Zeit sind digital gespeichert und damit in 2 Generationen ebensowenig betrachtbar wie Texte lesbar sein werden.
Macht aber alles nix, denn bis dahin gibt es Gesetze zum Urheberrechtsschutz, die das Veröffentlichen von Informationen jeder Art ohnehin mit dem Tode bestrafen.
Und da aus dieser Sackgasse nur der altmodische Weg der münclichen Überlieferung von Wissen bleibt, braucht in 100 Jahren ohnehin keiner mehr einen anderen Datenträger als den eigenen Kopf!

Alles Binsenweisheiten

Von: johngo | Datum: 12.02.2004 | #16
Wenn man mehr Daten sammelt, dann können (und werden) auch mehr Daten verloren. So einfach ist das!

Ein Problem der Zukunft wird aber eher sein, das wir zu viele Daten haben werden und niemand auf "seine" Daten verzichten wollen wird. Wo liegt in der Zukunft die Trennung zwischen sinnvollem und eher wertlosem (Daten-)Wissen?
Diese Frage ist noch nicht angegangen worden und wird wahrscheinlich auch gar nicht lösbar sein!

Gruss

Ist die Rosette..

Von: tonidigital | Datum: 12.02.2004 | #17
..nicht die letzte Pforte meines Verdauungstraktes!?! :-P

Apollo

Von: pal05 | Datum: 12.02.2004 | #18
Das mit der Apollo Mission stimmt. Die Magnetbänder aus der Zeit gibt es zwar noch aber die Formatbeschreibung liegt ebenfalls archiviert auf diesen Magnetbänder...

Vielleicht sind wir gar nicht die ersten ...

Von: Terrania | Datum: 12.02.2004 | #19
Was wurde aus Jahrtausenden überliefert? STEIN. Bauwerke, Ruinen, ein paar Hieroglyphen in STEIN gehauen etc. - Exkurs: Wenn ich heute eine Autoleiche liegen lasse: wie lange brauchts, bis alles weg ist, völlig korrodiert? 1000 jahre, 10.000? Dann isses weg. Genauso Kunststoffe - auch die sind irgendwann WEG. CDs sind aus Kunststoff und Metall. Da wird in 10.000 Jahren nichts mehr zu sehen sein - und von NewYork vielleicht ein paar Steine, unten in der U-Bahn, wer weiss, aber sicher kein Metall oder sowas. (Einwurf: Was ist mit der Eisenzeit? Da gibts doch immer noch Speerspitzen etc...) Schon, aber auch die sind schwer zum Überleben zu kriegen - und wie wenig ist überliefert, dann nehmen wir eben 50.000 Jahre. Steinwerkzeug schon eher (Steinzeit) und Fresken in irgendwelchen Höhlen. MonaLisa ist dann allerdings in 10.000 Jahren verrottet.
Was will ich sagen? Unsere derzeitige "Technologie" wird bei einem DEEP IMPACT nicht groß übrigbleiben. Weils alles verrottet ist. Und wer weiss: Vielleicht sind wir die x.te Generation mit IT-Technik, und die anderen sind sang- und klanglos verschwunden, weil nichts übriggeblieben ist ... :-)
Appropos Apollo: Waren sie oben, oder nicht? In 1-2 Jahren wissen wirs, denn dann fliegt diese Sonde mit den rattanscharfen Objektiven hin - obwohl, was man so geheim halten konnte, sollte auch möglich machen, daß die Japaner dann einfach BEHAUPTEN, daß sie was gefunden haben ...

das ist sehr pfiffig...

Von: nico | Datum: 12.02.2004 | #20
...hatte in meiner anfangszeit am rechner auch mal ein backup gemacht, dannach die platte geloescht - und dann hatte ich keine backupsoftware mehr, um das backup zurueckzuspielen, haha...

apollo und papier

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #21
zu den apollo-daten: mag ja gut sein, dass die ganzen projekt-daten verloren sind, hört man ja immer wieder. nehmen wir aber mal an, bereits die griechen wären rauf gegangen, was wäre heute überliefert? nur die lobgesänge auf den heldenmut der astronauten und die technische geschicktheit der amis. und auch das nur in abschriften ein paar mittelalterlicher mönche. die projektschriften wären ziemlich sicher ebenfalls weg. solange es eine überlieferungstradition wie die der mönche gibt, wird aber all dies auch von der ami-mission überliefert sein. und noch ein paar sachen mehr, weil wahnsinnig viel dazu geschrieben wurde. und solange es audio-archive gibt, wird man sogar noch armstrongs small step anhören können.
mein punkt ist ja eben der folgende: verrotten tut es alles. keine frage. manche dinge wie cds schneller, manche langsamer. aber in historischen perspektiven verrotten dir fast alle quellen. zukünftigen generationen werden uns also eh nur aus kopien kennen, so wie wir auch die römer nur aus abschriften kennen. aber kopien gibt es aus dem digitalen zeitalter nicht weniger, ganz im gegenteil. weil sonst viel zu viel überliefert würde, wird das kopieren auch mit einer selektion einhergehen, und nur das den kopierenden als erhaltungswürdig scheinende wird überliefert werden, aber auch das ist nix neues. am schluss der ganzen überlieferungszeit wird es mehr quellen aus unserer zeit geben, die sich mit den römern befassen als quellen der römer selber (ok, das ist polemisch und nicht verifizierbar.....)

das erwähnte säurehaltige papier ist tatsächlich ein problem (wenn auch nicht eines des digital age sondern der massenkonsumzeit), aber seit dies erkannt wurde, werden in den grossen und finanziell gut ausgestatteten archiven die wichtigsten quellen eben umkopiert. und das sind immer noch recht viele quellen. auch hier: auch wenn wir von der welt mit scheisse beliefert werden, die historische zunft ist nicht ganz dumm und wird da schon was retten....
ich habe nun in meiner bisherigen studienzeit wirklich schon mit vielen archivaren zu tun gehabt, und alle sagten sie mir dasselbe: die einzige quellen, die heutige archivare unabsichtlich verloren haben, sind frühe filmrollen - da diese die ersten quellen waren, die deutlich intensiver gepflegt werden mussten und man zu spät reagiert hat und man weniger restaurieren konnte als man wollte. seither kennt man das problem und die lösung.

und zum schluss noch dies: ich helfe wetten, dass sich bis in 20 jahren die historische informatik als hilfswissenschaft derart durchgesetzt haben wird, dass sie auch das apollo-projekt komplett lesen kann, wenn sie denn nur will.....

nebenbei

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #22
sorry für die riesenpostings, ist halt eines meiner steckenpferde.....

@mullzk

Von: Jan | Datum: 12.02.2004 | #23
Auch in jüngster Vergangenheit gab es schon Ereignisse, die zeigen, wie es laufen kann. Das Stasi-Archiv wurde geplündert, nachdem die Mauer weg war. In den Räumen standen russische Großrechner mit tausenden von Bändern und Festplatten. Doch da es keine Menschen mehr gibt, die das System kennen, da nur wenigen Personen wegen Geheimhaltung zugänglich, lagern nun diese Bänder und Daten in Archiven, und niemand kann sie auslesen. Wahrscheinlich gibt es da sehr wichtige Dinge zu lernen. Nur leider fehlt uns der Schlüssel zu den verschlüsselten Daten. Experten sagen, dass diese Daten höchstwahrscheinlich für immer verloren sind. Ob nun Mondlandung oder Wüstenshow – die Realität ist stärker… doch dafür muss man sie kennen…

@jan

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #24
gutes beispiel; wusste gar nicht, dass da noch bändern vorhanden sind....
aber auch hier:
-die nichtdigitalen unterlagen sind bereits weg, digitale daten sind anscheinend noch da
-ich bin doch eher optimistisch, dass unverschlüsselte daten auslesbar sind. braucht aber natürlich aufwand, zB forschung in historischer informatik auch in russland - kenne da den aktuellen forschungsstand nicht. aber gehe mal davon aus, dass dies auch kommen wird. zweckoptimismus, klar. aber wir historiker haben immer wieder glück, gerade auch weil sich sehr viele menschen für die geschichte interessieren... und ich gehe mal davon aus, dass auch die russischen geheimdienste nicht eine völlig neue informatik entwickelt haben, so dass man vielleicht bsp. kenntnisse der russischen raumfahrt-informatik nutzen (<> übertragen) kann.
- bei verschlüsselten daten ists natürlich komplizierter. was nicht überliefert werden sollte - und die meisten geheimdienste streben keine überlieferung an - wurde noch selten überliefert. aber eigentlich habe ich in meiner technologiegläubigkeit nicht wahnsinnig angst, dass russische codes unknackbar sind - sofern genug geld in die hand genommen wird (=der gesellschaft die aufarbeitung dieses geld werd ist)

Hä?

Von: jamesp.Sullivan | Datum: 12.02.2004 | #25
"Ich habe übrigens übrigens in diesem Zusammenhang (Datenverluste) mal gelesen, dass heute bereits 70% der Daten der Apollo-Mondlandungen verloren sind, weil sie entweder zerstört oder nicht mehr auslesbar seien."

also verloren sind die Daten bestimmt nicht. Nur weil ich keinen passeneden Computer habe heißt es ja nicht, dass die Daten Müll sind. Andererseits gibt es doch Leute, die vor 25 Jahren die NASA-Computer gebaut haben. Unddas haben die doch nicht ohne Unterlagen getan. Nachbau sollte also mit ein bischen Anstrengung möglich sein. Sobald man eine passende Maschine hat könnte man ein evt. vorhandenes OS aufspielen und dann alle Apollo-Bänder auslesen und irgendwann auch wieder etwas mit den Inhalten anfangen können. Selbst wenn das noch etwas dauert, kann man doch zumindest schon mal die Daten sichern, also auf heutige Medien umkopieren. Es mangelt also nur an der Technik. Die Software-Seite ist dagegen (vergleichsweise) nur ein klacks. Das die Daten "für immer verloren" sind, halte ich für unfug.

nicht 25...

Von: jamesp.Sullivan | Datum: 12.02.2004 | #26
sondern 35 jahre (2004 - 1969 = 35)

sorry!

Tja,

Von: Jörn (der andere) | Datum: 12.02.2004 | #27
James, da sind aber verdammt viele Konjunktive in Deiner Rechnung :-)
Tatsache ist, dass die Daten so weg und unzugänglich sind als ob jemand die Datenträger vernichtet hätte. Und Tatsache ist, dass viele der Forschungsergebnisse einfach nicht mehr dokumentiert sind.
Und von wg. schnell mal die geeignete Technik nachbauen is auch nicht so leicht möglioch, sonst hätte man das bereits getan.
Mit "hätte-wäre-wenn" sind die Daten nicht zu erhalten :-))))

Nachsatz

Von: Jörn (der andere) | Datum: 12.02.2004 | #28
...und man kann die Daten eben nicht "einfach umkopieren" und später auslesen. Es scheitert ja bereits daran, dass es keine Lesegeräte für die damaligen Datenträger mehr gibt oder zumindest keine funktionsfähigen, die ja auch noch an einem Computer angeschlossen werden müssten, der mit diesem Laufwerk was anfangen kann.
Versuch doch mal, ein 5 1/4-Floppylaufwerk mit einem parallen Anschluß in den USB-Port Deiner Kiste zu stöpseln, dann hast Du ungefähr eine Idee, warum die Daten auf der zu lesenden Diskette eben doch unrettbar weg sind.

@jörn

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #29
nur weil es auf meinem ibook nicht mehr geht, heisst das noch lange nicht, dass nirgendwo mehr lesegeräte vorhanden sind. bereits mein erster pc 1988 konnte mit lochkarten nix mehr anfangen, aber in unserer firma haben wir immer noch ganz tief im keller ein solches terminal.

jetzt wird vielleich langsam auch klar, warum ich auf diesem thema so herumreite: die speichermedien sind ein problem, und deshalb müssen die inhalte von mit jeder medien-generation umkopiert werden, bevor es allzu mühsam wird, ein veraltetes medium a) zugänglich zu machen und vor allem b) auf ein neues medium zu kippen. und das braucht leute, geräte und vor allem auch kohle.
wenn aber überall nachgebetet wird, dass die Archivierung von elektronischen Daten eh nix bringt, weil man die alten daten gar nicht mehr lesen kann, obwohl das für einen grossteil der daten einfach nicht stimmt, torpediert man sämtliche anstrengungen in dieser richtung und es wird für archive noch schwieriger werden, mittel für die instandhaltung (<> interpretierung) alter daten zu erhalten

Es gibt weltweit auch Millionen von ...

Von: johngo | Datum: 12.02.2004 | #30
... unleserlichen konventionellen Briefen. Und selbst ich habe als Kind mit meinen Freunden verschlüsselte Texte abgefasst, die ich Heute nicht mehr entschlüsseln kann.

Werden wohl nicht sehr wichtige Texte gewesen sein. ;)


Und so ist es auch bei irgendeinem Mond- oder sonstigem Archiv. Das Material hat einfach nicht genug Wert, das sich der Aufwand lohne würde.

Denn wenn man wollte, dann könnte man!
So einfach ist das!

Wir müssen Informationen auch wegwerfen. Wer soll denn sonst irgendwann diesen Müll alles lesen? ;)

Gruss

Woher nehmt ihr eigentlich die Arroganz

Von: Thomas | Datum: 12.02.2004 | #31
zu denken, dass unser Jahrhundert solche wichtige Dinge hervorbringt, die es aufzubewahren lohnt?
Ich denke in ferner Zukunft sind wir die Barbaren, die sämtliche Resourcen geplündert, die Umwelt verschmutzt haben, andere Völker bis auf die Knochen ausgeplündert haben und unablässig Krieg geführt haben.
Was bitteschön ist davon wertvoll oder was ist daran wertvoller als etwas das an einem x-beliebigen Tag vor 10 000 Jahren passierte?
Nur mal so als Anregung.
:-)
Thomas

nix arroganz

Von: mullzk | Datum: 12.02.2004 | #32
nicht alles wertvolle muss positiv gemeint sein. dass die erinnerung an die shoa aber auch den stalinismus erhalten bleibt, scheint mir sehr wohl sehr wichtig.
die meisten historiker, inkl. ich selber, erforschen in der neusten geschichte nicht die schönen seiten.... und an mahnmale dürfte das 20. jahrhundert nun wirklich unübertroffen sein.

aber wie gesagt, ich plädiere auch nicht dafür, dass alle quellen erhalten bleiben, sondern sage einfach, dass die wesentlichen quellen, auch wenn sie elektronisch vorhanden sind, überliefert werden...

ob die apollo-pläne nun wirklich zu den wesentlichen quellen gehören ist eine andere frage

@Thomas

Von: Dirk (MacGuardians) | Datum: 12.02.2004 | #33
Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder? Natürlich zeichnet sich das 20. Jahrhundert durch unglaubliche Barbarei und Ausbeutung von Mensch und Natur aus. Aber es wurde eben doch auch viel erreicht. Charta der Menschenrechte, Bekämpfung von Krankheiten, humanitäre Hilfe für unterentwickelte Länder, Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist…

Jede Zeit ist dokumentierwürdig. Denn nicht wir entscheiden über die Bedeutung, sondern die Generationen nach uns. Und sollte es diese geben, dann ist das vielleicht auch eine kleine Errungenschaft dieser Zeit, dass wir uns eben nicht ausgerottet haben…

@Dirk

Von: Kopfschüttler | Datum: 12.02.2004 | #34
Und dies ist jetzt nicht Dein Ernst, oder?
Entweder du bist blind oder ein mieser Zyniker!

Was ist mit Guantanamo Bay, Hunger, Aids u. Malaria in Afrika, Kyoto?

@Rolf L.

Von: Bodo | Datum: 12.02.2004 | #35
Das ist jetzt Dein Ernst, oder:

"Passt hier nicht direkt her aber:
Möglicherweise gibt es wenig Daten der Apollo-Mondlandungen, weil sie gar nicht stattgefunden hat. Es gibt diverse Theorien darüber, die z. T. echt verblüffend sind."

Jede dieser diversen Theorien lassen sich naturwissenschaftlich mittels physikalischer Gesetzmäßigkeiten widerlegen, und zwar so, das jeder mit unvoreingenommenem Verstand und gesunder Logik diese "diversen Theorien" als Verschwörungspolemik erkennt.

@Kopfschüttler

Von: Dirk (MacGuardians) | Datum: 13.02.2004 | #36
Doch, das ist mein Ernst. Und: ich bin kein Zyniker…

Fall der Berliner Mauer, Kniefall von Warschau, Sieg über Nazi-Deutschland, Ende der Apartheid, Gandhis gewaltfreier Widerstand, etc… Das ist aber ein endloses Spiel.

Aber ich glaube daran, dass die Menschheit, wenn auch durch unfassbare Erfahrungen, lernfähig ist und sich besinnen wird… Daher kein Zynismus. Vielleicht naiver Galube an das Gute im Menschen. Aber dann bin ich gern naiv… Ansonsten könnten wir auch alle gleich in die Kiste springen, Deckel zu und aus…

@Bodo

Von: Rolf L. | Datum: 13.02.2004 | #37
Es war eine SpiegelTV-Reportage. Sie ist auch noch nachzulesen. Und mir schien keinesfalls alles wiederlegt zu sein. Allerdings habe ich mich auch nicht sonderlich stark damit beschäftigt. Ich fand nur verblüffend, wie die NASA nach Erklärungsversuchen gerungen hat.

Aber wenn es interessiert, hier ein Link:

[Link]

Viel Spaß
Rolf L.

Allgemein.

Von: SL | Datum: 23.02.2004 | #38
Ich glaube man geht eigenlich nur folgenden weg:

Speichere das was Du brauchst
und das was Du kannst.
Damit Du nicht so schnell fertig wirst, bau Medien um noch mehr zu speichern.

Das ist wie "Hamster-Speicherei", also sowie "Hamster-Käufe".

Filmdownload

Von: SL | Datum: 23.02.2004 | #39
Weiß jemand, ob man sich den Film irgendwo herunterladen oder holen kann?