ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 3275

Ist iPod nur ein Wort?

Beobachtungen zur iPodisierung der amerikanischen Sprache

Autor: roland - Datum: 16.10.2004




In der TIME vom 11. Oktober findet sich auf der letzten Seite ein bemerkenswertes Essay von James Poniewozik. Titel: The Age of iPod Politics. Untertitel: The niching of America makes for happy consumers and angry voters. Nachdem es Wochenende ist und keine harten News zu befürchten sind, soll dieses Essay Anlass sein zu ein paar vielleicht haarsträubenden Überlegungen jenseits unseres hard- und softwarigen Tellerrandes… Einer der Kernsätze darin lautet: "Through niche media, niche foods and niche hobbies, Americans fashion niche lives. They are the America of the iPod ads – stark, black silhouettes tethered by their briliant white earbuds, rocking out passionately and alone. You make your choices, they tell each other, and I make mine. Yours, of course, are wrong. But what do I care?"
In der Headline wie im Text des Essays wird der Begriff iPod herausgelöst aus seinem Zusammenhang, aus seiner Funktion als Eigenname eines genialen, kleinen Musicplayers und stattdessen angewandt als Synonym für ein hyperindividualisiertes Leben und selektives Wahrnehmen in der eigenen, kleinen Nische. Als eine Art Negativlabel also für eine auch und gerade politische Scheuklappenmentalität.
"The problem is, American politics are un-American. At least they no longer fit the a la carte ethos of iPod America ... Those who don't like the USA Patriot Act can't delete it from their digital playlist."
Nun ist es ja einerseits faszinierend, zu beobachten, wie ein für TIME schreibender iPod-User (ich vermute das mal, ohne es beweisen zu können) Begriffe aus der iPod-Lifestyle-Welt in politische und allgemeine Sprache überführt. Einerseits ist das ein sicheres Zeichen dafür, wie tief im Alltag der kleine weiße Player, von dem Apple allein im vergangenen Quartal 2 Millionen Stück verkauft hat, bereits verwurzelt ist. Andererseits kann es nicht sein, dass auf diese Weise das Wort iPod einen Bedeutungswandel vollzieht zu einem Begriff, der eine spezifische Form von politischem Autismus beschreibt, ein sich Einschließen in das eigene Dogma, in die eigene fensterlose Lebensnische ohne Blick nach draußen. Vielleicht bin ich da als Texter von Berufswegen hypersensibel, aber mich bestürzt das. Apples Lieblingsspielzeug als Beschreibung für spaßvergesellschaftete Lifestyle-Autisten und Politdogmatiker gleichermaßen? Puh! Das ist starker Tobak. Oder *conspiracy-theory mode on* ein besonders subversiver Versuch der M$-Heerscharen und iPod-Erfolgsneider, den kleinen, schneeweißen Freudespender zu kompromittieren *conspiracy-theory mode off*? Und wenn das so wäre, müssten wir dann nicht dem gegensteuern? Mit einer positiven iPodisierung zumindest der deutschen Sprache? Und wie wird der neu etablierte Rat für deutsche Rechtschreibung mit all seinen 36 Köpfen darauf dann reagieren? Fragen über Fragen…

Übrigens: Die TIME Website verbucht rund 3 Millionen Besucher monatlich, das gedruckte Magazin erreicht wöchentlich 22 Millionen Leser. Man sollte also die sprachprägende Wirkung eines solches Essays nicht unterschätzen...;-)

Kommentare

Also Kopfhörer sind doch eine Schöne Metapher für politischen Autismus.

Von: Cyrus Mobasheri | Datum: 16.10.2004 | #1
Ein Ghettoblaster wäre das Äquivalent für Rücksichtslos und Störend, aber auch wenn mir die Musik gefällt für Einladend und mit einbeziehend.
Ein Walkman oder iPod ist dagegen abweisend und zeigt vor allem Desinteresse, man kann sogar sagen man will andere nicht Teilhaben lassen, aber es ist auch Rücksichtsvoll, und friedlich.
Das sind meine Assoziationen zu dem Thema.

Man muss ja nicht gleich uebertreiben ...

Von: Simon Weber | Datum: 16.10.2004 | #2
... nur weil da jemand den iPod als Metapher (Man merke: Metapher!) fuer eine bestimmte Art des sozialen (nicht-)Zusammenlebens benutzt, sollte man keine Rueckschluesse auf die Qualitaet des Originals nehmen. Man kann auch Ratten mit Loewen vergleichen, deshalb sind Ratten noch lange keine Loewen (meistens zumindest ;-).

Und bei uns in Deutschland ...

Von: RoB*-) | Datum: 16.10.2004 | #3
... wird immer noch "I-Pod" geschrieben !

Hier -> [Link] z.B. ?-)

I-Pod ist schon komisch...

Von: morabi | Datum: 17.10.2004 | #4
richtiger wäre: Ipod

Rechtschreibung

Von: Roland Mueller | Datum: 17.10.2004 | #5
Naja, Ipod ist aber nur dann richtig, wenn die automatische Rechtschreibprüfung von M$ Word aktiviert ist. Der ist nämlich ein iPod auf Anhieb eher unverständlich ;-)

Ja Ipod liest man oft

Von: dabaer | Datum: 17.10.2004 | #6
Zuletzt am Donnerstag im ICE im Handelsblatt-Ticker. Da wurde nämlich von den guten Quartalszahlen berichtet und in der Überschrift prangte mal wieder Ipod.

Das tut einem richtig weh im Auge :-)

recht schreibt

Von: Bert | Datum: 17.10.2004 | #7
Vielleicht einigen wir uns auf

iPOD für den normalen (10 - 40 Gb) und
ipod für den kleinen (4 Gb)?

Herzliche Grüße,
Bert

Markenname?

Von: Stev07 | Datum: 17.10.2004 | #8
iPod, iMac, eMail?

Ipod, Imac, Email?

Imac sieht eher aus wie ein neues Netzwerkprotokoll.

"Hey, habt ihr schon die neuen Imac-Treiber?"

Oder McDonalds oder Mcdonalds?

Mir fällt da nochwas ein

Von: Stephan aus B. an der S. | Datum: 17.10.2004 | #9
Da ich mich ja eine Weile für ein gewisses T-Shirt eingesetzt habe fällt mir noch ein, dass es da in Frankreich ein T-Shirt mit aufgedruckten iPod-Kopfhörern gibt. Das spricht ja gegen die Abschottungstheorie, sonst müssten ja Hörer angenäht sein, um sie sich ins Ohr zu stecken.
Was ich sagen will: Weiss ich auch nicht so genau, jedenfalls will doch aber keiner so aussehen wie einer, der einen iPod hat, ihn aber gar nicht benutzt, oder?
Egal, macht mal weiter.

Nochwas

Von: Stephan aus B. an der S. | Datum: 17.10.2004 | #10
Ist dieser Knopf zum Sortiern der Beiträge neu?
Sehr schön!

schreibweise undsoweiter

Von: clemotion | Datum: 17.10.2004 | #11
also zur schreibweise in der deutschen journalle: es schreibt sich ja auch offiziell E-Mail, da ist I-Pod nunmal leider die logische schlussfolgerung. da braucht es wohl noch ein weilchen, bis sich iPod durchsetzt. vielleicht ist das aber von manchen auch ein absichtliches ärgern der iPod-Fraktion. wer weiß, in der aktuellen rechtschreibdebatte scheint ja ohnehin so mancher zu machen, was ihm gerade passt, ohne vorher das hirn einzuschalten.
der begriff iPod wird ja zur zeit gern eingesetzt. ipod-generation … ich denke gegen die im artikel beschriebene bedeutung kann nur jeder ipodnutzer einzeln etwas tun. ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der ipod auch in der form von "ipod-owner against bush" oder als "ipod-besitzer (da findet sicher jemand noch ein schickes wort für) gegen den xy-krieg" als politische äußerung benutzt (mißbraucht?) wird. als aktuelle version der buttons, die wir/manche in der jugend trugen. die anzeigen-persiflage mit dem bild eines gefolterten menschen aus abu ghreib hat manchem vielleicht eine idee davon vermittelt. ich bitte darum, hier nicht diese unnötige diskussion über deren sinn zu beginnen. aber die mag vielleicht den time-schreibe dazu animiert haben.
allerdings kann man dieses ich-stöpsele-mich-zu und-mache-nicht-mit auch als äußerung von gesellschaftskritik verstehen. ich mache nicht beim u-bahn-fernsehen mit, das die meisten blöde die köpfe verrenken lässt. ich will diesen ganzen lärm, den ihr macht nicht tatenlos ertragen. mit euren unwichtigen mobiltelefonierereien im zug (du der zug hat jetzt 15 min verspätung, ich melde mich dann wieder) lass ich mir nicht das hirn verschmutzen.
also die sache mit dem "unbeteiligtsein" hat sicher auch diese seite. und dass ich in der nervigen, stinkenden, öden, banalen und lauten öffentlichkeit meinen ipod benutze muss eben nicht heißen, dass mir ansonsten alles egal ist und mich nicht (politisch) engagiere. ich zeige doch durch den kauf des ipods schon, dass ich nicht zum "geiz-ist-geil"-mainstream gehöre.
so!

hiermit erkläre ich die bewegung "weißstrippen für die bessere welt" für gegrüdet. jeder, der also in zukunft mit weißen kabeln im ohr gesehen wird zeigt, dass er oder sie engagiert ist für den weltfrieden, das universum und den ganzen rest.

Demokratisierung von Vielfalt

Von: struffsky | Datum: 17.10.2004 | #12
Mein iPod kennt mehr Musik als die deutschen Radiosender innerhalb einer Woche spielen. Für mich also ein Ding um der Einöde zu entfliehen... Zeichen von Individualismus und nicht von Interessenlosigkeit... Im übrigen: man kann diese Überseepolitik ja auch nicht mehr ertragen...