ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 3516

Wer hoch steigt, wird tief fallen

Für Sie am Keyboard: der Redaktionspessimist

Autor: bh - Datum: 31.01.2005

Weil manche sich die Stimmung nicht verderben lassen wollen, steht zwischen Ihnen und den mahnenden Worten nun noch ein Klick. Beginnen wir mit einer Lebensweisheit: Nach längerer Abstinenz läuft man Gefahr, schon beim ersten Glas Wein ziemlich betrunken zu werden. Ähnlich geht es uns derzeit, denn nach Jahren des Schattendaseins steht die Marke Apple und damit auch die mit ihr auf Gedeih und Verderb verbundene Community im Rampenlicht. Wir hatten uns doch schon daran gewöhnt, von egozentrischen und unbelehrbaren Kolumnisten als Sektierer bezeichnet zu werden, nur weil sie unsere Leserbriefe fürchteten. Wir lebten im schützenden Schatten zwischen dem Breitengrad von 2 und 3 Prozent Marktanteil und kannten die Unterschiede zwischen motorolabedingten und hausgemachten Lieferproblemen. Still litt man unter der Ignoranz der US-Firmenzentrale, die Europa manchmal als leidiges Nebengeräusch empfand und es uns spüren liess. Nun hat der Wind gedreht, und leicht onanistisch veranlagte Studien wollen uns weismachen, dass Apple die wichtigste Marke ist. Jenseits von Coca-Cola, Ikea, Microsoft oder Nokia.
Vorsicht ist angebracht. Jene Apple-Neukunden, die uns heute begeistert die Vorzüge eines iPod shuffle vorplappern - übrigens flotter, als wir je alle Modelle der Performa-Reihe - sind zugleich auch die enttäuschten Anwender von morgen, wenn IRGENDWAS nicht stimmt. Irgendwann kommen auch weisse Kopfhörer aus der Mode. Vielleicht verpasst Apple diese Modeströmung. Vielleicht sticht einem Kolumnisten nach 35 Lobeshymnen auf den iPod irgendwann die geizige RAM-Ausstattung der Macs ins Auge und er richtet Apple wieder medial hin. Plumps - runter geht es, nichts mehr mit "wichtigste Marke". Nach einer Menge positiver Presse ist nur der Kolumnist wieder interessant, der erklärt, wieso Apple in Wahrheit eine dröge Firma ist und übermorgen dichtmachen wird.
Lassen wir uns daher nicht verwirren von der Erfolgswelle, auf der Apple gerade schwimmt.
Geniessen - ja. Betören - nein. Wir sind doch alte Hasen und können abschätzen, wie kurz ein Produktzyklus ist, und wie schnell auch Apple seine Ansagen ändert. (Die Röhre ist tot - begrüssen Sie mit uns den eMac! Es gibt kein Lärmproblem bei unseren G4-PowerMacs - holen auch Sie sich das kostenlose Lüfterset für ihren MDD G4!) Es ist zwar das Unternehmen mit dem coolsten Design der Industrie, was uns aber nicht vor einem grottenhässlichen U2-iPod oder "Hasch-" und "Schimmel-iMac" bewahrt hat. Nehmen wir alle Switcher, die durch den Mac mini den wichtigen Schritt weg von Microsoft Windows wagen, herzlich in unserer Mitte auf. Bemühen wir uns, möglichst viel aus der gegenwärtig günstigen Situation herauszuholen. Hüten wir uns aber vor allzu triumphierenden Meldungen über den gegenwärtigen Erfolg unserer liebsten Obstfirma. Denn wer der Ansicht ist, dass Apple Computer Inc. die besten und schönsten Rechner und das herrlichste Betriebssystem des Planeten herstellt, dem dämmert auch, dass es immer nur eine Frage der Zeit ist, bis Apple sich selbst ins Knie schiesst.

Kommentare

neue Powerbooks

Von: Henryk Richter | Datum: 31.01.2005 | #1
Man gehe in den Store. Die Realisten behielten Recht.

wahre Worte ... leider

Von: fazzur | Datum: 31.01.2005 | #2
es ist doch so dass wir uns doch schon alle wundern warum es denn so lange gut gegangen ist *fg*

nein, ich bin keiner der Schwarzmaler, aber der iPod und der Mini wären auch bei anderen Produkten möglich gewesen und dieser Hype ist mehr durch Zufall und Mundpropaganda entstanden. Zeitgefühl, Glück, aber keine Planung, leider.

Aber, das sehe ich dann doch ein wenig anders, ist doch die Chance gegeben dass Apple daraus irgendetwas lernt.

Pro Jahrzehnt darf man dem CEO doch wenigstens eine Glühbirne über dem Scheitel gönnen. Und so hoffe ich doch dass sich in kleinen Zügen doch etwas ändern wird, DA

sie jetzt doch deutlich gesehen haben was passieren kann, wenn man - durch Zufall - auch mal alles richtig macht.

Powerbooks

Von: Stephan aus B. an der S. | Datum: 31.01.2005 | #3
Gehe ich recht in der Annahme, dass die neuen Powerbooks folgende Verbesserungen gegenüber ihren VorgÄngern erfahren haben:
- 5400 rpm-Festplatten
- Bluetooth 2.0
- Scrolling Touchpad
- 256 Mb in den freien Steckplatz getan -> 512 Mb ausgeliefert (danke für's Nichtauflöten)?

Ich will nicht meckern, aber seit April 2004 hat sich doch ein bisschen was in der Welt des Computers getan bzw. wie alt ist die GeForce in den 12-Zöllern?

Wollte mir jetzt eigentlich ein schickes neues Powerbook zulegen, aber es sieht mir mehr nach Preissenkung aus. Vielleicht arbeiten ja auch alle Mitarbeiter am G5-Modell und man kann sich nicht mehr so richtig kümmern. Hm.

Erfolg

Von: Geier | Datum: 31.01.2005 | #4
Ja, die negativen Auswirkungen des Erfolges sind in Ansätzen schon zu spüren.
Das Profisegment (mit Ausnahme des Servers) hat man bei Apple anscheinend vergessen.

Sowohl die Architektur, als auch die verbauten Komponenten, der aktuellen Profilinien PM G5 und PB G4 sind bei weitem nicht mehr der Weisheit letzter Schluß.

Hat uns die Fokussierung auf den ipod, dies eingebrockt? Kaschiert dieser Erfolg im Consumerbereich, die sinkende Präsenz bei den Profis?

Dies wär fatal, die Consumer sind schwer zu greifende Wesen, die sehr schnell ihre Meinung wechseln können.

Welcher Hersteller zahlt dem Mediamarkt/Saturn am Meisten.
Dies ist die Voraussetzung für Erfolg in diesem Marktsegment.

Apple konnte durch das Überprodukt ipod hier die Regeln etwas zu ihren Gunsten ändern. Aber ob dies noch nächste Weihnachten gilt, ist zumindest fraglich.

Stimmt!

Von: RollingFlo | Datum: 31.01.2005 | #5
Guter Artikel, stimmt alles, wer weiß schon, was morgen kommt und überhaupt sind die schlimmsten Wendehälse die Analysten. Ist ja klar. Don't believe the hype!
Aber:
Apple ist, anders als früher, sehr gut aufgestellt. Die Kriegskasse quillt über, man ist schuldenfrei, man ist in allen Bereichen präsent, wenn auch unterschiedlich erfolgreich. Der Griff nach dem Unterhaltungsmarkt hat Apple ein starkes zweites Standbein verschafft, und auch wenn es nicht so stark bleiben sollte - bisher hatten sie nur eins. Was ist das besser?

Deshalb kann ich auch fazzurs Worte ganz und gar nicht nachvollziehen. Keine Planung, alles Zufall? Veto, Euer Ehren!
Apple ist heute wesentlich breiter aufgestellt als vor fünf Jahren, man hat ein wunderbares Betriebssystem, daß man leicht erweitern kann (und dabei jedesmal abkassieren). Apple macht Geld mit .mac, den Läden, iTunes. All das gab es damals nicht. Der iPod garantiert(e) auf Jahre enorme Medienpräsenz (ein paar sind ja schon rum) - wann hatte Apple die zuletzt? Für Apple-affine Firmen hat man einen Server im Angebot. Es gibt Supercluster, die aus Macs bestehen! Das US-Militär ordert auch, daß FBI empfiehlt Macs und die NSA gibt einen Sicherheitsleitfaden heraus. Man hat einen. für Mac-Verhältnisse, spottbilligen Rechner am Markt. Also für jeden etwas, von 500-5000 Dollar. Usw. Keine Planung?

@ Geier:
Der G5 bereitet eben Probleme. Aber das Apple die "Profis" angeblich vernachlässigt - ich verstehe diese ständig wiederholte Klage nicht. Der Service ist ein Graus, da sollten sie anpacken, aber von den Produkten her? XServe und Xsan, Final Cut Pro HD, Logic Pro, Motion... und die Dritthersteller? Ob Layout oder 3D, ob Biotech oder Mathematik, immer mehr wird portiert.
Und auch wenn die 3Ghz nicht erreicht wurden, ist der PowerMac ein leistungsfähiges Gerät. Und das IBM solche Probleme damit hat, ist doch nicht auf Apples Engagement im Musikmarkt zurückzuführen. Das hat alles überhaupt nichts miteinander zu tun!

unfertige Software

Von: Katze007 | Datum: 31.01.2005 | #6
Also zu iWork kann ich nichts sagen, weil ich es noch nicht in Händen hielt. Aber das Gejammer um iLife 05 ist denke ich ebenfalls zu sehr gehyped (?). iPhoto ist prima und bringt genau die Neuerungen, auf die ich gewartet habe. "Unexpectedly quit" hatte ich schon nach dem update auf 4.3 und Grund waren ein paar uralte Bilder die in der Library irgendwie falsch eingebunden waren, das war aber wohl eher ein Problem von iPhoto 1 oder 2 (dem Datum der korrupten Bilder zufolge). Der einzige wirklich Bug, und der ist wirklich peinlich, ist der, dass "edit in external editor" im Kontextmenu ausgegraut ist. Das hätte tatsächlich auffallen sollen.

Was mich heute wirklich sehr geärgert hat ist das fantastische "neue" Trackpad... SideTrack kennt Ihr ja wohl alle? Sie haben also einen neuen Treiber geschrieben, den sie den neuen PowerBooks vorenthalten... das finde ich zum ko..en. Ich scrolle schon die ganze Zeit, aber eben am Rand. Der Apple Ansatz gefällt mir eigentlich besser.... aber wie mit On The Go Playlists lassen sie "alte" Besitzer im Stich. Und das wird auf Dauer auch die loyalsten Nutzer auf die Palme bringen....

Unheimlich

Von: Katze007 | Datum: 31.01.2005 | #7
... jetzt wird er sogar von der BILD gelobt...
falls die Startseite schon wieder geändert sein sollte: [Link]

gute analyse

Von: Thesi | Datum: 01.02.2005 | #8
ich teile deine Meinung, nur:

- finde ich den U2Pod geil, scharf, sexy,...

- denke ich, dass ein paar der Mac Mini Käufer bei apple kleben bleiben

Hohes Ross

Von: Geier | Datum: 01.02.2005 | #9
Apple sitzt derzeit auf einem hohen Ross. In Deutschland melden sich momentan alle Retailer bei Apple und möchten deren Produkte vertreiben. Das was die Damen und Herren wirklich möchten sind günstigere Einkaufskonditionen für den ipod. Der Mac und Apple ist denen Scheißegal.
Apple kann nur hoffen, dass der Run auf den ipod noch möglichst lange anhält. Wenn der vorbei ist sind auch die Retailer wieder weg und die Apple-Gemeinde wieder unter sich.

Auch ein Mac-Mini ist ein Mac und mit diesem Rechner ist es für Mediamarkt & Co nicht getan eine Pallette in den Markt zu schieben und der Abverkauf flutscht.

Die Chance von Apple liegt darin Ihren bestehenden Vertriebskanal so aufzumotzen, dass mögliche Switcher entsprechende Anlaufpunkte bekommen.

Apple und die Profis:

Von: Kai (MacGuardians) | Datum: 01.02.2005 | #10
Geier: Haltloses Gejammer... Mit der Pro Suite hat Apple ein konkurrenzlos günstiges Production Bundle am Markt, das sehr sehr erfolgreich ist und Adobe & Avid richtig ins Schwitzen bringt. Die Suite ist übrigens -wie Logic- sehr erfolgreich, die "sinkende Präsenz bei den Profis" hast du schlicht und einfach völlig frei erfunden...

Dem Powermac G5 fehlen technisch lediglich DDR533 und PCI Express, der Frontsidebus (1.25 GHz, 10 Gbyte/s pro CPU, 20 GByte/s für beide) und die Fließkommaleistung eines 2.5 GHz G5 (Rpeak 10 GFLOPS) ist weiterhin deutlich besser als bei jeder x86-Konkurrenz, die übrigens gerade den 4 GHz P4 abgeblasen hat und auf Dualcore hofft (was IBM schon lange hat).

Falls du wegen den nicht erreichten 3 GHz bittere Tränchen vergiesst: Darf ich dich darauf hinweisen, dass seltsamerweise beim Opteron auch keine 3GHz erreicht werden und dass das Ding trotzdem sehr erfolgreich ist? Weil nicht der Takt sondern die Leistung zählt?

Das Powerbook G4 ist lediglich in der CPU/FSB und im Grafikchip nicht das aktuellste. Mit Bluetooth 2.0, Duallink-DVI sind sie den PC-Laptops allerdings weit voraus, welche mit sehr sehr seltenen Ausnahmen noch nicht einmal das in Powerbooks schon seit Jahren verbaute DVI oder Gigabit-Ethernet haben. 100 GByte HD und 8x-Brenner sind absolut Stand der Technik, also was soll das Gejammer? Man baut ja offensichtlich schon am Powerbook G5, aber dazu gehört eben _deutlich_ mehr als einfach nur nen neuen Chip reinzuklatschen!

Katze007:
Bevor du hier Apple aufgrund von technisch uninformierten Vermutungen verurteilst lass dir gesagt sein, dass weit mehr als "ein neuer Treiber" dazugehört, damit ein Trackpad zwei
Druckpunkte erkennen kann! Das Ding muss hardwaretechnisch darauf vorbereitet sein, was die alten ziemlich sicher nicht sind...
Sidetrack erkennt auch nur einen Druckpunkt, nur teilt es das Trackpad eben in unterschiedliche Zonen auf!
Du kannst dir das vorstellen wie ein zweites Mausrad, sowas kriegst du auch nicht einfach "durch einen neuen Treiber"!

Nicht alles ist eine Verschwörung Apples gegenüber seinen Kunden....

Trackpad

Von: Katze007 | Datum: 01.02.2005 | #11
@ Kai

Gut, gut, wenn Du Dich da so gut auskennst, will ich nichts gesagt haben. Meine, zugegeben technisch unversierte Vermutung war/ist, dass niemand so dicke Patschefingerchen hat wie 2 Finger nebeneinander und das dies die Grundlage für die Erkennung ist, die man dann sehr wohl treibertechnisch adressieren könnte.