ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 380

Xflop - der grosse Reinfall

Zurück auf dem Boden der Realität

Autor: kai - Datum: 26.03.2002

Die Spatzen pfeifen es schon von den Dächern: Die Europa-Einführung der Xbox kann getrost als Disaster bezeichnet werden. Nachdem die Vorverkaufsaktion "ich zahle 80 Euro für ein Video und ein T-Shirt" im Dezember schon ein ziemlich böser Reinfall war und die Einführung selbst zu einem Alptraum für die Händler geriet, sind nun die ersten Zahlen der ersten drei Verkaufstage ein Schlag ins Gesicht für Microsoft: 10.000 verkaufte Einheiten in Frankreich, 10.000 in Deutschland (und das trotz 80 Euro Preisreduktion!), allein England kann mit 48.000 Einheiten passable Zahlen vorweisen. Nur als Vergleichsrahmen: Sony verkaufte von der Playstation 2 in Deutschland bei der Einführung in einem kürzeren Zeitraum 70.000 Einheiten (und kostete -nebenbei bemerkt- damals fast genau so viel!), und selbst vom gescheiterten Dreamcast verkauften sich in diesem Zeitraum 40.000 Stück!
Und das ist nicht alles: Der Branchendienst MCV Online, der sich auf Verkaufszahlen und -umfragen im Video- und Computerspielemarkt spezialisiert hat vermutet sogar, dass ein Teil der "verkauften" Xboxen Quereinkäufe von kleineren Händlern (zum Zwecke des Wiederverkaufs) waren, die sich das 399 Euro-Preischaos der Saturn Hansa Gruppe (Mediamarkt/Saturn) zunutze machen wollten. Was sagt Microsoft dazu? Nun, der sonst bei Zahlen so auskunfts- und mitteilungsfreudige Hersteller gibt sich auf einmal sehr wortkarg und versucht statt dessen, nach alter römischer Imperialistentradition den ‹berbringer schlechter Nachrichten hinzurichten, sprich: die Glaubwürdigkeit von MCV in Zweifel zu ziehen.

Doch das ist nicht alles: Wenn wir unseren Blick nach Japan richten, so bietet sich uns mittlerweile ein ähnliches Bild: Nach einer relativ erfolgreichen Startwoche mit passablen 106.900 Einheiten fiel die Xbox in der nächsten Woche schon auf 28.900 Einheiten ab, in der darauffolgenden Woche auf 12.300 um nun schliesslich in der letzten Markterhebung auf nur noch magere 7.292 zu kommen. Ein kleiner Vergleich: Sony konnte am ersten Wochenende allein in Japan 980.000 Playstation 2 absetzen!
Was ist passiert? Nun, die Konsolenfans lassen sich wohl nicht beliebig melken. Trotz extrem grossem Hype im Vorfeld (eben zu grossem Hype!) bleiben die Geldbörsen geschlossen und beim Ausprobieren machte sich wohl doch die Ernüchterung breit, dass die Xbox doch auch nur eine Konsole ist, derzumal von den grossmäuligen "dreimal mehr Grafikpower als jedes bislang erschienene Gerät" (O-Ton Bill Gates) irgendwie nicht mehr so viel zu sehen ist im Vergleich zu aktuellen Playstation 2-, GameCube- und sogar noch manchen Dreamcast-Spielen!
Die Spieleentwickler, die voraussetzen, dass eine Konsole in 2 der 3 wichtigen Märkte USA, Europa und Japan etabliert sein müsse um dafür zu entwickeln (schlechte Karten für die Xbox!) fangen wohl schon damit an, das sinkende Schiff zu verlassen.
Boykottieren sie also die Xbox so weit wie möglich und raten sie auf jeden Fall möglicherweise interessierten Bekannten vom Kauf ab. Es gibt gute, billigere Alternativen und wir wollen schliesslich alle, dass das ausnahmsweise mal so bleibt (siehe Desktop-, Browser- und Officemonopol!) Es wäre doch zu schön, wenn Microsoft einmal "die Banane fressen" würde, wie einige Freunde von mir zu sagen pflegen. Leider wird das wohl nicht passieren, weil es ganz einfach nicht passieren darf. Die ganze Welt schaut zu, und wenn Microsoft scheitern würde, würden sie ihren Ruf verlieren, unbesiegbar zu sein, und das darf auf keinen Fall passieren! Also werden sie lieber viele Milliarden an Subventionierung in die Xbox stecken um Entwickler einzukaufen und den Kasten auf ein erträgliches Preisniveau zu senken. Auch gut, freuen wir uns halt, dass sie richtig gut draufzahlen! Gottseidank schläft die Konkurrenz ja diesmal auch nicht (hallo, Palm!), und um auf deren Verkaufszahlen von bald 30 Mio Einheiten zu kommen muss Microsoft einiges investieren!
Sei's drum, der Xbox-Dämpfer jetzt ist jedenfalls mehr als heilsam, und wer weiss: Vielleicht sehen wir ja gerade wirklich den Anfang vom Ende von Microsoft, ich frage mich allerdings wirklich, warum Bill Gates seit nem Jahr auf einmal so überdurchschnittlich viele von seinen Aktien abstösst...

P.S.: Finden sie es nicht auch ungemein amüsant, dass sich Microsoft diesmal als der teure Qualitätshersteller positionieren will, der Hardware macht "die ihr Geld wert ist"? Kennen wir das nicht exakt genauso aus anderen Bereichen mit umgedrehten Vorzeichen? Hätte Microsoft nicht vielleicht vorher erst mal in Imagepflege (bzw. überhaupt -aufbau, welches Image ausser Bluescreen, DLL-Hölle und IRQ-Gefummle hat Microsoft denn schon?) investieren sollen?

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