ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 4139

Zurück in die Gegenwart?

tambo und Aperture -- Teil 2

Autor: Gastautor - Datum: 20.02.2006

Der erste Teil des Aperture-Reviews zeigte einige Schwachstellen auf, die Apple schnellstmöglich korrigieren sollte: Apple hat mit ein paar guten Ideen im Hinterkopf, jedoch ohne genuine Umsetzung und Reifung, heiße Luft gemacht, um Adobes Aperture-Rivalen LightRoom zuvorzukommen, dessen erste Projektentwürfe 2002 entstanden. Kurz nach den Apertureauslieferungen zog Adobe die LightRoom-Beta aus der Schublade, mit 6 Monaten (!!) Laufzeit versehen, um potentielle Aperture-Umsteiger anzulocken. Das ganze Spiel dreht sich um künftige Marktpositionen und proprietäre Dateiformate, die bei genügend grosser Markdurchdringung als de-facto-Standard gelten.

Das Leuchtpult, ein Lichtblick in Aperture.

Der Umgang mit Kritik
Wenden wir uns einmal Apples Reaktion auf die (teils heftige) Kritik zu. Lange sah es danach aus, als wolle Apple die Kritiken nicht verstehen, zu oft bestand die Replik aus "den Paradigmenwechsel von Aperture nicht begriffen, unprofessionelle Kritiker" etc. Auch wurden im Apple-eigenen Aperture-Forum Beiträge gelöscht, welche u.a. die RAW-Konvertierungsqualität hinterfragten.

Anstelle auf die Kritik einzugehen, wurden Apples Absichten wiederholt. Joe Schorr: "Apples Vorstellungen bestanden darin, Aperture aus dem Workflow wachsen zu lassen, und weniger den Workflow aus dem Programm [...] Apple Prorammierer stellten sich die Frage: Angenommen, es gäbe noch keine entsprechende Software, und Sie denken wie ein Fotograf -- nicht wie ein Photoshop-Guru -- was würden Sie machen?" ("If there was no pre-existing software, and you were thinking like a photographer -- not a Photoshop guru -- what would you build?")

Schöne Gedanken, zweifellos, schauen wir uns aber einmal an, was davon im alltäglichen Gebrauch übrig bleibt. Wer schliesst sich schon freiwillig in ein abgeschlossenes Subsystem ein, von dem unbekannt ist, wie es in einem Jahr rendern wird? Aperture benötigt zwingend Updates -- beispielsweise die Nachbesserung der RAW-Konvertierungen.

Apples einzigartige Reaktion
Apple hat diesen Mangel eingesehen. Am 31. Januar erschien im US-Fotomagazin PDN, resp. dem angeschlossenen Forum der Aufruf, Apple einige Testkonvertierungen -- auch von anderen Konvertern -- sowie das originale RAW zukommen zu lassen. Zweifellos eine Möglichkeit -- und für Apple einzigartig. Nur: Was denken sich wohl Apertures early adopters?

Offiziell bezog Apple keine Stellung. Im pdn-forum gestellte, leicht unangenehme Fragen schmetterte der Moderator ab, ein ungewöhnlicher Vorgang für dieses sonst recht lockere Forum. OK, nun wird also die Renderengine geändert, damit das Programm die "Rezeptdatei" (.xml) besser interpretiert als heute. Genau dieses Szenario bereitet jedoch dem Profi, der seine library bereits mit tausenden von Fotos gefüllt und tagelang im virtuellen Imaging-Modus, d.h. ohne tiffs zu exportieren, bearbeitet hat, das nächste Kopfzerbrechen: Unterschiedliche Bilder werden der jeweiligen Apertureversion entsprechend gerendert -- für den Benutzer fast unkontrollierbar, da Aperture-Updates auch mittels OS-Update stattfinden. Dieses Problem hat Apple vergessen und zugleich mit dem schlechten Konverter der Version 1.0 jedem frühen Benutzer ein dickes Ei gelegt. Einem Home-User mag das nebensächlich erscheinen, einen Profi beißt dies schon. Zumal auf den Apple-eigenen User- und Dev-Listen der Eintrag "Aperture" vermisst wird; was heißt, dass Apple keine entsprechenden Dokumentationen bereitstellt.

War da mal was mit "Bilder zu erstellen aus einem rein kreativen Standpunkt"??

Das Beispiel der inkonistenten Konvertierungen reicht aus, um sich nicht in ein proprietäres Subsystem einschliessen zu lassen; allein aus diesem Grund gehört jedes Programm, das einen Zugriff einer Alternative mutwillig unterbindet, nicht auf die Festplatte, sondern dem Entwicklungs- und Projektmanager um die Ohren geschlagen. Inakzeptabel, dass aus Kundenbindungsgründen -- etwas provokant gesprochen: Monopolbildungsgründen -- dem Fotografen die Wahl des Konverters genommen wird.

Dafür bestehen auch noch weitere, inhaltliche Gründe: ein Konverter allein macht weder alle Fotografen, noch alle Aufnahmen glücklich. Das abgeschlossenen Subsystem betrifft auch Apertures Rivalen LightRoom, welcher auch nur seinen eigenen Konverter zulässt. Dieser rendert zwar sauberer als Aperture, auch er ist jedoch verbesserungswürdig.

Fazit bis hierhin: Apple versuchte sich mit Aperture an der Zukunft Zukunft, ohne sie zu erreichen. In der aktuellen Variante ist es für die meisten High-End Profis nicht im von Apple gedachten Sinn zu gebrauchen.

Nach diesen kritischen Worten sollen auch positive Seiten von Aperture erwähnt werden. Das in die Zukunft gerichtetes Programm macht zweifellos neugierig:

What’s new? - Apertures interessante Aspekte

Bildvergleich, mit der Lupe auch in 100%.


Aperture ermöglicht unterschiedliche Vorschau-Darstellungen.

Sichtung und Bildvergleich, auch in 100 %
Unterschiedliche Vorschauen vereinfachen eine Sichtung und Auswahl der Aufnahmen, was heute nach einem anstrengenden Shooting-Tag noch gut und gerne 2 Stunden beansprucht. Das Problem ist bekannt: Erfasst eine Ansicht ein Bild gesamthaft, dann fehlen die Details; zoomt man hinein, sind die Details zwar sichtbar, jedoch geht der Gesamteindruck verloren.

Apertures Lupe, eine 100%-Vorschau in "Echtzeit", schafft hier Abhilfe. Auch der Vergleichsmodus, d.h. 2 Bilder nebeneinander angeordnet, ermöglicht einen schnellen Vergleich. Auf dem Leuchtpult kann man mit den "Stacks" mehrere Bilder stapeln. Apple hat einen guten Riecher bewiesen, sich des Themas der unterschiedlichen Ansichten anzunehmen. Ähnliche Features weist nur noch LightRoom auf.


Mehrere Aufnahmen können, auch automatisch, zu "Stacks" (Stapeln) geordnet werden.

Das "All in One"-Konzept
Schon als die ersten Informationen zu Aperture durchsickerten, war klar, dass es auf den heutigen, recht umständlichen Worflow zielte: Bilddateien in mehreren Programmen zu verwalten ist weder schnell noch effizient. Ein "All-in-one"-Konzept kann hier Abhilfe schaffen, falls das Programm dabei nicht aufgeblasen wird.

Virtualisierung des Bildes -- nichtdestruktives Imaging
Mit der radikalen Trennung zwischen dem "virtuellen" Bild, d.h. der reinen Monitorbeschreibung von Bilddaten, und den eigentlichen Bilddaten selbst, werden die Relikte des analogen Zeitalter verabschiedet: Idealerweise werden keine tiffs oder jpgs mehr gespeichert, sondern allenfalls bei Bedarf exportiert. Eine bessere Bildqualität sowie unverbrauchter Speicherplatz auf der Festplatte sind die Folge. Möglich ist dies schon seit Photoshop 8 und ACR, also vor Aperture.

Wie sich das in der Praxis auswirkt? Ob Fotografen einer Druckerei resp. einem Fachlabor RAW-Dateien mit der entsprechenden "Rezeptur" überlassen, oder eher ein fertiges Tiff senden, sei mal dahingestellt. Ebenso die Frage, ob exportierte Tiffs -- unabhängig vom OS -- an einem anderen Ort nicht besser aufgehoben sind. Denn: So verlockend ein nichtdestruktives Imaging auch scheint, einige Probleme -- wie die fehlende Bearbeitungskonsistenz -- sind derzeit ungelöst.

Der integrierte Workflow der Zukunft
Abschliessend ein Blick in die Zukunft, das Potential von Aperture aufzeigend (was bedeutet, dass längst nicht alle aufgezählten Punkte schon realisiert wären oder je realisiert werden... es ist auch ein bisschen eine Wunschliste):

Architektur: smarte Modulbauweise
- Unterschiedliche Programmmodule (userdefinierte workspaces) stehen zur Verfügung; sie werden nur der Aufgabe entsprechend geladen.
- Hochwertige Konvertierungen durch Einbindung externer Raw-Converter (wenn denn mal zugelassen)
- Offene Datenstruktur, mit mehreren Usern in Netzwerken.
- Plugin-Architektur; wie z.B. die Einbindung von 96 bit-Funktionen.
- Auswechselbare oder kalibrierbare Kameraprofile
- Virtualisierung des Bildes, nichtdestruktive Bildbearbeitung. Hier dürften noch einige Probleme zu lösen sein.

Austausch
- konsequente Integration von EXIF- und ITPC-Metatags, etc, den internationalen Standards entsprechend.
- Einheitliche RAW-formate und plattformübergreifende Bildstandards.
- Kontinuität von Konvertierungen und Bearbeitungen, über längere Zeiträume resp. mehrere Programmversionen hinaus.
- Ausgabemöglichkeit von CMYK-Formaten

Handling
- knappe, logische Menüs mit möglichst wenigen, effizienten und präzisen Einstellungsmöglichkeiten. Wer ganze Wochen mit einem Bildeditor verbringt, verzichtet gerne auf zusätzliche Animationen.
- aufgeräumtes GUI, mit optionalen Darstellungsgrößen, wie z.B. großem, bildschirmfüllendem Hauptfenster und abreißbaren Paletten für den zweiten Monitor. Spart gleich ein Drittel der "View"-Menüs und -Buttons und der Useraktivität.
- schneller Import, Sichtung und Auswahl der Bilddateien, inkl. 100% Ansicht.
- Autobackup, und Katalogisierung, letztere auch für Offline-daten (CD/DVDs, externe Festplatten)
- Stapel-Verarbeitungen, für die Vielfotografierer eine Notwendigkeit
- "Thetered shooting" , d.h. das Programm ist via FireWire-Kabel direkt mit der Kamera verbunden; man kann u.a. mit dem Mac auslösen.

Andere Funktionen, wie z.B. die Rendergeschwindigkeit, werden eine untergeordnete Rolle spielen, denn einige Sekunden Zeitgewinn sind hinfällig, wenn die Qualität nicht stimmt, und in Photoshop nachbearbeitet werden muss.

Nach diesem Ausflug in die Zukunft kehren wir im nächsten und abschliessenden Teil des Aperture-Reviews in die Praxis, die Benutzung das Programms, zurück.

Artikel freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: tambo, proimago.net

Kommentare

Teil 1

Von: Peter | Datum: 20.02.2006 | #1
Wo isn der Link zu Teil 1?

Hm?

Von: flo (MacGuardians) | Datum: 20.02.2006 | #2
Na, ganz am Anfang? (MacNow-Teaser)

praktischer fänd' ich's

Von: radneuerfinder | Datum: 20.02.2006 | #3
Das wäre in der Tat praktisch, wenn der komplette Artikel, samt Teaser und Link, unter dem dafür vorgesehen Link auftaucht. Im Idealfall springt die Seite gleich an die richtige Textstelle zum weiterlesen. (nich von mir, is nur woanders abgeschaut)

Bin schon sehr gespannt auf Teil 3. Und hoffe auf Teil 4: Aperture, Lightroom und PhotoMechanic im Vergleich.

Da kommt man ins krübeln...

Von: jil | Datum: 20.02.2006 | #4
Ich hatte vor meine Fotos in Zukunft(derzeit noch am PC) mit meinem neuen Imac und Adobes Aperture zu verwalten.
Aber wenn man das so liest.?.
Vor allem diese Bevormundung die anscheinend von Apple mit Userability verwechselt wird schreckt mich ab.

PhotoMechanic?

Von: flo (MacGuardians) | Datum: 20.02.2006 | #5
Das ist aber ein seltsamer Vertreter in der Dreierriege... Ist PM nicht mehr "nur" ein Bildbetrachter, vielleicht noch ein Verwalter? Bearbeitungstools hat doch PM nicht, er kann RAW darstellen (die jpeg-Vorschau darin), aber mehr doch nicht, oder?

PhotoMachanic gehört eher mit iView verglichen... zwischen denen beiden bin ich mir nich ganz schlüssig, als reiner Bildbetrachter ist PM glatt ne Ecke besser (finde ich jetzt mal so nach kurzem Anschauen der Demo)...

PhotoMechanic? II

Von: DC | Datum: 20.02.2006 | #6
Sollte man an dieser Stelle vielleicht eher mit CaptureOne vergleichen (geschlossener RAW Workflow) ?

Kein Interesse ?

Von: jil | Datum: 21.02.2006 | #7
Na der Artikel löst ja richtige Begeisterungs-Stürme aus.

Ich hoffe doch nicht das die CPU-Freaks wie Kai und Co alle kreativen Menschen schon vertrieben haben.

Quatsch: Interesse ist da...

Von: Michel | Datum: 21.02.2006 | #8
Ich schließe mal von mir auf andere: Lese fast alles, was auf der grünen Seite erscheint, gebe aber nur selten meinen Senf dazu.
Außerdem: Der Artikel, fair die Fakten aufzählend, löst doch kaum neue Diskussionen aus, oder?

Michel

Von: tambo | Datum: 21.02.2006 | #9
>löst doch kaum neue Diskussionen aus<

Da einiges, auch kontrover, über Aperture publiziert war, wurde die Besprechung; resp. ihr Schwergewicht umgestellt: Wie kann Aperture in Vers. 3 aussehen? Wie sieht ein integraler workflow der Zukunft aus? Welche Probleme sind damit verbunden?

Falsch ist es nicht, von der user-seite her mal die längefristigeren Wünsche zu äussern; die Weichen werden ja heute gestellt.

Und: von Aperture gibt's keine Demo.

DAS ist doch mal ein Artikel

Von: Counter-Kailiban | Datum: 21.02.2006 | #10
sauber geschrieben, alles beachtet - ist ja auch von einem Gastautor..

Kai, nimm dir mal ein Beispiel!

Hier sind keine 200 Kommentare die über Apple-Bashing lästern. Obwohl heftigst kritisiert wurde.

Lemming, anyone?

Plug in Schnittstelle

Von: Claudius | Datum: 22.02.2006 | #11
Eine gute Idee wäre es, den RAW Converter wie ein Plug-In zu behandeln und so unterschiedliche Konverter zu erlauben.

Plugin-Schnittstelle?

Von: tambo | Datum: 22.02.2006 | #12
dafür ist nicht mal eine plugin-schnittstelle notwendig; ein script mit einer "öffnen mit" -Zuweisung würde ja schon genügen- systemweit ist dies im info-dialog einer Datei ja längst vorhanden.

Aus iVMP heraus lässt sich übergeben, an wen man will, z.B. auch an eine Photoshop-aktion.