ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 4168

Digitale Karteikästen - offene Archive

Die Bibliotheksmitarbeiter werde ich vermissen.

Autor: bh - Datum: 14.03.2006

Im August 2003 teilte der BBC-Generaldirektor Greg Dyke mit, dass die BBC vorhabe, ausgewähltes Material aus seinem - für manche unvergleichlichen - Archiv kostenlos zum Download anzubieten. Dyke sprach in seiner Rede beim Edinburgh Television Festival davon, dass die Herausforderung darin liege, wie öffentliche Gelder in Verbindung mit neuer Digitaltechnik am besten eingesetzt werden könnten. Knapp ein Jahr später war es soweit, die ersten Videos konnten - ausgenommen für kommerzielle Nutzung - kostenfrei heruntergeladen werden. (Stichwort: sinnvolle Nachnutzung von mit britischem Steuergeld finanziertem Qualitätsfernsehen.) Derzeit stehen rund 80 Videoclips aus den letzten 50 Jahren unter dieser Adresse zur Verfügung. Der Fall der Mauer, die Menschenschlangen beim Begräbnis von Elvis oder die gewaltsame Niederschlagung der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens kann sich der Anwender herauskramen.

Erfreulicherweise stehen diese Bemühungen um eine Verfügbarkeit kultureller Dokumente nicht für sich allein. Auch die EU-Kommission hat neulich bekundet, eine "Digitalisierungswelle" auslösen zu wollen. (Stichwort: hoffentlich sinnvolle Nutzung unserer gemeinsamen Steuergelder.) Binnen 5 Jahren soll über das Netz eine Sammlung von 6 Millionen Büchern und anderen kulturellen Dokumenten zugänglich gemacht werden. Ob sich in dieser Ansammlung dann tatsächlich schon das "kollektive Gedächtnis Europas" - wie Kommissarin Viviane Reding meinte - wiederspiegelt, mag angezweifelt werden. Hoffentlich werden hier bereits bestehende Projekte gefördert und nicht eigene aus dem Boden gestampft; ein finanzieller Anreiz für die Nationalbibliotheken und öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten würde vermutlich reichen und allen Beteiligten zu einem raschen Erfolg verhelfen. Spannend könnte es bei einer Ausweitung auf die wichtigsten Museen werden - denn da hat ein gewisser Bill Gates (natürlich nur mit wohltätigen Hintergedanken) bereits digitale Verwertungsrechte eines erheblichen Teils der bildenden Kunst gekauft und bei seiner Firma Corbis geparkt. Was fällt der Kommission da wohl ein? Das "kollektive Gedächtnis" zur europäischen Malerei sollte sich wohl nicht nur aus dem zusammensetzen, das noch nicht aufgekauft wurde... Erinnerungslücken aufgrund von Liquiditätsproblemen?

Im Zusammenhang mit bereits bestehenden Initiativen für freie Archive im Netz muss natürlich die wohl größte öffentlich zugängliche digitale Ansammlung von Daten auf http://www.archive.org/ erwähnt werden. Von bereits freien Filmen wie "Nosferatu" über alle Werke von Charles Dickens im Projekt Gutenberg zu lizenzfreien Tönen von Grateful Dead spannt sich der Bogen.

Um in der hellen Freude über fremde Freigiebigkeit trotzdem eine gewisse kritische Distanz zu bewahren, sie freundlich darauf hingewiesen, dass keine Anstalt oder Regierung - es sei denn durch ein tragisches Missgeschick - freiwillig einen Beitrag freigeben wird, der ihr nicht in den Kram passt. So sie denn nicht schon die Kontrolle über das Medium verloren haben... und nein, auch zur Corbis wird nicht gelinkt.

Sollten Leser konstruktiv an einer Fortsetzung des Beitrags beteiligen wollen, ersuche ich um Hinweise auf weitere öffentlich zugängliche Archive per Mail und danke jetzt schon herzlich.

Kommentare

Recherchieren...

Von: Michel | Datum: 14.03.2006 | #1
...das sind so Guardians-Geheimnisse, glaub ich - ich versuche z.B. immer noch dahinter zu kommen, was "turn it aloud" heißen soll. Vermutlich "turn it up"...

Wo es erwähnt wird...

Von: flo (MacGuardians) | Datum: 14.03.2006 | #2
...ich meinte wohl "Play it aloud"... Asche auf mein Haupt.

Anwender außerhalb United Kingdom sind ausgeschlossen

Von: Andreas Wunsch | Datum: 14.03.2006 | #3
Ich habe den Link zur BBC-Sammlung ausprobiert , jedoch kommt beim Versuch die Filme anzusehen, die Meldung, dass Anwender außerhalb von UK von der Nutzung ausgeschlossen sind. Diese Nachricht ist somit für deutsche "Wissbegierige" völlig nutzlos.

Sowas sollte man schon vorher recherchieren und prüfen, bevor man einen solchen Beitrag schreibt.

A. Wunsch

Apropos recherchieren:

Von: radneuerfinder | Datum: 14.03.2006 | #4
Die BBC finanziert sich, wie ARD und ZDF, zum größten Teil aus Gebühren der Zuschauer, nicht durch Steuergelder.

Über britischen Proxy kann man die Filme laden

Von: Andreas | Datum: 14.03.2006 | #5
Also wenn man über einen britischen Proxy geht, kann man die Filme laden. Man muss sich dann zwar erst mühsam anmelden, eine Bestätigungsemail empfangen, den Link darin anklicken und einen Eid auf die Queen schwören. Dann letztendlich darf man aber den Clip laden (also nicht wirklich dürfen, aber es geht dann)...puh.

Proxies findet man z.B. unter [Link] in deren Listen steht netterweise auch der Standort (sinnigerweise einen in Great Britain nehmen). Den trägt man als Web-Proxy in den Systemeinstellungen (Netzwerk) ein und das war's. Nur nicht vergessen den später wieder abzustellen, sonst wundert man sich warum alles so lahm lädt...