ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 4355

Bund, Bahn, Bost -- aus Fehlern lernen?

OK, für die geschummelte Alliteration gibt's nen Euro ins Phrasenschwein

Autor: flo - Datum: 23.08.2006

Nein, wer jetzt den gekonnten Schwenk zum Mac sucht, wird nicht belohnt, darf nicht über Los gehen und muss sich direkt nach Cork begeben. Wer aber vor seinem Mac sitzt und diese Zeilen lesen kann, muss wohl mit dem Internet verbunden sein und wird sehr wahrscheinlich an einer Leitung der Telekom, der guten alten Post, hängen. Hätten wir also einen der Protagonisten aus der Headline schon auf der Bühne, doch wie kommen die anderen beiden ins Spiel? Die Bahn, und damit zwangsläufig auch der Bund, streitet gerade (ergebnislos) mit der Gewerkschaft über die Beschäftigungssicherung. Und wie passt das alles thematisch zusammen? Die Bahngewerkschaft kämpft um die Beschäftigungssicherung, die laut geltendem Tarif eigentlich noch bis 2010 gilt. Eigentlich. Eine Klausel besagt, dass es Neuverhandlungen in dem Fall gibt, sollte die Bahn nicht wie gewünscht ihren "integrierten Börsengang" vollziehen können und stattdessen das Streckennetz ausgliedern müssen. Und bis auf die Bahn favorisieren genau das anscheinend Bund und Berater.

Im Streckennetz liegt die Verbindung zur Telekom. Streckennetz und Leitungsnetz sind sich in ihrer Art sehr ähnlich, beides klassische Fälle natürlicher Monopole, die im Falle einer Privatisierung nach Regulierung schreien. Wie... *hüstel*... hervorragend die Regulierung im Telekommunikationswesen funktioniert, kann man derzeit am Streit über die "Regulierungsferien" für das VDSL-Netz und die Freigabe des Bitstreams sehen.

Thema VDSL: Die Telekom hat ein schönes Glasfasernetz und möchte hierüber Anschlüsse mit bis zu 50 MBit/s realisieren, damit die Empfänger die schöne neue Medienwelt genießen können, "Triple Play" der obligatorische Marketingsblahfachbegriff für eine erneute Bündelung von Dienstleistungen, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie dem Anbieter Geld einbringen. Und weil dies eine neue Technologie ist, ist sie, ginge es nach dem Bundeswirtschaftsministerium und dessen Entwurf für das neue Telekommunikationsgesetz, für einen gewissen Zeitraum schützenswert. Sprich: Keine Verpflichtung für die Telekom, den Mitwettbewerbern Zugang zum Netz zu gewähren, nicht für 1 Cent die Minute, nicht für 1000 Euro. Einfach gar nicht. Was die Telekom, ach was, begrüßt, die EU-Kommission aber verhindern möchte, deshalb einen sofortigen Zugang verlangt und mit einer Klage am EU-Gerichtshof droht, sollte das TK-Gesetz wie bislang vorliegend in Kraft treten.

Willkommen im Dilemma. Auf der einen Seite ein Privatunternehmen, ehemaliges Staatsunternehmen, im Besitz eines Leitungssystems, das sie zu Teilen auch als Privatunternehmen ausgebaut hat und das die technologische Weiterentwicklung betreibt. Auf der anderen Seite der Staat, zur Regulierung verpflichtet, da es die Ausnutzung des natürlichen (Quasi-)Monopols verhindern muss. Auf den Zeitpunkt, an dem die klaren Zuständigkeiten und Notwendigkeiten einer Regulierung verwischen, kann man warten. Dass die Telekom sich bei jeder Innovation und Investition gegen eine Regulierung wehren wird, ist vollkommen natürlich, selbst wenn die Argumentation wie so oft bei (Quasi-)Monopolisten hanebüchen wirkt. Ebenso wie die Drohungen: dass die Telekom sich erdreistet, bei "Nichtgefallen" der Gesetzgebung die Weiterentwicklung des VDSL-Netzes einfach mal gut sein zu lassen, ist so erpresserisch wie lächerlich. Aber Folge eines Systems, das genau jene Situation heraufbeschwört.

Und damit zur Bahn. Die möchte samt Schienennetz an die Börse und damit endlich zum privaten Unternehmen mutieren. Vollständig privatisiert werden kann die Bahn so nicht, der Bund muss laut Grundgesetz Mehrheitseigner der Schieneninfrastruktur bleiben, aber 49% Privatanteilseigner bedeuten einen enormen Einflussverlust, bei gleichzeitiger Bindung des Staates an ein Unternehmen in zum größten Teil privater Hand -- mit allen marktwirtschaftlichen Interessen, die das Schienennetz niemals erfüllen kann. Viel Spaß dabei.

Sicher nicht das Allheilmittel, aber vielleicht doch die bessere Lösung, die Entwicklung bei der Telekom im Hinterkopf: Das Schienennetz aus der Bahn herauslösen (die Bahn kann dann vollprivatisiert werden) und im vollstaatlichen Besitz belassen. Die Bahn und sämtliche Marktteilnehmer fahren somit auf den Schienen eines von diesen Firmen unabhängigen Anbieters.

Man stelle sich dieses Szenario für einen Moment für das Leitungsnetz der Telekom vor: Die Telekom muss sich Leitungen anmieten oder ankaufen, wie jetzt eben alle Mitstreiter (ohne eigenes Netz) bei der Telekom. Hätten wir einen Streit um den VDSL-Zugang? Müssten wir uns damit befassen, ob die Telekom ihren Konkurrenten Zugang zum Bitstream ihrer Leitungen geben müsste, um so ENDLICH Telefon und Datenleitung zu entbündeln? Warum in aller Welt kaufen wir eigentlich seit Jahren einen Bundlezugang aus Telefon und DSL, zwei Dinge, die nicht im geringsten aufeinander angewiesen sind und schlicht der Subventionierung des anbietenden Unternehmens dienen? Und das ist ja nun keine Telekomkrankheit, was macht denn Arcor anders, die allgemeine Ansicht ausnutzend, dass eine DSL-Leitung einen ISDN-Anschluss bedingt? Auch hier erkauft man sich einen DSL-Zugang mit einem ISDN-Anschluss, als unentrinnbares Sahnehäubchen sogar noch mit einer Telefonflatrate garniert. Würde es überhaupt ein eigenes Arcor-Netz geben, mitsamt blödsinniger ISDN-Superduper-Flatrate-Telefonier-bis-du-blöd-wirst-Bündelung, wenn sich jeder Anbieter einfach des Leitungsnetzes bedienen könnte, zu den garantiert gleichen Bedingungen wie jeder andere Anbieter auch? Nicht dass ein Leitungsnetz in staatlicher Hand nicht auch problembehaftet wäre, keine Frage, aber Variante B fliegt uns gerade um die Ohren.

Blättert man in der Wikipedia nach natürlichen Monopolen, steht dort unter anderem zu lesen, dass in manchen Fällen der technische Fortschritt bestehende natürliche Monopole beseitigen könne. Vielleicht ermöglicht der Vorschlag des Bitstream-Zugangs zu "nicht-diskriminierenden Bedingungen" ja diese natürliche Regulierung. Datenleitungen, ADSL wie ADSL2+ wie VDSL, werden das alte Telefonleitungsnetz ablösen, sie wären dazu schon heute in der Lage. Diese Unabänderlichkeit durch notorisch privatwirtschaftlichsfreundlich gefärbte Gesetze aufzuhalten wäre nachgerade grotesk.

Denselben Irrweg bei der Bahn wiederholt zu gehen im Übrigen auch.

Kommentare

schwierig

Von: Strangers Night | Datum: 23.08.2006 | #1
Die Frage ist und bleibt doch immer, ob Dinge die dem Staat gehören also allen und darum auch keinem, so gepflegt werden, wie Dinge die einer Firma oder Privatleuten gehören.
Durch den Verschleiß sehe ich beim Schienennetz ein Problem, würde ein Benutzer Deutsche Bahn unwuchtige und schlagende Räder/Radreifen seiner Schienenfahrzeuge so schnell erneuern, wenn ihnen das Netz nicht gehört?
Das Telefonnetz ist einem solchen Verschleiß weniger unterworfen. Das ist also etwas anderes. Nur man muss aber auch bei Netzen in Staatshand Institutionen schaffen die solche Netze pflegen, warten und ausbauen. Diese könnte man dann ja Bundesbahn und Bundespost nennen....... ein Dilemma!

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Wäre das nicht eine Nachricht wert?:

In der neuesten c´t wird der MacPro angetest. Die Redakteure konnten auf dem Mainboard kein TPM Modul finden.
Die Frage ist dann doch, woran ist OSX beim MP gekoppelt? Fragt es ab, ob ein Xeon verbaut wurde (wg. Preisniveau) oder ist im Chipsatz bzw. der CPU ein TPM Modul integriert (das hätte Folgen für die ganze IT Welt) und Apple spielt den Vorreiter.
Oder ist OSX bei diesen MP gar nicht gekoppelt? Und das TPM Modul wurde im Grunde nicht wegen OSX in erster Linie vebraut, sondern für den .... Movie Store?

@Strangers Night

Von: core icke | Datum: 23.08.2006 | #2
soweit ich weiss, haben die core 2 cpus die 'sicherheitstechnik' mit drin: LaGrande (LT).
es koennte natuerlich sein, dass diese von mac os x genutzt wird. wer weiss, wer weiss ...

thread dazu

Von: Strangers Night | Datum: 23.08.2006 | #3
hi

danke für die Info.
Habe einen Thread gefunden:

[Link]

scheint wirklich keinen TPM Chip zu geben. Demnach wären auch neue Mainboards für die iMacs und ProBooks in ENtwicklung, oder?

VDSL Netz

Von: rubycon | Datum: 23.08.2006 | #4
Man sollte aber nicht vergessen, dass die Telekom in dieses Netz investiert. Und zwar gewaltig. Um das VDSL-Netz an den Start zu bringen in 50 deutsche Städte investiert die Telekom in den nächsten zwei Jahren über 3 MILLIARDEN Euro! Und dass man sich die "Pioniergewinne" einstreichen will (sie sind ja die einzigen, die überhaupt in solcher Größenordnung investieren) kann ich persönlich verstehen. Warum sollte ich so viel Geld in etwas stecken, das dann andere (die durch die sog. "Regulierung") durch niedrigere Preise einstreichen. Ich würd nix investieren wenn ich dann nix daran verdienen könnte... außerdem ist die Telekom volkswirtschaftlich gesehen einer der größten Arbeitgeber in Deutschland, ein wirtschaftliches Scheitern (was durchaus in greifbarer Nähe ist) könnte die ach so strapazierte Arbeitslosenquote wieder pfeilschnell nach oben bringen. Die Telekom baut nämlich schon 32.000 Stellen ab - obwohl sie den größten Gewinn in ihrer Firmengeschichte in 2005 gemacht hat - und zwar nur aus dem Grund, weil sie Marktanteile verliert und die Aktie mal wieder durch soetwas nach oben gebracht werden sollte, was allerdings nicht geklappt hat, wie Kleinaleger und Interssierte sicher wissen... Naja, genug geschwaftelt! Guter Artikel! Viel Vergnügen weiterhin :-)

Man sollte aber nicht vergessen,

Von: NaturalBornNörgler | Datum: 23.08.2006 | #5
Man sollte aber nicht vergessen, dass die Telekom vier Dinge in die geschäftliche Wiege gelegt bekommen hat:

1. Ein durch den Steuerzahler finanziertes Netz mit Technik, Leitungen, KnowHow

2. Kunden

3. Kunden

4. Kunden

Wenn man liest, dass 48 Prozent der Bundesbürger noch nie etwas anderes als Telekom zum Festnetztelefonieren benutzt haben (noch nicht einmal Call-by-Call!), dann tun einem die restlichen Unternehmen, die um jeden Kunden buhlen müssen, fast leid. Vermutlich konkurrieren die auch noch mehr untereinander als gegen die Telekom. Lemminge mögen’s rosa.

Kleines Rechenbeispiel: Wieviele Haushalte/Unternehmen zahlen die monatlichen 13 Euro ungrade für den Anschluss (egal ob sie nur DSL bräuchten, per Call-by-Call telefonieren oder gar VoIP)? Rechne einmal aus, wieviel das an jährlichen Einnahmen bringt. Mehrere Milliarden. Was ist die Gegenleistung dafür? Und die Einnahmen durch Gesprächsgebühren, „Mehr”wertdienste, von denen die Konkurrenz (fast) alleine leben muss, kommen da noch drauf.

Resultat kein Netz

Von: pm | Datum: 23.08.2006 | #6
DER EU Entscheid ist nur noch Sachfremd. Es geht überhaupt nicht an einen Konkurrenten auch nur 1 m Kabel zur Verfügung zu stellen wenn der sich nicht an den Primärinvestitionskosten beteiligt.

Die Privatisierung von Telekommdienstleistungen ist sowieso ein Irrweg. Wer sich die erbärmlichen Netze der USA anschaut weiss wie es in Europa 2020 aussieht.

betrifft anderes topic: Mac-Software vom GPS-Spezialisten Garmin verzögert sich

Von: ein stänkerer | Datum: 23.08.2006 | #7
[Link]

@rubycon

Von: EinMacUser | Datum: 24.08.2006 | #8
"Man sollte aber nicht vergessen, dass die Telekom in dieses Netz investiert. "

Man sollte aber auch nicht vergessen, dass die Telekom dabei auf Infrastruktur zurückgreift, die Ihr vom Staat und damit vom Steuerzahler in den Schoß gelegt wurde und auf die kein Konkurrent freien Zugriff hat. Also ist eine Regulierung gerechtfertigt.

@stänkerer

Von: flo (MacGuardians) | Datum: 24.08.2006 | #9
Ähm, 10. August:
[Link]

@flo

Von: ein stänkerer | Datum: 24.08.2006 | #10
genau den thread meinte ich. ich dachte bei macnew steht was neues drin. wenn nicht: sorry.

Privatisierung und Börsengang...

Von: Donjon | Datum: 25.08.2006 | #11
...war schon immer ein Irrweg.
Ach, nee. Privatfernsehen ist ja eine Supersache geworden.

es ist wirklich armselig

Von: yolantevonscheußlich | Datum: 07.09.2006 | #12
diesen artikel vom 23.08.2006 zum heutigen datum, 07.09.2006, als neu in den rss feed zu stellen.
da es öffter vorkommt ist es wohl kein versehen.