ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 837

Xserve statt Rackintosh

Apple baut einen ganz normalen Rechner - und wie

Autor: wp - Datum: 15.05.2002

Ja, da bin ich wohl ein wenig spät - Bertram hat den ersten Kommentar zum neuen Rack-Server von Apple abgegeben. Hat wohl daran gelegen, dass ich aus dem Schreiben gar nicht mehr herausgekommen bin und es ein längeres Statement geworden ist, das gleich seinen Weg in unsere Rubrik MacReview gemacht hat. Nicht dass ich nun derjenige wäre, der Server-Systeme letztgültig bewerten könnte. Aber meine Einschätzung ist ganz positiv - bei Servern kommt es ja auch gar nicht primär auf die Prozessorleistung an, sondern mindestens genau so auf Datendurchsatz, sowohl intern als auch über die Schnittstellen. Und Software spielt ebenfalls eine Rolle, Mac OS X in seiner Server-Variante m.E. eine durchaus große. Also einfach mal die Xserve-Einschätzung bei MacReview lesen - zur Belohnung gibt's dort auch Bilder. Am Morgen, noch vor der Vorstellung des ersten Rack-Servers von Apple, wurde es hier bei den MacGuardians schon angesprochen: Lang ist's her, dass Apple seinen Kunden eine ausgereifte Server-Lösung angeboten hat. Damals waren die Rechner, die unter Apple's eigener Unix-Variante A/UX liefen, allerdings wirklich nur für Apple-Kunden gedacht, das Unix wurde so gut wie möglich versteckt.

Mit dem neuen Xserve beschreitet Apple nun einen ganz anderen Weg - MacOS X sei Dank. Schon der Name deutet es an: Hier ist kein "PowerMac Server" oder ein "Rackintosh" am Werk, also kein Rechner, der vor allem ein Mac sein soll und so nebenbei ordentlich Server-Fähigkeiten besitzt. Nein, es ist ein "Xserve", ein Vollblut-Server, der die Stärken des UNIX-Kerns in MacOS X ausreizen kann und sich damit in eine Reihe mit Rechnern von (UNIX-)Größen wie HP, Sun und IBM stellt, dazu noch mit unter Linux laufenden Rack-Servern konkurriert und auch Dell kräftig attackiert - wie schön.

Wie ist das möglich? Nicht so gut vermag ich die Hardware-Ausstattung des Xserve zu beurteilen. Im Laufe des Tages wird es sicher zahlreiche Gegenüberstellungen mit vergleichbarer Hardware geben, und wir werden das im Auge behalten. Aber die Spezifikationen lesen sich gut (2 GHz-G4s, GBit-Ethernet, bis 2GB Hauptspeicher, und es ist bemerkenswert, dass Apple sich beim Xserve nicht die bei den Macs üblichen letzten Extravaganzen leistet, was z.B. den Verzicht auf bei der Wintel-Konkurrenz üblichen, wenn auch veralteten Schnittstellen angeht. Im Server-Markt gelten andere Gesetze, und Apple scheint sich diesen zu fügen: Neben USB- und Firewire-Anschlüssen gibt es auch "einen seriellen DB-9-Konsolenport und eine optionale Ultra3 SCSI-Karte, um externe Laufwerke und Backup-Systeme anzuschliessen;" - wann hat man im Zusammenhang mit einem Apple-Rechner zuletzt von SCSI gehört? Wird Steve Jobs mit fortgeschrittenem Alter doch noch zum Pragmatiker? Wie auch immer: Edel sieht der Xserve auch noch aus, und vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Administrator, dem es etwas wärmer ums Herz wird im gekühlten Server-Raum, wenn um ihn herum die Chrom-Äpflein von seinen Kisten blitzen.

Xserve Front

Wichtiger ist aber wohl die Software: MacOS X Server, mit unlimitierter Anwenderzahl. Letzteres ist günstig, ersteres ist stark: MacOS X hat schon in der normalen Variante ja alles, was einen guten UNIX-Server ausmacht: Web-Server, Mail-Server, Unterstützung der Netzwerk-Protokolle der Mac-, Unix- und Windows-Welt. Hier ist es schnurz, dass der Xserve von Apple ist, hier handelt es sich um ein ganz normales Server-System. Den guten Apple-Stallgeruch lassen da schon eher WebObjects und der QuickTime-Streaming Server in die Nase steigen, was die Sache für WebShops und Multimedia-Anbieter interessant machen dürfte. Doch auch Kernkompetenz hat Apple eingebracht, um nicht zuletzt dem Firmenimage gerecht zu werden: Die Pressemeldung stellt die "unkomplizierte Handhabung" als große Stärke heraus, und Apple legt mit "Sever Admin" und "Server Monitor" eigene Software für die Systemadministration und -überwachung vor.

Server Monitor

Und das ist vielleicht der Clou: Volle Unix-Leistung mit dem Ease of Use von Apple und dem Look and Feel von Aqua. Diese Kombination, die ja auch im "normalen" MacOS X steckt und dort vielleicht gar nicht richtig gewürdigt werden kann, ist meines Erachtens ein Alleinstellungsmerkmal und damit ein echter Vorteil im Kampf um Anteile im Server-Markt.

Es bleibt natürlich abzuwarten, welcher Markterfolg dem Xserve beschieden sein wird. Auf jeden Fall gibt es mit diesem System für viele Kunden in Apples Domänen (Medien und Bildung/Forschung, hier insbesondere der universitäre Bereich mit seinen hohen Leistungsanforderungen) einen Grund weniger, sich von der Mac-Plattform abzuwenden. Gleichzeitig stößt Apple mit dem Xserve in ganz neue Märkte vor; und wenn dann schon einmal der Server von Apple ist, warum dann nicht auch die Arbeitsplatzrechner? Und dann würde der Xserve auch uns ganz einfache Anwender glücklich machen, wenn mit ihm die Wahrscheinlichkeit, im day job einen Mac benutzen zu können, weiter steigt.

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