ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 844

Frühstück bei TIFFany

Photoshop 7.0 für OS X kommt - TIFFany3 ist schon da!

Autor: wp - Datum: 27.03.2002

Tiffany, welch klangvoller Name! Wir denken an New York, Juwelen, Audrey Hepburn - was kann schöner und besser sein? Genau diese Frage dürften sich auch viele Mac-User stellen, für die die Bilderwerkstatt aus Lehm (Adobe Photoshop eben) Leib- und Magenapplikation und insbesondere Brot-und-Buttersoftware ist. Antwort: TIFFany eben - oder zumindest vielleicht, ein Bildbearbeitungsprogramm mit OpenStep-Herkunft und von daher einer der vielen Kakao-Software-Bonusse, die dem Apple-User mit MacOS X neu beschert worden sind, und die, genau genommen, im Gegensatz zu carbonisierter Mac-Software die wirklich braven Bürger der schönen neuen MacOS-X-Welt sind. Kein Wunder: Lieber Kakao trinken als Kohle fressen. Aber ob sich die Kakao-Software TIFFany auch zum Kohle machen eignet? Zur Beantwortung dieser Frage hat Gila Müller mal locker Audrey Hepburn gespielt und für MacReview TIFFanys Juwelen gründlich unter die Lupe genommen. Bildbearbeitung à la "think different"

TIFFany3 (v3.1.8) von Caffeine Software ist ein ausgewachsenes Bildbearbeitungsprogramm für Mac OS X, Rhapsody DR2, OpenStep 4.2 und (igitt) Windows NT. Es wird in drei Versionen angeboten - Basic, Professional und Server - sowie mit kräftigen Rabatten für Studenten und Lehrkörper. ;-)

Mir stand für einen ersten ausführlichen Test die Professional-Version zur Verfügung. Natürlich in der englischsprachigen Fassung. Wann und ob mit einer deutschen Lokalisierung zu rechnen ist, kann ich im Moment noch nicht sagen. Vielleicht hängt das ja auch ein wenig von diesem und anderen Tests in den deutschen Fachmedien ab.

Als jemand, der beruflich schon sehr lange, sehr viel und intensiv mit Photoshop (kurz: PS) arbeitet, interessiert mich natürlich vor allem der direkte Vergleich mit dem Bildbearbeitungs-Standard der Mac-Welt. Zumal die OS X native Version 7.0 ja nun tatsächlich vor der Tür steht. Aber immerhin, TIFFany gibt's jetzt schon. Schauen wir es uns also mal genauer an. Und zwar auf einem TiBook G4/500 mit 768MB RAM, 20GB HD und DVD (nachdem ich auf meinem Desktoprechner mit der OS X Installation noch so lange warte, bis meine ganz private Entscheidung zwischen Photoshop 7 und TIFFany3 getroffen ist). Bevor ich ins Detail gehe, vorab mein subjektiver Eindruck: TIFFany ist unter OS X sehr schnell!

Erster Blick: die Oberfläche

Aha. Die wichtigsten Tools sind entlang des unteren und rechten Randes des geöffneten Dokumentfensters angeordnet. Das ist sehr praktisch, da man den Cursor nicht wie bei PS immer auf die Toolpalette (meistens links am Desktop platziert) bewegen muss, wenn man bspw. ein neues Tool anwenden will. Zudem bieten die beiden Tools in der rechten Säule noch zusätzliche Varianten, wie z. B. Auswahl rechteckig, elliptisch, Lasso, Bezier etc. Das sieht also schon mal recht gut und logisch angeordnet aus.

tools

Weniger gut gelöst ist meiner Meinung nach die Methode, wie eine gewünschte Modifikation auf ein Dokument angewendet wird. Wobei sich TIFFany ganz besonders durch ein Feature von PS unterscheidet: Jede Art von Modifikation, sei es Auswahl erstellen, Farb-Sättigung verändern, Verlauf anlegen oder irgendeinen Filter anwenden, werden generell als sogenannte "Actions" bezeichnet , die sich alle im Action-Catalogue befinden, dieser wiederum im Expert-Fenster, also dem (gewissermaßen) Fortgeschrittenen-Modus.

Zweiter Blick: Action, Action, Action!

Vielleicht sollte die Bezeichnung "Action" mit "Anwendung" übersetzt werden, damit es leichter verständlich wird. Beispiel: ich habe eine Auswahl erstellt und möchte diesen Bereich des Dokuments bearbeiten, aufhellen oder Ähnliches. Habe ich die Parameter meinen Wünschen entsprechend eingestellt, sprich: ein zusätzliches Dialogfenster geöffnet, und will dann die Action nach alter PS-Sitte per ShortCut bzw. ReturnKey starten, dann funktioniert das nicht! TIFFany hat da eine andere Vorgehensweise. Ich muss nämlich stattdessen den Apply-Button im oberen linken Rand des jeweiligen Action-Fensters anklicken. Na gut, das ist nur eine kleine Umstellung für einen PS-User. Kein Problem.

action

Ganz hilfreich hingegen ist eine weitere Option: Man kann auch alternativ den Apply-Button oben rechts im Expert-Menü aktivieren oder einfach das jeweilige Action Icon auf das entsprechende Dokument per Drag & Drop auf das Dokumentfenster ziehen. Gut!

Ein großer Vorzug von TiFFany ist die Tatsache, daß eine riesige Auswahl an verschiedenster Actions bereits vorinstalliert ist, z. B. Helligkeit oder Kontrast erhöhen in 10% bis 30 % Schritten. Achtung: Möchte man das direkt aus der Vorgaben-Palette anwenden, also kein zusätzliches Fenster mit Parameter-Einstellung öffnen, sollte das Fenster (Expert-Fenster) ausreichend weit nach rechts aufgezogen sein! Es kann sonst passieren, dass der Apply Button möglicherweise nicht sichtbar ist. Das Icon befindet sich nämlich bei diesem Fenster (Palette) ganz rechts außen unterhalb der Titelleiste. Die Icon Zeile unter der Titelleiste läßt sich per kleinem ovalen Button rechts oben auch ausblenden, so dass man etwas Platz in der Höhe gewinnt. Allerdings wird damit auch das Apply-Icon ausgeblendet. Bei TIFFany gilt also noch mehr als bei anderen Paletten-intensiven Programmen: Viel Monitorfläche hilft viel!

Dritter Blick: Was hat TIFFany3 drauf?

Generell läßt sich sagen, dass man mit TIFFany 3 in der Professional-Version alle Möglichkeiten der Bildbearbeitung zur Verfügung hat, die man sich vorstellen kann. Praktisch jede PS-Funktion findet sich auch in TIFFany3! Die App ist allerdings vollkommen anders organisiert. Eher Icon-orientiert, was insbesondere für PS-Intensivverwender gewöhnungsbedürftig sein mag. Beispiel gefällig?

icons

Als ich eine Auswahl mit einer weichen Auswahlkante versehen möchte, finde ich diese Option zunächst überhaupt nicht. Gibt es die eventuell gar nicht in TIFFany? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Es gibt sie natürlich doch, aber den Marquee Inspector, in dem sich die Parameter dafür einstellen lassen, finde ich erst nach längerer Sucherei. Dafür werde ich aber von TIFFany3 mit einem weiteren, sehr intelligenten Feature entschädigt: Hat man den Marquee-Inspector mal auf dem Desktop geöffnet, kann man sich alle erdenklichen Auswahlen sichern, ähnlich wie in PS. Im Gegensatz zum Bildbearbeitungs-Platzhirsch bleiben sie allerdings in einer Art Bibliothek und lassen sich, sind sie dorthin gesichert worden, auch jederzeit auf andere Dokumente anwenden. Notfalls sogar per Drag & Drop! Angeblich lassen sich solche Auswahlen sogar per E-Mail versenden - cooooool!!!!

Vierter Blick: Ein Traum für Kreative

Erstellte Auswahlen lassen sich zudem auch nachträglich jederzeit individuell bearbeiten, wenn man das Fenster des Marquee-Inspectors auf dem Desktop geöffnet lässt. Was ebenso für alle anderen Inspectoren (Paletten) gilt (Verläufe, Farben, Weichzeichnungs-Filter etc.). Einziger Nachteil dabei: Man hat schnell eine reichliche Anzahl von Inspectoren offen, wenn man sich nicht permanent durch die Hierarchie klicken möchte. Da die meisten Fenster auch noch mit Icons versehen sind, nimmt dies recht viel "Workspace" in Anspruch., was sich ungünstig auswirkt bei kleinem Display. Aber Ihr wisst ja vielleicht schon, was ich von kleinen Displays halte ;-)

splatter

Fünfter Blick: Pros und Cons

Pros

  • Große Auswahl an vorinstallierten Optionen (Modifikationen)
    zur Bildbearbeitung,
  • Ca. 500 verschiedene Actions, die sich alle im Actions Catalogue
    befinden.
  • Manuelle Actions (Anwendungen), z.B. partielles Weichzeichnen oder
    Abdunkeln,lässt sich sehr elegant mit dem Brush-Tool erstellen.
    Grafiktablett ist dann aber unerlässlich!
  • Multiple Röckschritte sind in gleicher Art möglich wie
    bei Illustrator, Freehand oder Painter, zusätzlich gibt es aber
    auch noch eine Art History-Palette, hier Undo-Inspector genannt.
  • Stapelverarbeitung ist ähnlich einfach wie in PS.
  • Verläufe lassen sich sehr einfach modifizieren, indem sich
    unerwönschte Farben per Drag & Drop aus dem Dialogfenster
    entfernen bzw. neue einsetzen lassen.

Cons

  • TIFFany3 bietet nicht so viele Filteroptionen wie PS. Es lassen
    sich jedoch noch zusätzliche Filter vom Anwender erstellen, wenn
    man einigermaßen fit im Programmieren derselben ist.
  • Die Textfunktion ist etwas eingeschränkter und eignet sich
    nicht so gut für Mengencopy, erinnert ein wenig in seiner
    Funktionsweise an PS4.
  • Malen mit dem Protokoll- (oder Kunstprotokoll-) Pinsel wird nicht
    angeboten. Braucht man aber auch nicht zu häufig...
  • Die Deckkraft der einzelnen Ebenen eines Dokuments lässt sich
    nicht im Ebenen-Fenster einstellen. Das Ebenen-Fenster nimmt auch viel
    Platz in Anspruch, da angewendete Auswahlen oder Masken ebenfalls unter
    den Ebenen angezeigt werden. Bei mehreren Ebenen und Actions in einem
    Dokument kann dieser Inspector recht lang werden.
  • Natürlich lässt sich das Fenster auf eine
    Mindesthöhe reduzieren, was aber heftiges Scrollen zur Folge hat.
  • Angewendete Tools am rechten oder unteren Rand des Dokumentfensters
    sollten stärker gehighlighted sein, evtl. durch Kontrastfarbe
    ähnlich einem MouseOver-Effect (Anregung an Caffeine Software!)

Rückblick: Mein Fazit

Bitte lasst Euch nicht durch diese rein optisch große Zahl von Cons irritieren. Viele davon ergeben sich einfach aus meinen intensiven PS-Erfahrungen und -Gewohnheiten. Und meiner Einschätzung nach entwickelt TIFFany3 insbesondere dann seine Vorzüge, wenn man sehr viel Bildbearbeitung fürs Web macht und weniger (Einzel-) Bildbearbeitung für die Druckvorstufe.

Deshalb klar gesagt: TIFFany3 ist Photoshop 6 und wahrscheinlich auch 7 durchaus ebenbürtig. Und bei der Bildbearbeitung fürs Web sogar überlegen. Nicht jedoch dann, wenn es um intensive und aufwändige Bildbearbeitung für Print geht. Tja, und dann ist da natürlich noch der Preis. Spätestens wenn man den in Betracht zieht, kommt man als PS-User ernsthaft ins Grübeln: TIFFany3 Professional kostet $444, die für $111 upgradefähige Basic-Version sogar nur $333, "Lehrkörper" zahlen $310/$233 und Studenten sogar nur $222/$166. Also dafür kann man PS schon mal untreu werden, finde ich!

Hier geht's übrigens zur Caffeine Software Website und deren Download-Center. ;-)

Traut Euch!
Eure Gila Mueller.

Kommentare