ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 846

High-End-Gerät mit tollem Preis-Leistungs-Verhältnis

Autor: wp - Datum: 09.11.2001

From: Ingmar Wenz
To: MacGuardians
Subject: High-End-Gerät mit tollem Preis-Leistungs-Verhältnis

Wir denken 4 Jahre zurück. Apple arbeitete unter höchster Geheimhaltung an einem neuen Projekt. An den Produktionshallen waren bewaffnete Wachen postiert, die sicherstellten, dass nicht ein Bild der neuen Geheimwaffe der Obst-Firma an die Öffentlichkeit geriet. Im Mai war es dann soweit: Der iMac erblickte das Licht der Welt. Auch wenn er heute als veraltet gilt, rettete er Apple vor dem Konkurs. Apple hat von diesem Gerät fünf Millionen (5.000.000) Stück verkauft, damit ist er der meistverkaufte Macintosh aller Zeiten. Anfangs wurde der Erfolg des iMac von vielen bezweifelt, war er doch ein kompletter Neu-Anfang für Apple, schließlich war man bisher auf den professionellen Markt fokussiert. Der iMac dagegen richtete sich an Einsteiger, also an die breite Masse. Ein weiterer Vorbehalt war der Preis. Der Preis des ersten iMac lag bei 3000 DM und wurde von vielen in Deutschland als zu hoch betrachtet, da ein Aldi-PC inkl. 17"-Monitor bereits für 2000 DM zu haben war.

Nun ja, mittlerweile ist das Gerät wie schon gesagt veraltet, doch gehen wir mal zur heutigen Situation über: Wer darüber nachdenkt, wird schnell merken, dass die Situation des iPod sehr ähnlich ist. Der iPod wurde vorgestellt und die meisten haben zwei Gedanken, wenn sie sich das Gerät auf der Website von Apple ansehen: Er ist viel zu teuer, und das für einen simplen MP3-Player. Das Kern-Problem ist, dass sich MP3-Player bisher kaum durchgesetzt haben, sodass erstmal grundsätzliche Bedenken gegenüber den Erfolgschancen von MP3-Playern entstehen. Nun, wozu brauche ich eigentlich einen MP3-Player? Wozu brauche ich einen Walkman? Richtig, zum Bus- und Bahnfahren, Joggen, usw. Wie oft habe ich mich schon geärgert, wenn ich meine Kassetten vergessen hatte? Wie oft habe ich mich schon geärgert, dass der Walkman nicht in meine Hosentasche passt? Beide Sorgen werde ich mit einem iPod nicht mehr haben, denn ich habe nicht nur Platz für meine gesamte aktuelle Musiksammlung, sondern auch für ältere von mir favorisierte Musikstücke. Und der iPod ist kleiner als ein Walkman, er ist kaum größer als die Kassette eines Walkmans!

Der Preis wirkt anfänglich abschreckend, doch dafür ist hauptsächlich der Preis der Festplatte verantwortlich, die einzeln für $499 verkauft wird. Das bedeutet, das Apple mit $399 am iPod nicht wirklich verdienen wird. Aber was rechtfertigt solch einen Preis gegenüber einem durchschnittlichen Mac-User? Vier Dinge, für jeden wird ein bestimmter Punkt von besonderer Wichtigkeit sein.

Erstens: Firewire. Bei anderen MP3-Playern musste ich MP3s bisher per USB übertragen. Nun übertragen wir mal 5 GB MP3s per USB. Rein rechnerisch braucht USB knapp eine Stunde dafür, Firewire braucht theoretisch eine Minute und 20s für 5 GB. In Wirklichkeit gibt Apple eine Übertragungszeit von 10min an, was auf Grund der Geschwindigkeit aktueller Festplatten und anderer Faktoren sehr realistisch gerechnet ist. Aber vor allem ist es auch dann noch deutlich schneller als alles, was USB bisher hergeben kann.

Zweitens: die Größe. Der iPod passt wirklich in meine Hosentasche, was bedeutet, dass erst der iPod das bringt, was der Walkman versprach. Mit Maßen von 10 cm x 6 cm x 2 cm ist er fast so klein wie ein Kartenspiel. Beliebt ist auch der Vergleich mit einer Zigarettenschachtel. Bei einem Walk- oder Discman wäre man nie auf solche Ideen gekommen.

Drittens: die Kapazität der Festplatte. Andere MP3-Player bringen max. zwei Stunden Musik zu Stande. MP3-Player mit bisher üblichen Festplatten oder MP3-CD-Player sind viel zu groß um überhaupt mit dem iPod mithalten zu können, schließlich wollen wir ein Gerät das wirklich überallhin mitnehmbar ist. Der iPod bringt rein rechnerisch knapp 60 Stunden, also 2 1/2 Tage Musik zusammen. Es ist nicht mehr nötig, jeden Tag neue MP3s draufzuladen, nur weil ich mal etwas anderes hören will; ich kann einfach meine gesamte MP3-Sammlung auf dem iPod transportieren.

Viertens: die Oberfläche. War es doch bisher unheimlich schwierig bei anderen MP3-Playern, alle gespeicherte Musik zu verwalten, ist dies nun kein Problem mehr. In einem sehr praktischen grafischen Interface kann ich meine MP3s nach Album, Playlist, Song oder Interpret auswählen. So etwas gab es bisher noch nicht. In diesem zentralen Punkt spielt Apple seine langjährige Erfahrung im Design von graphischen Nutzeroberflächen aus.

Diese vier Punkte bilden einen Preis, der gar nicht mal so weit weg von anderen MP3-Playern liegt. Im Vergleich kostet der Archos Jukebox Studio 20 MP3-Player ebenfalls $399. Dieser hat zwar eine Festplatte mit einem Fassungsvermögen von 20 GB, doch ist dies ziemlich verrückt, denn eine 20 GB Festplatte per USB zu füllen, dauert bei optimaler Geschwindigkeit knapp 4 Stunden, realistisch ist mindestens das fünffache. Der Rio 800 Extreme, einer der populärsten MP3-Player auf dem Markt, kostet knapp $350 und hat nur 256 MB Speicher, das ist ein Zwanzigstel dessen, was der iPod bietet. Es gibt noch zahlreiche Beispiele, die ich hier aufführen könnte. Doch macht man solche Vergleiche, fällt schnell auf, dass Apple ein High-End-Gerät mit einem ausnahmsweise außergewöhnlich guten Preis-Leistungs-Verhältnis auf den Markt bringt.

Abschließend lässt sich noch sagen, dass der iPod das erste Gerät seiner Linie ist. Durch Apple hat Toshiba schon einmal einen Großkunden für ihre neuartigen Festplatten gefunden, sodass sie mehr Geld in die Entwicklung neuer Fertigungstechnologien für ihre Festplatte investieren können. So könnten wir bald einen iPod sehen, der deutlich günstiger ist. Vielleicht stellt Apple in der nahen Zukunft einen iPod für $249 mit 1 GB Festplatte vor. Viele Möglichkeiten sind noch gar nicht angedacht und noch lange nicht ausgeschöpft. Sobald USB 2 im Massenmarkt Fuß gefasst hat, könnte Apple einen iPod mit USB 2 bauen, um Anschluss an den PC zu finden. Auf jeden Fall aber ist der iPod ein Schritt in eine für Apple völlig neue Richtung, die unsere Lieblings-Computer-Firma aus ihrer Markt-Nische herausdrücken könnte.

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