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ARCHIV :: # 858

MacOS X - the NeXT Step?

Autor: wp - Datum: 04.04.2001

From: Thyl Engelhardt
To: MacReview@MacGuardians
Subject: MacOS X - the NeXT Step?

Für mich als OpenStep Anwender seit 1993 ist MacOSX ein logischer Upgrade, zumal OpenStep keine breite Software-Unterstützung mehr findet. Ein paar Eindrücke möchte ich auch einmal geben.

Im Gegensatz zu vielen Mac Anwendern fühle ich mich in dem System sofort zu Hause. Viele Bedienelemente sind beibehalten worden, insbesondere der grundsätzliche Ansatz im Umgang mit dem System. Die neue Benutzeroberfläche Aqua ist optisch ein deutlicher Fortschritt gegenüber der NeXT Oberfläche, insbesondere das Anti-Aliasing und die Farbwiedergabe von Graphiken sind beeindruckend. Die verwendeten Effekte finde ich logisch durchdacht, sie fühlen sich natürlich an. Dennoch hat mE die Bedienung unter den notwendigen (?) Kompromissen etwas gelitten. Die Anordnung des Hauptmenus am oberen Rand nach rechts ist unpraktischer als die bei NeXT verwendete Anordnung der Menupunkte untereinander, da größere Mausbewegungen notwendig sind, um alle Menupunkte anzufahren. Auch die Anordnung der Scrollelemente rechts statt links und der Scrollpfeile oben und unten statt zusammen vergrößert den mit der Maus zurückzulegenden Weg. Das Dock nimmt jetzt (zumindest Default-mäßig) am unteren Bildschirmrand Platz weg. Da fand ich die Positionierung am rechten Rand bei NeXT besser. Auch die Möglichkeit, das gesamte Menu durch Rechts-Klick an der aktuellen Mausposition zu öffnen, hat unglaublich Zeit gespart. Kontext-sensitive Menus sind mE unpraktischer.

Der Finder ist eine ziemliche Enttäuschung, auch für mich. Statt den bewährten NeXT Finder (heisst da Workspace) weiterzuentwickeln, ist völlig neu programmiert worden. Die Bedienbarkeit ist schlechter geworden als unter NeXT, und nach dem, was ich so höre, auch schlechter als unter MacOS. Komischer Kompromiss. Die schlechte Reagibilität des neuen Finders ist auch enttäuschend, da hat der unter NeXT auf erheblich langsameren Rechnern schon mehr gezeigt.

Vieles von dem, was Apple Anwender derzeit an MacOSX bestaunen, ist mehr oder minder 1:1 von NeXT übernommen worden, wie Farbpaletten, Netinfo, ProjectBuilder IOKit, Datei-Vorschau im Finder, etcetc. (Bösartige Anmerkung: Wenn das alles so toll ist, warum haben die Leute dann nicht OpenStep gekauft, das ist etwas, was ich bis an mein Lebensende nicht verstehen werde)

Was ernsthaft hinzugekommen ist, sind im wesentlichen Anpassungen im Hinblick auf das zu integrierende MacOS, wie die Classic Umgebung und Carbon. Hier ist viel Mühe in das Erreichen von Abwärtskompatibilität gesteckt worden, ohne das technisch viel neues dabei rumgekommen wäre. Schade für die schöne Zeit, aber ich sehe ja ein, dass das wohl notwendig war. Der Austausch von Display-Postscript von NeXT gegen PDF war vermutlich ebenfalls keine technisch bedingte Entscheidung und hat diesbezüglich auch nicht viel gebracht. Auch Mach 3 und 4.4BSD kann man ja wohl nur als "Updates" bezeichnen

Echte Fortschritte sind eigentlich hauptsächlich die gut gelungene Java Integration, OpenGL und die deutlich verbesserte (=vereinfachte) Netzwerkanbindung, bei der jetzt vieles automatisch geht, was früher konfiguriert werden musste. Aber auch das ist im wesentlichen die kluge Anwendung der UNIX und NeXT Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite ist auch einiges von dem, was die "Benutzererfahrung" unter NeXT ausmachte, verloren gegangen. So gibt es keine integrierte Fax-Unterstützung mehr, der Renderman Renderer (Pixar) ist weg, ebenso die Möglichkeit, Programme auf Rechnern im Netzwrek laufen zu lassen, aber auf dem eigenen anzuzeigen (NSHosting). Einige Programme zur Systemverwaltung sind auch weg, so daß man sich jetzt wohl auf die UNIX Ebene runterbegeben muß, etwas, dass auch unter NeXT eigentlich nicht üblich war. Auch am Process-Scheduling hat sich einiges verschlechtert, nicht nur im Finder. Das gesamte System fühlt sich irgendwie "sperrig" mit langen Kontextwechseln und deutlichen Verzögerungen bei den Menus an, eher so wie MacOS als wie NeXT.

Irgendwie hatte ich heimlich erwartet, dass Apple noch einige Sachen auf Lager hat, die auch technologisch interessant sind, wie beispielsweise ein objekt-orientiertes Dateisystem, oder ein journaling file system, die Möglichkeit, Multi-Processor Systeme durch Zusammenstöpseln über FireWire zu bilden, oder vielleicht die Reintegration von OpenDoc. Aber nichts ist gekommen, nur was bereits angekündigt war.

Zusammenfassung: Für mich als OpenStep Anwender einige kleinere Updates, einige Verschlimmbesserungen und wenig technische Durchbrüche in einem insgesamt etwas unreif wirkenden System. Der Elephant kreisste und gebar eine Maus. Hoffen wir mal, dass Apple schnell nachlegt, denn das System könnte mehr!

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