ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 859

MacOS X Erfahrungen unzensiert

Autor: wp - Datum: 01.05.2001

From: PETSCHKE
To: MacReview@MacGuardians
Subject: MacOS X Erfahrungen unzensiert

Hallo an alle Macianer,

Seitdem das neue Betriebssystem verfügbar ist, scheiden sich die Geister. Das ist ja normal, aber dass es unmöglich scheint, die wesentlichen Eindrücke verschiedener Benutzer und Tester unter einen Hut zu bekommen, macht mich SEHR nachdenklich. Die doch schwächliche, halblaute und anämische Kritik hier und da wird einem Neuankömmling dieser Art gar nicht gerecht. Dabei bietet die neue Oberfläche doch ausreichend Angriffsfläche.

Ich verstehe ja, dass sich die diversen Magazine bei Apple anbiedern müssen. Aber was so bisher zu lesen war an Kommentaren, glatt gelogen würde man meinen. Aalglatter Hofberichterstatterjournalismus. Aber sogar die sonst Apple feindliche Presse flötet ja, als sei der Frühling da. Aber da gibt es auch dieses Realitäts-Verzerrungs-Kraftfeld aus Cupertino, das seine Ausläufer über den Atlantik schickt. Scheint im Moment wie die Maul- und Klauenseuche um sich zu greifen. Also hier einmal nur die negativen Seiten. Die guten Sachen bekommt man ja genug eingetrichtert, die sind auch fast alle wahr. Hier mein Trip durch die schöne, neue Aquawelt.

Bei mir laufen immer noch alle Varianten von Apples unsicheren Schritten in die Zukunft. Ich habe hier Rhapsody DR2, MacOS X Beta und nun auch Mac OS X Beta2 auf verschiedenen Macs. Beta2 ist zwar nicht die offizielle Bezeichnung, aber trifft den Nagel auf den Kopf. Warum? Als Beta werden diejenigen Programme bezeichnet, die in ihren wesentlichen Eigenschaften einen fertigen Zustand erreicht haben, aber von der Umsetzung der Funktionen, der Stabilität, der Qualität, der Geschwindigkeit und der Fehlerhaftigkeit her noch langes Testen und Reparieren vor sich haben. Teilweise werden sogar grosse und langwierigen Umbauten an Beta Versionen vorgenommen.

Im Hinblick auf den aktuellen Lieferzustand muss gesagt werden, dass nach meiner Erfahrung bisher, grosse und langwierige Umbauten genau das sind, was Apple tun muss, um das neue System zumutbar zu gestalten. Soweit es die Architektur betrifft, ist wohl der Unix-Unterbau ganz gut gelungen und einer Versionsnummer 1.0 auch würdig. Der Überbau, das also, was wir als erstes sehen und verwenden, ist jedoch, ganz frank und frei, ein Flickwerk aus Teilen, die nicht nur schlecht miteinander harmonieren, sondern auch noch fehlerhaft und ganz arg langsam funktionieren. Punkt.

Wer in der ersten Euphorie, nach einigen Tagen Herumwerkelns, noch behauptet alles sei ganz gut gelungen, sollte einmal abwarten. Einfach einmal wie ich, seit Monaten mit der Beta1 Version arbeiten, und jetzt täglich mit der Beta2 Version herumstolpern. Danach sieht die Welt nicht mehr so rosig, aber viel realistischer aus. Warum sage ich so schreckliche Sachen? Weil Apple mit seinen bisherigen Versuchen ein neues System zu schaffen auch einen Philosophiewechsel versucht, der sich vornehmlich an Marketinggesichtspunkten orientiert. Anstatt am Bedarf, an Funktionalität und am Benutzer. Früher sagte man dazu Aussen Hui, Innen Pfui. Heute heisst das, Marktpräsenz in Synergie mit Just-In-Time Compliance. Wie auch immer, es läuft darauf hinaus billigeren und schlechteren Joghurt in neuen und schreienderen Verpackungen zu höheren Preisen abzusetzen.

Apples neuester Versuch eine echte Mogelpackung unter das Volk zu bringen zeigt bereits einen hohen Erfolgsgrad, wobei der Joghurt auch noch schimmelig ist. Wieso? Warum? Was soll denn das?

Wer z.B. schon Œmal mehrere Stunden mit der neuen Benutzeroberfläche gearbeitet hat wird bereits wissen, wieviel Aspirin man benötigt, um auf Dauer diese technisch schlecht gemachte Oberfläche den eigenen Augen zumuten zu können. Ergonomie? Nie gehört!

Die optische Erscheinung: Zu grell, zu unleserlich, zu unscharf, zu hell, zu nervend. Überhaupt hat Apple ja alle Leute, die von Ergonomie etwas verstanden haben entlassen, also kein Wunder.

Wenn man mit dem Finder zu tun bekommt, setzt sich dann der schreckenerregende Eindruck von schlechter Shareware fort. Der ganze Finder ist nicht nur ineffizient, gerade auch in den neuen Funktionen, die von Next stammen, sondern auch durch und durch strukturell marode. Stichwort Multithreading, Messaging; wer weiss was das heist, wird sehen das es sowas darin nicht gibt. Ineffizient? Wieso? Ich kann doch alles machen....?

Schon mal versucht Dateien hin und her zu kopieren und mit mehreren Fenstern zu arbeiten um Bilder, Texte usw. mit Photoshop und GoLive, und was nicht alles, zu einer Website zusammenzubauen? Alles in Mac OS X und Classic natürlich.

Man sitzt davor und der Finder macht nichts, ausser einen rotierenden, bunten Cursor zu zeigen, den er ebenfalls von Next geerbt hat. Dann friert er ein, dann akzeptiert er keine Mausklicks, dann muss man ihn neu starten. Und wieder alle Fenster öffnen, denn er merkt sich nicht wo und wie die mal waren und was da drin war. Dann schiebt man einen Ordner über einen anderen Ordner, weil der da hin muss. Man guckt blöde und es tut sich nichts. Dann macht man den Ordner auf und den anderen Ordner auch. Dann markiert man fleissig, und klickt, und schiebt hinüber, und macht brav die Fenster hinter sich zu. Das dann achtzehnmal oder so. Wer schon mal HTML geschrieben hat weiss, dass die Struktur der HTML-Dateien und Ordner ganz wichtig ist. Sonst klappt auf dem Server hinterher gar nichts.

Dann schaltet man auf Listendarstellung. Weil die Icons um erkennbar zu bleiben so gross sind, und weil die Systemschrift um annähernd lesbar zu sein ebenfalls wie im Lesebuch der ersten Klasse aussieht, und zwar inklusive Hilfslinien, muss man jetzt ganz fleissig das Fenster bis zur Mitte rollen lassen. Das zuckelt und rappelt und stottert wie meine alte Vespa. Und dauert auch etwa so lange, wie mit der Vespa von Hamburg nach München, hach! Und zurück!

So geht das immer weiter, bei jedem Schritt stolpert der begeisterte Anwender über neue Fehlfunktionen und schlichtweg fehlende Möglichkeiten. Manchmal hilf nur Raten, denn die neuen Icons sind nur in riesiger Vergrösserung erkennbar, aber dann kann man kaum etwas schnell finden, falls man mehr als ein halbes Dutzend Dateien sein eigen nennt. Beim Zugucken beschleicht mich das Gefühl, dass ich eine Liste der Dateien auf meiner Festplatte schneller abschreiben kann, als der Finder diese anzeigt.

Dann gibt es da noch das Dock. Diesen missratenen Zögling einer Miss- und Mischehe aus dem Next Dock und dem Applemenü unter Hinzuziehung des ehemaligen Programmenüs, des Kontrollstreifens und der Popup-Folder. Das Mistding ist ja wohl allseits berühmt für seine Gimmicks und sein cooles Aussehen. Nicht berühmt ist es dafür, auch nur irgendeine der Funktionen, die es nun anstelle der Vorgänger ausführen soll, einigermassen hinzubekommen. Auch jetzt noch nicht, nachdem Apple seit der ersten Beta Version daran herumgeflickt hat. Funktionell gehört das Ding zum Finder. Strukturell nirgendwohin, logisch gehört es auch zu nichts Richtigem, aber machen soll es alles und folglich gehört es in den Mülleimer. Den hat es auch schon in sich.

Das Schweizer Taschenmesser des neuen Mac-Feelings. Nichts richtig können was man braucht, aber wichtig tun, herumprotzen und sich aufdrängen, immer im Weg herumstehen und eine grosse Klappe haben. Wen man das nervig findet und die Kröte versteckt, ist sie nie da wenn sie mal benötigt wird und lässt auf sich warten. Das Ding schmollt zu lange wenn es versteckt wird. Naja, wenn man Alternativen hätte, aber die gibt es nicht und deshalb muss man es benutzen.

Nun ist der Finder inklusive Dock aber DAS wichtigste Programm überhaupt, denn er dient für die meisten von uns als zentrale Schaltstelle. Finder: Zero Points, würde man beim Grand Prix Eurovision sagen.

Man kann eine Menge damit machen, aber nicht arbeiten. Gut für Vorführungen von Gimmicks, aber nichts für den Anwender dabei. Im Gegenteil, das ist eine unheimlich effektive Effizienzbremse. Das kann es aber nun wirklich richtig gut. Zuckerguss mit viel Luft darunter, ein profilloser Reifen, der die Power des Unix- Unterbaus nicht Œmal annähernd auf die Strasse bringen kann. Der Finder rutscht sozusagen also durch, auch durch jede Art von Bewertung. Er ist eigentlich gar nicht da, so unfertig und schlecht ist er zur Zeit noch.

Tja, und nun kommen die anderen Dinge, die sehr schnell die Nerven belasten. Schon Œmal mit einer klemmenden Zange versucht zu arbeiten? Mit einem fünfzig Kilo Hammer? Schon Œmal versucht durch knietiefes Wasser zu rennen? Aha! Genau so schnell und fix und fliessend ist jeder Workflow mit X. Alles träge, sirupartig, stotternd, klemmend, langsam, behindert, lahm. Natürlich nur im direkten Vergleich mit dem OS 9. Aber selbst wenn man den Vergleich nicht sofort hat, es dauert nicht lange, dann geht es dem Anwender wie mit einer Drehtür. Beim ersten Mal Benutzung glaubt man noch sie dreht sich zu schnell und dass man es nie schafft, beim zweiten Mal denkt man sie ist ganz gut eingestellt, beim dritten Mal schiebt man die Tür bereits und dann bleibt sie stehen, weil das verboten ist, und weil der Motor dann kaputt geht.

Genau so ist das mit X. Man möchte aussteigen und es anschieben. Das betrifft jedoch bei genauerem Hinsehen eigentlich nur die grafische Oberfläche, wie gesagt, der Unterbau ist fix, aber man kommt um Aqua kaum herum. Tja, Aqua, also Wasser, ein Synonym für Fliessen, Strömen, Klarheit und Reinheit. Der Name ist deutlich verfehlt. Sirup beschreibt es viel besser. Ekelhaft süss, zäh, unklar, trübe. Schade.

Bekanntlich lässt sich über Geschmack ja nicht streiten, aber wie sieht es mit dem Stil aus? Mit den sexy Looks? Das Aussehen ist schlecht. Aqua hat keinen Stil. Das ist ein Modegag und noch dazu ein kurzlebiger und schlechter. Windows XP, hört man, borgt ja schon fleissig davon. Microsoft ist ja nicht berühmt für guten Geschmack, also kein Wunder. Tatsächlich finden meine Freunde und Kollegen, dass sich die zuerst frisch und modisch daherkommende Verkleidung des neuen Systems sehr schnell dünn scheuert. Der Anblick wird schnell nervig, lästig, aufdringlich und schal. Tja, billige Mode verkommt eben schnell. Ausserdem kann man keine vernünftige Bildbearbeitung machen, wenn die Umgebung auf dem Bildschirm grell, poppig und farblich kontrastierend ist. Binsenweisheit. Jaja, da gibt es den Grauschalter, mit dem angeblich Aqua farbneutral wird. Lachnummer. Das ist kein Grau, das ist ein Blau und fast noch schlimmer. Ausserdem beeinflusst der grelle Kontrast von Aqua und die , mit Verlaub, unglaublich dämlichen Streifen überall, den Bildeindruck.

Wie kaum anders zu erwarten sind bereits die ersten Gehversuche von dritter Seite unternommen worden, dem Aussehen etwas Stil einzuimpfen. Bisher mit mässigem Erfolg. Trotzdem wird wohl vielen ein Stein vom Herzen fallen, dass man nicht auf ewig verdammt ist, alles durch ein Streifengitter anzusehen. Es stellt sich doch sonst rasch ein Knastgefühl ein.

Ein kurzes Fazit gefällig?

Des Königs neue Kleider fallen einfach durch. Streifenkluft wie im Gefängnis ist out, dafür fehlen Taschen, Reissverschlüsse, Knöpfe und das Ganze ist bei weitem noch nicht regendicht. Im Prinzip funktioniert hier bis jetzt nur die Unterwäsche. Ausserdem kann man durch die schlechten Klamotten genau sehen, dass der König zu fett und lahm ist und darüber hinaus noch gehbehindert. Ein kurzer Spaziergang ist wohl drin, Arbeiten kann man mit ihm vergessen.

Dabei hatte Apple uns doch eine hübsche, fit- und fun-fähige Prinzessin versprochen. Was ist das aber? Ganz recht, ein Next-Mac Transvestit mit geschminktem Gesicht, C&A Klamotten und Schwabbelbauch.

Apple, setzen, sechs.

Strafarbeit: Einen Finder entwerfen, programmieren und abliefern! Pronto!
Strafarbeit: Eine grafische Oberfläche ohne Ballast durch ineffiziente Strukturen entwerfen!
Strafarbeit: Den Stand an Funktionen aus Mac OS 9 wiederherstellen!
Strafarbeit: Das Aussehen und die Farbigkeit der Oberfläche anpassbar machen!

Heute habe ich X noch nicht benutzt, deshalb bin ich grosszügiger Stimmung, daher kann sich Apple mit den Strafarbeiten bis Sommer Zeit nehmen. Auch ein stückweises Abarbeiten würde mich freuen. Man erwartet ja schon fast nix mehr von dieser Firma ausser stückchenweisem Stückwerk, Mann, fünf Jahre und einige hundert Mark später, habe ich immer noch kein Tröpfchen Saft aus Apples Systemweinbau. Sollen wir vorbeikommen und Schieben helfen? Braucht Ihr eine Beratung? Fragt doch Œmal die Leute von Be, die jetzt auf der Strasse stehen, wie man zumindest etwas Effizienz hinbekommt, wenn schon nichts anderes.

P.S. Wo bleibt eigentlich Mac OS 9.5? Mit irgendwas muss man ja arbeiten in der Zwischenzeit.

P.P.S Glaubt bloß nicht, dass ich neue Hardware kaufe, die ihr dann mit eurem aufgeblasenen und zähem Kram so richtig langsam machen könnt. Wenn bisher jemals jemand geglaubt hat, dass ein G3 oder G4 Prozessor doppelt so schnell ist als was auch immer, dann guckt mal OS X an. Glatte vierhundert Prozent "Suche nach der verlorenen Zeit" brechen auch zwei G4s den Hals. OSX - die Entdeckung der Langsamkeit, um mal literarisch zu bleiben - wird euch sonst ernsthaft an den Kragen gehen, Leute.

Kommentare

dauert länger als man denkt...

Von: Axel | Datum: 16.08.2004 | #1
Komisch, eben lese ich Deinen Beitrag und kann Dir an vielen Stellen zustimmen. Nur, dass wir heute drei Jahre weiter sind und das aktuelle OS X 10.35 heisst...