ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 866

Projekt PowerMacincube Teil 4: Black Sabbath

Eine Reportage von Dr. Frankenmac

Autor: wp - Datum: 20.04.2001

Hallo, liebe Macuser, lange hat's gedauert, ich weiß. Aber hier und heute sollt Ihr erfahren, wie unsere komplizierte Transplantation von hochgetunten Powermac G3-Innereien in Steves nostalgischen Liebling, den NeXT-Cube, ausgeht. Operation gelungen, Patient tot? Oder scheintot? Liegt er im Koma? Oder fährt er hoch? Lässt er sich booten? Wenn ja, wie?

Zum Stand der Hardware. Was haben wir bis jetzt auf dem Operationstisch? Da steht also ein schwarzer NeXT-Cube, gefüllt mit der "Gossamer"-Hauptplatine aus einem beigen Powermac G3/233 DT. Das Original ROM Rev. A haben wir ausgetauscht gegen ein ROM Rev. C, damit in Zukunft interne IDE-Festplatten auch in Master/Slave-Konfiguration am selben Port laufen können (ROM Rev. A lässt das nicht zu). Wir haben eine G3/450MHz CPU von Motorola im ZIF-Sockel installiert und mit einem Golden Orb Aktivkühler gekrönt, in einem fettigen Bettchen aus Wärmeleitpaste. 2 der 3 PCI-Slots sind mit Karten belegt, eine ATI Rage Orion mit 16MB VRAM in dem einen, eine Acard ATA/66 mit 2 IDE-Anschlüssen in dem anderen. Daran angeschlossen ist eine Western Digital Caviar IDE-Festplatte 30GB/5400 U/min. Außerdem eingebaut - direkt hinter dem schmalen CD-ROM-Schlitz des Cube - ist ein Pioneer DVD-ROM Laufwerk mit Slot-in Mechanik. So weit, so gut.

Wer hat Angst vorm schwarzen Cube?

Mit einer dünnen Schweißschicht auf der Stirn drückt der Doktor die grüne Powertaste auf der schwarzen Cube-Tastatur. Das Festplattenlaufwerk startet, das DVD ebenfalls. Ein gutes Zeichen? Ich warte, dass sich was auf dem IBM-TFT tut, das an der ATI Videokarte angeschlossen ist. Ich warte, aber nichts tut sich. Grrrrr. Wäre auch zu schön gewesen. Also etwas bescheidener. Alles ausschalten. Cube vom Netz trennen. So. Dann schließe ich einen alten Apple 13-Zöller am On-Board-Video an und löse die Verbindung zwischen ATI-Karte und TFT-Display. Kurzes Stoßgebet an den Heiligen Stephan, Schutzpatron der Macianer. Und Neustart. Gleiches Ergebnis. Alles wieder ausschalten. Ich muss einen Fehler gemacht haben! Also nochmal rein in die Eingeweide! Ich öffne die Heckplatte des Cube, greife mir eine kleine Taschenlampe und gehe nochmal alles durch· Hoppla! Wie es scheint, habe ich das DVD mit einem ATA/33 kabel am ATA/66 Port der Acard eingestöpselt. Keine gute Idee. Also raus mit dem Kabel. Aber wie soll ich nun booten? Die Festplatte ist noch nicht initialisiert.

Oldies but Goodies

Aber Dr. Frankenmac wäre nicht Dr. Frankenmac, wenn er nicht irgendwo in seinem Medizinschränkchen noch ein Stück Hardware stehen hätte für schwierige Fälle. Ein asbachuraltes externes Apple 2x CD-Laufwerk mit SCSI-Anschluss, das könnte man doch zur Wiederbelebung verwenden. Also gut. Ein SCSI-Kabel angeschlossen, Netzkabel dran und eingeschaltet. Gut! Das Uraltlaufwerk fährt schon mal hoch. Nun den Cube nochmal angeworfen. "Schwester, Tupfer bitte!". Und siehe da, zumindest flackert der 13-Zoll-Monitor kurz. Und baut dann tatsächlich ein Bild auf. Aha! Und da ist ja auch das berühmte Diskettensymbol mit dem blinkenden Fragezeichen. Mit spitzen Fingerchen greife ich mir die nagelneue OS 9.1 CD aus dem OS X Package. Schublade des Laufwerks auf. Reinschieben. Schnack-Klonk! Und drin ist sie. Irgendetwas passiert auch. Sieh an, der lachende Mac! Gut, sehr gut. Dann der Startup-Screen mit Mac OS 9.1 wunderbar. Ich bin für einen Moment gerührt.

PowerMacincuibe mit Apple CD-Laufwerk

Aber nicht lange. Denn es geht nicht weiter. Das gibt's doch nicht. OS 9.1 läuft doch auf jedem dämlichen beigen G3! Oder vielleicht doch nicht? Hm. Machen wir die Gegenprobe! Alles aus. 9.1 CD auswerfen. Cube wieder hochfahren. und diesmal lege ich eine Mac OS 9.0 CD ein.??? Ei gucke da! Jetzt läuft alles glatt. Wunderbar. Aber laaaangsaaammmm! Naja, was Wunder, wenn man 32x oder 40x CD-Laufwerke gewöhnt ist. Immerhin, der Patient beginnt zu atmen. Also, dann auf in die Dienstprogramme auf der System-CD und mit der Festplatten-Utility erstmal die Platte initialisieren. Die WD Caviar wird auch sofort als SCSI-Festplatte erkannt (typisch für die Acard IDE-Karte!). Sehr schön. Die Initialisierung geht sauber über die Bühne. Und die Platte mountet auf dem Desktop. Okay. Dann also OS 9 installieren. Oops! Fast eine halbe Stunde soll das dauern. Na gut. Dann verlasse ich den OP mal fur eine Pause und gehe in den Aufenthaltsraum für Ärzte, um mir zur Feier des Tages ein Schlückchen hochprozentiges Desinfektionsmittel zu gönnen.

Zu früh gefreut!

Als ich wieder im OP bin, ist das Betriebssystem fertig installiert. Gut so. Ich tätschele mein altes Apple CD-Teil. Dann mache ich einen Neustart, diesmal von der internen Festplatte. Kurz drauf bootet unser schwarzer Patient. Da ist auch das OS 9 Label, wunderbar. Und dann das Fehlerfenster.

Adressfehler

FEHLERFENSTER? Verdammt, was soll das denn? "Adressfehler". Na toll! Ich breche alles ab, mache einen weiteren Neustart, diesmal ohne Systemerweiterungen. Und komme so weit wie vorher, diesmal aber mit der Fehlermeldung "Busfehler". Hm, Busfehler? Sollten sich etwa die beiden PCI-Karten irgendwie ins Gehege kommen? Ich schalte alles aus, öffne die Heckklappe mal wieder und tausche kurzentschlossen die Karten aus: Den linken PCI-Slot lasse ich diesmal leer, die Acard kommt in den mittleren und die ATI in den rechten Slot. Dann starte ich einen Wiederbelebungsversuch. Sicherheitshalber erst mal mit ausgeschalteten Systemerweiterungen. Und diesmal geht alles gut! Der Cube fährt sauber hoch. Perfekt. Neugierig mache ich aus dem Systemmenü einen ganz regulären Neustart. Mit Systemerweiterungen diesmal. Das war keine gute Idee! Der Cube zeigt nicht mal die erste Systemerweiterung beim Booten an. Er friert ein. Dabei ist es hier gar nicht kalt. Im Gegenteil, Eurem Dr. Frankenmac ist es sogar ganz schön warm. Ich starte nochmal ohne alles. Und gehe dann ins Kontrollfeld Erweiterungen ein/aus. Und schalte alles ab außer dem Apple CD/DVD-Treiber. Neustart! Sauber. Da ist er auch schon. Nun die Conflict Catcher CD ins alte Apple CD-Laufwerk rein und Conflict Catcher 8.0.2 installieren. Geht glatt. Dann starte ich nochmal neu. Merkwürdig und gar nicht logisch. Der Cube schafft zumindest ein halbes Dutzend Systemerweiterungen unten darzustellen, bevor er wieder einfriert. Neustart. Diesmal direkt in Conflict Catcher rein (Leertaste gedrückt halten!). So. Nun habe ich ein, zwei Stündchen vor mir, um nach und nach durch wiederholte Neustarts jene Systemerweiterungen rauszufiltern, die den Bootvorgang torpedieren. Ein harter Ritt. Aber schlußendlich bin ich so weit. Nach einem letzten Neustart fährt der Cube hoch, als hätte er nie was anderes getan. Mir kommen fast die Tränen. Oder ist das Schweiß?

Wenn nur das interne DVD endlich liefe...

Aber noch ist nicht alles perfekt. Noch läuft der Cube mit dem alten 13-Zoll-Monitor. Und das grau-beige Apple CD-Laufwerk, das auf dem Cube steht, ist ästhetisch unbefriedigend. Aber eins nach dem anderen. Ich gebe Filesharing auf dem Cube frei, er hängt mittlerweile per Ethernet in unserem kleinen Büro-LAN, und überspiele von einem anderen Mac die neuesten ATI Radeon Videotreiber (Version 1.1.1), die witzigerweise auch die aktuellsten für meine Rage Orion sind. Die ATI-Erweiterungen im Apple Systemordner verschiebe ich in einen neutralen Ordner, man kann ja nie wissen. Die neuen Erweiterungen nehmen ihren Platz ein. Dann schalte ich den Rechner aus. Nun das 16,1-Zoll-TFT von IBM wieder an die ATI anschließen. Neustart (der wievielte? Der 30ste? Der 50ste?). Gut. Beide Monitore sind aktiv. Der TFT allerdings auch nur in 640 x 480 Pixel. Das OS bootet auf dem kleinen Apple-Monitor. Nun gehe ich in das Monitor-Kontrollfeld, wo sich tatsäclich beide Monitore zeigen, ziehe die winzige Apple-Menüleiste vom linken, dem Apple-Monitor-Symbol rüber auf das IBM-Displaysymbol. Anschließend tue ich das gleiche mit dem Mac-Smiley. Wenn ich nun alles ausschalte und neu starte (den Apple-Monitor schalte ich aus und löse das Videokabel zum On-Board-Video) ...

Bingo!

Und tatsächlich! Nach dem Neustart meldet sich das Mac OS 9 auf dem TFT. Ich stelle im Monitor-Kontrollfeld die korrekte Auflösung ein: 1280 x 1024 Pixel, 60 Hertz, Millionen Farben, klicke Okay und... Bingo! So muß ein Apple Desktop aussehen. Ich installiere meine kleinen Helferlein ú Kaleidoscope, DragThing, einen freundlichen Bildschirmhintergrund und bin erst mal froh, dass nun endlich, endlich alles rund läuft. Nur das interne DVD-Laufwerk, hm. Immer noch ein wenig euphorisch werde ich mutig. Ich habe ja noch dieses IDE ATA/33-Kabel. Warum also nicht das interne DVD-Laufwerk an einen der beiden freien IDE-Ports auf der Hauptplatine anschließen. Schließlich sind die ja auch ATA/33. Müsste doch gehen, oder? Heldenhaft mache ich mich ans Werk...

Helden werden nicht alt

So. Das Einstöpseln ging ja flott von der Hand. Mit ein wenig Glück müsste man nun das interne DVD-ROM benutzen können. Mal sehen. Ich streife die OP-Handschuhe ab und wage frohgemut einen Neustart, nachdem ich das altgediente Apple CD-Laufwerk wieder im Schrank verstaut habe. Na also, denke ich, als der Monitor sich einschaltet und... Sch****!!! Wieso sehe ich nun wieder das blinkende Fragezeichen nebst Diskettensymbol? Wieso bootet der Cube jetzt plötzlich nicht mehr von der internen Festplatte? Sollte ich schon wieder einen fatalen Fehler gemacht haben? Offenbar wird die interne Platte an der Acard korrumpiert, wenn am internen IDE-Port ein Laufwerk angeschlossen wird!? Na gut. Dann muss ich jetzt zu schwereren Geschützen greifen - Kettensäge statt Skalpell! Ich schiebe die Notfall-CD mit TechTool Pro 3.0.3 in den gierigen Schlitz des internen DVD-Laufwerks und denke mir noch: "Na, immerhin scheint ja das Laufwerk erkannt zu werden". Tja, liebe mitleidenden Macianer, als Doktor muss man eben manchmal auch mit kleinen Erfolgen zufrieden sein. Oops! Hätte ich mir denken können, dass das nicht funktioniert! Auf der Notfall-CD ist ein OS 9.1 drauf. Und das bootet wie das original zu Anfangs schon nicht sauber hoch. Aber noch habe ich einen Pfeil im Köcher: Norton Utilities 6.0! Gleiches Procedere. Und das funktioniert. Mein alter Kollege Dr. Norton fährt mit einem Not-OS 9.0 hoch. Der anschließende Fehlertest der internen Platte liefert jedoch um so unerfreulichere Ergebnisse: Ein Fehler in der B-Baum-Struktur der Platte, die Dr. Norton leider nicht beheben kann. Scheint also, dass ich in den sauren Apfel beißen muss: Neuinitialisierung der Platte und das ganze Installationsspielchen noch mal von vorne. Leute, manchmal könnte ich diesen Beruf glatt an den Nagel hängen! Für heute mache ich Schluss, schwöre mir, morgen ein nagelneues Ultra ATA/66 Kabel zu besorgen und haue mich aufs Ohr...

Na also, warum nicht gleich so!

Am nächsten Tag wache ich mit dem festen Vorsatz auf: "Entweder er oder ich!" Beim PC-Händler um die Ecke hole ich das ATA/66-Kabel ab, das ich bereits Anfang Januar bestellt hatte, also vor einem Vierteljahr (aber das ist eine ganz andere Geschichte), und habe nach kurzem Werkeln das interne DVD-ROM am Port 2 der Acard angeschlossen. Alles ganz korrekt diesmal. Und tatsächlich erkennt der Cube das Laufwerk. Mit seiner erfreulich schnellen 40fachen Lesegeschwindigkeit geht die Neuinitialisierung und anschließende Installation von OS und Software (siehe Anfang dieser Reportage ;-) flott von der Hand. Und der anschließende Neustart zeitigt erstaunliche Ergebnisse. Im Gegensatz zur ersten Installation bootet das System diesmal völlig problemlos mit allen Systemerweiterungen, als wäre das die normalste Sache der Welt. Auch wenn mir nun (sehr spät) auffällt, dass die PRAM-Batterie wohl das Zeitliche gesegnet hat: Datum und Uhrzeit etc. zeigen Werte in verdächtiger Nähe zu meinem Geburtsdatum...

Voila!

Aber was soll ich sagen, liebe Leidensgefährten und Freunde des Patienten? Seitdem läuft bei mir ein putzmunterer PowerMacincube mit zur Zeit 435MHz Taktfrequenz, 1MB Backside-Cache mit halber CPU-Geschwindigkeit, 256MB RAM, einer 30GB Western Digital Caviar Festplatte und einem internen Pioneer DVD-ROM mit Slot-in Mechanik. Total stabil und unbeirrt. Und mit einer konstanten CPU-Temperatur laut PowerLogix G3 Cache Profiler von 35 Grad Celsius im Dauerbetrieb und 31 Grad im Ruhemodus.

Profiler

Ein Wunder? Nein. Sondern ein Triumpf moderner Hardware-Chirurgie. Eine neue PRAM-Batterie ist unterwegs. Eine kombinierte USB- und Firewire-Karte für den noch freien dritten PCI-Slot ist bereits bestellt. Und ein wenig plastische Chirurgie steht noch an... ich denke da an ein hinterleuchtetes Apple-Logo an Stelle des NeXT-Logos. Naja, mal sehen. Damit könnte diese lange und hoffentlich spannende Transplantationsgeschichte zu Ende sein. Wenn nicht XLR8, mein bevorzugter CPU-Lieferant, ein neues Ei für alte beige G3-Macs gelegt hätte... aber seht doch selbst nach: http://www.xlr8.com/.

Es grüßt Euch ein reichlich geschaffter Dr. Frankenmac, der da irgendwie schon wieder eine Idee hat...

Nachtrag: Die PRAM-Batterie ist eingetroffen. Habe sie mit spitzen Fingern gleich eingebaut und bei der Gelegenheit die CPU ein wenig höher getaktet: 466MHz! Beim Temperaturtest werden nach wie vor nur 35 Grad Celsius angezeigt. Das sind 5 bis 7 Grad weniger als bei einer G3/450 MHz CPU mit dem normalen Apple Alu-Passivkühler. Und gut 14 Grad weniger als bei einem serienmäßigen Apple G3/300 MHz in einem beigen G3 MT. Also jede Menge Spielraum für weiteres Overclocking ;-)

Kommentare

NeXT Cube

Von: Peter Hensel | Datum: 02.03.2004 | #1
Wolle meine Cube gerade bei EBAY verkaufen, aber was ich hier gelesen habe macht mir direkt wieder Spaß am wunderscönen Cube.
Meinst du man kann ihn noch schneller machen.

Mit freundlichne Grüßen
Peter