ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 918

Der alte Mann und der Mac

Autor: wp - Datum: 01.01.1999

Der alte Mann ist nicht wirklich alt. Gerade mal 78 Jahre. Und noch ziemlich gut drauf. Und mit “Computern” hat er sogar schon mal zu tun gehabt. Damals, als Röchling in Neunkirchen, wo er seine Lehre machte, seine gesamte Buchhaltung und Datenverwaltung auf das Neueste vom Neuen umgestellt hat - auf Hollerith-Maschinen, schrankgroße teilmechanische Lochkarten-Sortierer der International Business Machines Corporation.

Später, als er längst selbständig war als Unternehmensberater und Schriftsachverständiger fürs Gericht, hat sich dann keine Gelegenheit mehr ergeben. Und wohl auch keine Notwendigkeit, über die alte Triumph-Adler Schreibmaschine hinaus in die modernen Zeiten zu investieren.

Die beginnen erst sehr viel später. Als der alte Mann ein alter Mann geworden ist, 77 Jahre, mehr oder weniger weise, aber immer noch neugierig wie ein Junger. Und zumindest hin und wieder noch beruflich aktiv. Was seinen Sohn - den Autor dieser Zeilen - auf die Idee bringt, ein Experiment zu wagen. Zugegebenermaßen mit etwas gemischten Gefühlen. Denn einem 77-Jährigen einen Computer zu schenken, mag aus der Sicht der Generationen, die entweder mit Computern aufgewachsen sind oder zumindest im beruflichen Alltag fast zwangsläufig damit arbeiten, ein wenig gewagt erscheinen, oder?

Was für ein Irrtum!

Nun, jedenfalls sieht sich der alte Mann anläßlich seines 77sten Geburtstags und völlig überraschend mit einem Mac beglückt. Gut, eingestanden, nicht gerade das neueste Modell, sondern ein ausgedienter LCIII mit gerade mal 36MB RAM und einer 800MB Festplatte. Dazu ein alter Apple 14" Farbmonitor und ein günstig per Kleinanzeige erworbener Personal LaserWriter 300. Aber naja, es soll ja nur ein Experiment sein. Weshalb sich auch die Software fürs erste auf Claris Works 4 und ein paar kleine Hilfsprogramme beschränkt. Handbücher vervollständigen das Paket.

Aber der alte Mann, nachdem sich seine erste Verblüffung gelegt hat, nimmt die Herausforderung an. Allein mit sich und dem Meer, Entschuldigung, dem Mac, hat er nach ein paar Tagen die Grundfunktionen im Griff. Unterstützt durch einige Telefonate. 14 Tage später dann seine unerwartete Frage: “Kann man damit auch ins Internet?”

Ab da ist die Lawine dann nicht mehr aufzuhalten: Ein altes 28.8 US Robotics Modem wird organisiert, ein Email-Account bei UUnet angemeldet. Die Software um Browser und Emailprogramm ergänzt. Bei der Gelegenheit gleich noch eine ältere PageMaker-Version installiert (“Viel besser als Claris Works. Wie findest Du meinen neuen Briefkopf?”), FreeHand folgt (“Gibt’s nicht irgendwas, womit ich so ein paar kleine Illustrationen... nur zur Auflockerung... ?”). Und die eher seltenen Anrufe bzw. Emails mit Fachfragen lassen sich mittlerweile auch nicht mehr aus dem Stegreif beantworten.

In dem knappen Jahr, das seitdem vergangen ist, sind auf dem alten LCIII zig Gerichtsgutachten entstanden, Hunderte von Emails versandt und eine komplette Korrespondenzausstattung entwickelt worden.

Und die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Im Gegenteil. Ein 56k-Modem hat längst das 28.8er abgelöst. Der 60Hz Apple Monitor mußte einem 75Hz 15" Apple AV-Monitor weichen. Wegen der Augen. Und in diesen Tagen wird der LCIII gegen einen PowerMac 6100 ausgetauscht, mit 40MB RAM, 1MB L2-Cache und einer größeren Festplatte. Und wer weiß, demnächst, wenn G3-Karten für den 6100er noch ein bißchen billiger werden...

Die Moral von der Geschicht’? Macianer, haltet Eure alten Macs in Ehren und denkt mal nach, ob nicht irgendein Grauer Panther in Eurer Umgebung mächtig Appetit auf mehr kriegt, nachdem er erstmal vom Apple der Erkenntnis genascht hat. Übrigens, falls jemand Zweifel an der Geschichte hat, die Email-Adresse ist: smueller@astro.sb.uunet.de.

PS: Was wohl geschehen wäre, wenn statt des Mac eine WinDose...?

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