ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 930

Berichte aus dem Umfeld der Hölle

Autor: wp - Datum: 06.10.2000

Hoppala! Da sitzt man mit noch verquollenen Augen vor seinem Börsenspiel-Musterdepot und muss feststellen, dass vorgebliche Super-Investment Apple (über 700% plus in den letzten drei Jahren) geschleift wurde. Satte 50% Minus stehen da zu Buche. Respekt: Wenn Steve Jobs etwas anfässt, dann macht er es aber richtig.

Doch die Freunde der Reinen Lehre lassen sich so schnell nicht ins Bockshorn jagen. Hat man doch im Laufe der Jahre einige bewährte Abwehrstrategien entwickelt, die diese vermeintlichen Tatsachen vom Kopf auf die Füsse stellen. Für alle Anfänger auf dem Gebiet sei der klassische Job'sche Dreisatz hier kurz skizziert:

Zunächst wird der Angriff von außen mit einer "Berti-Vogts-Grätsche" relativiert: Immerhin macht Apple ja noch Gewinn (auch bekannt als: "Glas-halb-voll-Methode"). Schon mit diesem Satz wird der Angriff eingeleitet, da sich nun gewöhnlich der gefürchtete "Helmut-Kohl-Gedächtnis-Drop-Kick" anschließt: ... und den Anderen geht es noch viel schlechter! ("Glas-halb-voller-Methode"). Nun kann auch der Ungeübte leicht mit der schon klassischen "Mulder-Schleuder" einlochen: Das kann doch nicht stimmen - da steckt doch was ganz, ganz Böses, Mieses, Gemeines, Abgekartetes dahinter. Was letztlich darauf hinaus läuft, dass Bill Gates oder aber jemand der Windoof verwendet oder aber jemand der Bill heißt das Ganze ausgeheckt hat.

Aber seien wir fair. Auch uns selbst gegenüber - was ist los in Cupertino?

Da wären zunächst die guten Seiten Apples:

- Apple macht immer noch - und das seit Monaten - Gewinn. Weitaus mehr als viele hochgelobte dotcoms und ist dabei immer noch relativ niedrig bewertet.

- Apple ist Marktführer in Sachen "Innovation". Was die Jungs bauen ist in der Regel erstklassig und erregt Aufsehen - auch in der Welt der Windoofen.

Das war es dann auch schon. Kommen wir zur dunklen Seite:

- Die Modellpalette ist veraltet. Das ist meine ganz persönliche Meinung, aber im Gespräch mit vielen Leuten - Mac-Fans und Gegnern - habe ich immer wieder das Gleiche gehört: iMac schön und gut, aber darauf kann man sich nicht ausruhen. Wann kommt der Einsteiger-Mac ohne Monitor? Wann der 17-Zoll-iMac? Apple ruht sich auf seinen Lorbeeren aus und versucht die Zitrone solange zu quetschen, bis kein Saft mehr rauskommt.

- Die Preise sind zu hoch. Ja, ja, die alten Hasen werden sich jetzt ein Gähnen nicht verkneifen können. Das gute, alte Preisargument. Aber gerade jetzt zeigt sich seine Richtigkeit: Der Cube findet viel Lob für sein Design, aber leider keine Käufer. Woran mag das wohl liegen?

- Apple behandelt seine Kunden schlecht. Letztlich eine Zusammenfassung der obigen Punkte - würde man mehr auf seine Kunden hören, wären manche Fehler nicht passiert. Aber im Gegenteil - jetzt verlangt man sogar DM 80,00 dafür, dass Anwender ihre Beta-Software testen. Man muss sich diese Tatsache wirklich auf der Zunge zergehen lassen, um das ganze Ausmaß dieser Nachricht zu begreifen. Andere Firmen - insbesondere M$ - würden für solche Forderungen gesteinigt! Und das zurecht!

Erschwerend kommt hinzu, dass der Marktanteil immer noch zu klein ist. Wir waren verwöhnt von den Nachrichten, wie toll sich der Marktanteil entwickelt - immer ein paar Zehntelprozent mehr. Doch letztlich sind es so wenige Kunden, dass Steve jedem einzelnen Puderzucker in den Hinter pusten müsste, um ihn bei der Stange zu halten. Denn die Palette der Produkte ist - auch im Vergleich zu Firmen wie Xerox - zu klein, als das man es sich leisten könnte auch nur einen Flop zu präsentieren. Das macht sich dann nämlich massiv in der Bilanz bemerkbar.

An der Börse wird Zukunft gehandelt. Mit seinem sinkenden Gewinn hat Apple gezeigt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. 50 % sind vielleicht etwas viel - aber einige Apple Verantwortliche sollten langsam mal ihren Elfenbeinturm verlassen. Und die "objektiven" Meinungsbildner sollten mehr ihre Verantwortung wahrnehmen und den California Dreamboys kräftig auf die Zehen steigen. Damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeissen können ...

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