ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 931

Müll für 10 US-Dollar

Über Shareware-Tests, Funktionsumfang und den sinnvollen Einsatz von Ressourcen

Autor: wp - Datum: 13.11.2000

Ich stehe vielen Programmen, die - egal ob als Shareware oder das kommerzielle Software - angeboten werden, äußerst skeptisch gegenüber. Daher komme ich bei Tests oft zu einem eher negativen Urteil, oft im Gegensatz zur Mehrheit der veröffentlichten Mac-Meinung. Der Grund dafür ist nicht eine generelle pessimistische Einstellung, sondern die Überlegung, was brauche ich wirklich, um meine Ziele zu erreichen?

Der Nachteil vieler praktischer Helfer ist der Preis. Auch wenn das tolle Programm, das mir eine Verschönerung oder kleine Erleichterung bietet, nur 10 US-Dollar kostet: Erwirbt man die "zehn notwendigsten Erweiterungen" ist man locker über 200 DM los.

Ein schönes Beispiel für dieses Problem wird iCab sein. Die Entwickler planen - nach Fertigstellung - zwei Produkte anzubieten: Eine abgespeckte Freeware-Version und ein kommerzielles Programm. So gern ich iCab benutze, scheint mir dieses Geschäftsmodell wenig durchdacht. Wie soll z.B. die abgespeckte Version aussehen? Wie will man, in einer Zeit, in der die Webdesigner das zum Standard erklären, was technisch möglich ist, entscheiden, welche Funktion entbehrlich ist? Oder will man gar bei der hervorragenden Benutzerführung sparen?

Warum soll ich auf der anderen Seite, einen relativ hohen Betrag (man spricht von 50 DM) ausgeben, um eine Funktionalität zu erhalten, die mir zwei kostenlose Programme jetzt schon zum größten Teil bieten? Die Entwickler argumentieren hier, dass iCab alle Standards sauber umsetzen und somit der "vollständigste" Browser sein wird. Nur zwei kurze Bemerkungen zu diesem Standpunkt: Welcher Webdesigner - egal ob man dies nun gut oder schlecht findet - orientiert sich an diesen Standards und wie lange wird die Implementierung neuer Standards dauern, wenn die Erstellung eines aktuellen Browsers auch nach zwei Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist? Letzteres kann ich bei einem kostenlosen Programm tolerieren - wenn ich aber dafür Geld ausgebe, möchte ich ständig ein möglichst aktuelles Programm.

Dass ich Shareware nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber stehe, zeigt PowerMail, der Email-Client von CTM-Development. Auf den ersten Blick bietet das Programm nichts besonderes: Der Funktionsumfang ist bestenfalls durchschnittlich und gleichzeitig verlangt der Hersteller knappe 100 DM dafür. Dementsprechend schneidet es bei Vergleichstest in der Presse immer eher mässig ab. Doch für mich ist es genau das Programm, das ich brauche: schlicht, einfach, effektiv. Als vor kurzem eine Freundin meinen Computer für einige Zeit mit nutzte, war sie derart von PowerMail begeistert, dass er mich schließlich fragte: "Gibts das auch für Windows? Das ist ja viel besser als Outlook!" Tja, "leider" ist PowerMail mac-only.

Ein weiteres Problem vieler Helfer ist, dass man gratis obendrauf auch noch ein paar Systeminkompatibilitäten erhält. Denn jeder noch so kleine Eingriff in die Integrität des Systems birgt ein Risiko oder verlangsamt zumindest die Performance des Computers. Wer bei diesen Worten nicht nur Shareware, sondern auch an kommerzielle Dinosaurier wie Word denkt, befindet sich exakt auf meiner Linie.

Word ist das Standardbeispiel für eine überteuerte Zumutung. Auf den ersten Blick ist die Textverarbeitung beeindruckend: Würde man eine Umfrage darüber machen, welche Funktionen Word enthält, niemand könnte sämtliche Möglichkeiten aufzählen. Doch gleichzeitig wird das Programm niemandem gerecht. Derjenige, der nur gelegentlich einen Brief schreiben will, kommt mit AppleWorks oder ähnlichen Programm locker über die Runden; derjenige aber, der oft lange Texte - am besten mit Grafiken, Tabellen, Inhaltsverzeichnissen und so weiter - erstellen muss, kann ein Lied singen von Programm- und Systemabstürzen, nicht mehr zu öffnenden Dateien oder kann zumindest von Texten berichten, die ausgedruckt garantiert nicht so aussehen, wie auf dem Bildschirm. Dafür werden die Anwender mit unzähligen Dateien und Erweiterungen "belohnt", deren Sinn nicht erkennbar ist, deren Entfernen aber mit Liebesentzug bestraft wird. Meine Antwort im Studium war der Einsatz von LaTeX.

Dieses "Programm" ist zwar auf den ersten Blick etwas komplizierter zu benutzen, belohnt aber mit hoher Stabilität, typografischer Genauigkeit und ist unabhängig vom benutzten System. Ein Dokument, das auf einem Mac erstellt wurde, sieht unter Windows oder Linux exakt genauso aus. Der Komfort ist einzigartig: Ich kann ohne Probleme Kopf- und Fußzeilen, Indexe, Literaturverzeichnisse, Inhaltsverzeichnisse usw. auch in sehr langen Dokumenten erstellen. LaTeX wird in verschiedenen Distributionen ausgeliefert - und viele davon sind Freeware oder kosten nur wenig. Wer jetzt neugierig geworden ist, kann z.B. bei Dante e.V. weitere Informationen erhalten. Und lasst Euch nicht abschrecken, es lohnt sich wirklich.

Wenn Ihr also ein neues Programm auf Eurem Rechner installieren wollt, vergesst einfach, was die Tester (auch ich ;-)) Euch sagen. Überlegt lieber, was Ihr braucht, welche Funktion Ihr wirklich vermisst. Ein Programm kann noch so genial sein: Wenn Ihr die Funktion bisher nicht brauchtet - wieso sollte es in der Zukunft so sein? Wenn es aber tatsächlich etwas gibt, was Ihr dringend braucht, dann sucht in den einschlägigen Foren danach oder fragt - z.B. im Usenet danach. Der ganze Müll - egal wie gut er ist - hat nichts auf Eurem Rechner zu suchen. Nicht einmal für 30 Tage.

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