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ARCHIV :: # 934

Apple Informationstage - ein Bericht

Autor: wp - Datum: 01.01.2001

Nach so vielen Berichten, so vielen Bildern (und sogar Filmen) aus San Francisco, die bei den MacGuardians zu lesen und zu sehen waren, sollte der Appetit doch eigentlich gestillt sein nach den Neugkeiten von der Macworld Expo. Eigentlich schon, aber das Angebot der Apple Informationstage, alles einmal selbst live und in Farbe sehen zu können, reizte denn doch. Nach Frankfurt machte Apple die zweite Station in Köln, was nun wirklich nahe genug an meiner Bonner Heimat liegt. Also hin!

Ein Saal im KOMED, dem Kommunikations- und Medienzentrum im MediaPark Köln, Sitz unter anderem von VIVA TV. Leider kam ich fünf Minuten zu spät; Reiner Deichmann, laut Visitenkarte Vertriebsleiter Channel, zur Zeit aber auch Geschäftsführer bei Apple in Feldkirchen, hatte schon begonnen. Er wiederholte das Plädoyer von Steve Jobs für den Personal Computer: Der PC habe Spreadsheet, Textverarbeitung und Desktop Publishing gebracht, und das ginge nun weiter mit Audio und Video - Stichwort Digital Hub. Und bei den in San Francisco gezeigten Schritten in diese Richtung (iTunes, iDVD) werde es nicht bleiben.

Das etwa 150 Personen starke Auditorium nahm's gelassen, doch dann wurde es spannender, und MacOS X war etwa anderthalb Stunden das Thema. Eine ganze Reihe von Leuten im Publikum kannten MacOS X schon in der Beta-Fassung, doch auch denen ging es wohl wie mir: MacOS X live ist durchaus beeindruckend. Die demonstrierte Vorabversion machte zunächst einen vetrauten Eindruck: Die Menüleiste, das Apple-Menü, alles ist an seinem Platz. Der Finder, jetzt nur noch eine separate Dateimanagement-Applikation, kann auf Knopfdruck dazu gebracht werden, sich wie unter MacOS bis Version 9 zu verhalten. Home, sweet home.

Doch ansonsten glitzert es überall, duftet es frisch und verheißungsvoll nach neu, nach besser, nach warum-nicht-schon-längst-so. Die Spaltenansicht des Finders, und das können diejenigen, die unter NeXT bzw. OpenStep damit Erfahrung gemacht haben, sicher unterstützen, macht einen äußerst gut zu bedienenden Eindruck. Auffällig waren die DOS- und Windows-typischen Dateiendungen à la .txt oder .jpg. Die müssen aber nicht sein, zumindest nicht bei Volumes mit dem Dateisystem HFS+. Die Apple-Leute schienen sich aber damit abgefunden zu haben: die Endungen seien doch vorteilhaft, wenn man mit "der anderen Seite" (*g*) Dateien austauschen müsse. Traurig, aber nicht ganz von der Hand zu weisen; Windoof trägt diesbezüglich jedenfalls seinen Namen völlig zu Recht.

Das Dock hat sich mittlerweile zu einem überzeugenden Konzept entwickelt. Anwendungen und Dokumente finden, unaufdringlich aber erkennbar voneinander getrennt, ihren Platz. Laufende Anwendungen sind markiert, hier lässt sich zum ersten Mal der UNIX-Kern erahnen. In den Dokumentenbereich lassen sich Ordner und ganze Volumes einfügen, die dann vom Dock aus per Popup-Menüs Zugriff auf ganze Dateibäume erlauben. Ob neue E-mail da ist, wird ebenfalls im Dock angezeigt; für solche Zusatzfeatures ist das Dock offen, die Software-Entwickler werden ihrer Kreativität hier sicherlich freien Lauf lassen.

Das PDF-basierte Grafiksystem Quartz hat auch seine Vorzüge. Das System "versteht" mit seiner Hilfe eine ganze Reihe von Dateitypen direkt (die üblichen Bildformate, Text, PDF - aber ohne Links, so dass der Acrobat Reader nicht ganz überflüssig wird, Adobe wird drauf bestanden haben), und die im System integrierte Preview-Anwendung kann alle diese Formate anzeigen. Extrem cool wird es, wenn ein Movie nicht nur im Dock weiterläuft - en miniature, sozusagen - sondern auch in der Phase, in der es ins Dock hineingleitet bzw. daraus auftaucht. Quartz rulez - und der Dual-Prozessor G4-Mac, der das alles freundlich unterstützte!

Anwendungen für MacOS X sollen im Sommer in Masse auftauchen, was laut Reiner Deichmann ein wichtiger Grund dafür ist, dass erst ab dieser Zeit die neuen Macs mit vorinstalliertem MacOS X ausgeliefert werden. Es kann schon sein, dass eine ganze Reihe von Leuten jetzt noch keinen neuen Mac kaufen würden, wenn ein System drauf ist, zu dem es vorläufig nur wenige Anwendungen gibt. Der Eindruck, dass Apple hier noch ein paar mehr Leuten die für Deutschland vorläufig angesetzten 339 DM für MacOS X aus der Tasche ziehen will, ist aber vielleicht auch nicht ganz falsch.

Das Freigabedatum wird auch in Deutschland der 24.3. sein, dann soll MacOS X hier in den Läden stehen (es gibt übrigens nur noch eine Version von MacOS X, in der man zwischen verschiedenen Sprachen wählen kann; gut zu hören, dass Deutsch neben Englisch, Französisch und Japanisch von Anfang an dabei ist). Auch zu diesem frühen Zeitpunkt kann man ruhig schon zugreifen, denn die Classic-Anwendungen laufen voll integriert innerhalb des Desktops des neuen Systems. Für Classic-Anwendungen kann MacOS 9 als eigener Prozess (automatisch) gestartet werden, es gibt aber keine Box oder ein Systemfenster wie z.B. bei einem VirtualPC - wirklich überzeugend.

Anders als Steve Jobs in San Francisco erwähnte Michael Dickschat von Apple kurz auch System 9.1. Als "maintenance release" sei es für Besitzer von MacOS 9 kostenlos (zumindest als Download), ansonsten soll es stolze 229 DM kosten.

Demos gab es dann auch zu iTunes, das einen netten Eindruck machte und dem auch als geschenktem Apple-Gaul ruhig ins Maul geschaut werden kann. iDVD ist für Video- und auch Foto-Freunde auch nicht zu verachten, kommt aber bekanntermaßen nur mit dem noch nicht lieferbaren 733MHz-G4 kostenlos mit.

Ein wenig in die Tiefe ging die Präsentation der Class Firmengruppe, UNIX-Experten mit MacOS X Knowhow. Die Herren Kuntz und Kuhn zeigten, weshalb MacOS X auch für den Systemadministrator interessant ist. In puncto connectivity (also Vernetzbarkeit) und Sicherheit schlägt ganz stark das UNIX-Erbe durch, und das ist sicher positiv zu werten. Mac-like sind aber die Konfigurations-Schnittstellen z.B. für File Sharing oder die integrierte Firewall (wobei letzteres GUI nicht von Apple ist), und das ist ebenfalls gut so. Die Power von Unix und der Sex vom Mac, auch an dieser Stelle ist Steve Jobs' liebste Wortkombination durchaus angebracht. MacOS X ist möglicherweise sowohl von der Basistechnologie als auch der Bedienbarkeit (für Consumer und Poweruser) nicht nur weiter als alle Windows-Systeme, sondern auch weiter als Linux. Interessant noch, wie sehr die Leute von Class betonten, dass MaxOS X das sicherste UNIX sei, was es zur Zeit gebe.

Dann war Pause, und ich musste gehen. Dadurch kam ich nicht zu dem Vergnügen, das neue und auch hier bei den MacGuardians nicht unumstrittene PowerBook G4 live bestaunen zu können. Aber für die, die bis zum Ende durchhalten, gibt es eines zu sehen, und das auch bei den weiteren Apple Informationstagen in Hamburg (19.1.), Berlin (22.1.) und München (26.1.), zu denen man sich übrigens per e-mail anmelden muss (näheres hier). Doch nicht nur deshalb ist die Veranstaltung zu empfehlen. Eine Live-Demonstration verschafft einfach andere Einblicke, auch wenn das meiste einer Eindeutschung der Expo-Keynote entspricht und daher für die treuen Leser der MacGuardians natürlich keine Neuigkeit mehr sein wird.

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