ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 957

Amorphium - 3D "for the rest of us"

Autor: wp - Datum: 13.08.1999

  Wenn der Hersteller von ElectricImage Animation System, mit dem zahlreiche Special Effects in so ziemlich jedem Hollywood SF- und Action-Streifen der letzten Jahre von StarWars bis Matrix produziert worden sind, so ganz nebenbei eine neue 3D-Software vorstellt, und das im absoluten low-end Preisbereich, dann lohnt es sich schon mal, genauer hinzuschauen.

Das Programm, um das es hier geht, nennt sich Amorphium und ist ausgelobt als Software für "Real Time 3D Sculpting and Painting". Also ein Programm zum Erstellen und Bemalen von 3D-Formen in Echtzeit. So weit, so gut. Was diese Titulierung aber nicht andeutet, ist das "wie". Denn im Gegensatz zu den bisher gängigen, eher konstruktiven (sprich: vom Drahtgittermodell ausgehenden) 3D-Programmen verfolgt Amorphium einen vollkommen intuitiven Ansatz. So eine Art digitale Knetmasse. Oder digitales Sillyputty. Kennt noch einer Sillyputty?

Das Prinzip: Einfache Grundkörper (Kugel, Würfel, Tetrahedron, Zylinder hohl oder geschlossen sowie freie Flächen) werden in Echtzeit verformt, bemalt, kombiniert, animiert.

Die Benutzeroberfläche: Man könnte meinen, Kai Krause himself sei am Werk gewesen, irgendwie wird man immer an Kai's PowerTools erinnert. Wer dem nichts abgewinnen kann, nun gut, ist halt Geschmacksache. Aber schließlich will Amorphium ja auch nicht mit den gängigen 3D Programmen konkurrieren. Trotzdem werden sich alle eine Scheibe davon abschneiden müssen. Denn was Amorphium macht, macht es sauschnell! Insofern erstmal Hut ab vor den Programmierern.

Tools

Schauen wir uns mal die Tools an. Davon gibt es eine nette Auswahl:

4 Move-Tools, die Bewegungen um alle Achsen, Schwenks und Zoomfunktionen bieten. Eine Beleuchtungsoption ist auch vorhanden, allerdings mit nur einer Lichtquelle.

5 Sculpting Brushes: Smudge zum “Verschmieren² einer Form, Spheric zum zentrierten Ausformen, Normal für freies Arbeiten, Smooth zum Glätten der Form und Brush zum Ausformen nach Sichtlinie. Kobinierbar mit 23 Brush-Formen, wenn ich richtig gezählt habe. Dazu 3 Wirkungskontrollen für Flux, Radius und Pressure. Letztere ist von -100 bis +100 einzustellen, sprich: hier wird festgelegt, ob ein Brush positiv arbeitet und die Form aus dem Körper "herauszieht" oder negativ, also die Form in den Körper "hineindrückt". Je höher der positive oder negative Wert, desto stärker der Effekt. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig; es braucht einige Einarbeitungszeit, bis man intuitiv abschätzen kann, bei welcher Einstellung die Tools wie stark wirken.

Symmetrie-Tools. Außerordentlich hilfreich, wenn's darum geht, Gesichter und Körper zu erstellen, die nun mal von Natur aus symmetrisch angelegt sind (naja, mehr oder weniger ;-)).

Das Highlight der Tools nennt sich Biospheres. Es erlaubt das quasi magnetische Verketten und Verbinden von Kugelformen zu sehr organisch wirkenden Gebilden. Genial wäre es (eine Anregung für eine Version 1.1 oder 2.0), wenn das Gleiche auch mit anderen geometrischen Körpern möglich wäre.

Features

Bei diesem ersten Test war ich noch so von den Sculpting-Möglichkeiten fasziniert, dass ich die zahllosen Mal-Optionen, Texture-Mapping, Texturen-Import (erinnert zum Teil sehr an Bryce) hier nur am Rande streifen kann. Da bleibt ausreichend Spielraum für Experimentierfreudige.

Das Menü fürs Painting ist so umfangreich, dass man erst mal durchsteigen muss. Was wiederum mit Hilfe des dicken gedruckten (muss man eingedenk des Preises drauf hinweisen!) Handbuchs ganz gut gelingt. Das Handbuch ist inesgesamt ein Pluspunkt von Amorphium: Auf seinen 450 Seiten findet sich ein Tutorial mit Projekten zunehmender Komplexität, das es einigermaßen leichtmacht, die so wichtige Intuition für das Programm zu entwickeln.

Sehr schön: Das Composer-Fenster, in dem ganz schnell und intuitiv Morphing-Sequenzen aufgenommen werden können sowie - über definierte Key-Frames - kleine Animationen, die sich dann z.B. als Quicktime-Sequenzen exportieren lassen!

Womit wir beim Thema Import und Export wären. Also: Was geht rein und was geht raus? Amorphium importiert Apple PICT, Image, TIFF, GIF, PNG, BMP und JPEG Bildformate bzw. Texturen sowie Electric Image FACT, Autocad DXF, Lightwave LWO, 3D Studio 3DS und Wavefront OBJ Objekte. Und es exportiert Electric Image FACT, DXF, Lightwave LWO, 3D Studio 3DS, Depth Scan sowie VRML Objekte. Dazu als Bildformate BMP, TIFF, GIF und PNG sowie als Movies Animated GIF und Quicktime MOV. Das ist wiederum recht professionell. Und bietet ein paar ganz nette Möglichkeiten für das Aufmotzen der eigenen Website.

Neben all den positiven Eindrücken gibt es aber auch ein erkennbares Handikap zu verzeichnen. Amorphium lässt nur einen einzigen undo-Schritt zu!!! Aber okay, wir reden hier über eine im Übrigen bemerkenswert bugfreie 1.0 Version. Da muss ja noch etwas Raum für die Weiterentwicklung bleiben.

Ein geiles Teil ...

Hardware-Voraussetzungen: Gar nicht so wild. OS 8 oder neuer, PowerMac, iMac oder G3, 32MB RAM, CD-ROM Drive, mindestens 10 MB freier Raum auf der Festplatte, 800 x 600 Pixel Display mit tausenden von Farben. Ich habe Amorphium sowohl auf einem 400MHz Yosemite getestet als auch auf einem 8500/150 (604er Prozessor). In beiden Fällen lässt es sich realtime arbeiten. Und ich frage mich tatsächlich: Wie haben die das hingekriegt?

Größtes Plus: Der Preis! Offiziell $149.-; über mail-order, bspw. DV Direct (www.dvdirect.com) $129.-. Ob und wann es eine deutsche Lokalisierung geben wird, ist noch unklar, zumal es auch noch keinen offiziellen deutschen Distributeur gibt.

Die Auswirkungen: Kaum abzusehen. Selbst wenn die renommierten 3D-Platzhirsche von Infini-D 3D bis Cinema 4D XL den Neuankömmling schwerlich ernstnehmen werden ­ bei dem Preis! ­ wird man in Sachen Benutzeroberfläche und Schnelligkeit vielleicht mal ins Nachdenken kommen. Könnte nicht schaden, denn Amorphium ist vor allem in diesen Punkten aboslut bemerkenswert. Richtig spannend - auch für die Konkurrenz - wird es, wenn man Amorphium mit anderen Programmen kombiniert. Ich denke da zum Beispiel an eine Kombination Amorphium ­ Poser ­ Bryce ...

Fazit also: Ein geiles Teil. Das man als reines Spielzeug benutzen kann (Sillyputty, sagte ich ja schon eingangs), aber auch, nach angemessener Eingewöhnungszeit, durchaus professionell. Gewissermaßen 3D for the rest of us.

Wie lautet doch der letzte Satz auf der praktischen Amorphium Quick Reference Karte: "Make something amazingly cool". Dem kann ich mich nur anschließen!

Kommentare