ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 965

Unter der Oberfläche - Mailsmith 1.1.5

Autor: wp - Datum: 30.12.1999

 

Unter den zahlreichen Mailprogrammen für den Mac fristete Bare Bones' (BBedit) Mailsmith derzeit eher ein Schattendasein. Solange Firmen wie Microsoft mit Outlook Express Software verschenken, um eine strategische, marktbeherrschende Stellung zu erreichen, haben es Shareware-Produzenten oder kleine Softwarehäuser schwer. Trotz dieser für die Shareware-Szene unglücklichen Situation lohnt es sich, einen Blick auf Alternativen zu werfen; nicht zuletzt deswegen weil sie genau jene erweiterten Funktionen anbieten, welche die anfallenden Kosten schnell relativieren.

Grundkonzeption Mailsmith 1.1.5 ist in seiner Kernkonzeption ein klassischer Mailclient mit einer robusten Grundgestaltung. Die früher etwas unsauber gearbeitete Oberfläche ist inzwischen im Detail deutlich überarbeitet worden. Trotzdem schimmert an manchen Stellen immer wieder das alte weiße Apple-GUI durch, das man auch in BBedit noch an bestimmten Stellen antrifft.

Mailsmith Browser

Der kompakt aufgebaute Mailbrowser (s.o.) zeigt links Verzeichnisse und Mailboxen, rechts die dazugehörige Liste und darunter den jeweiligen Mailinhalt an. Natürlich kann auch Mailsmith mehrere POP-Accounts anlegen und diese sowohl online wie auch offline verwalten. Positiv ist hier die Trennung der Mailboxen in unterschiedliche Eingangsordner, die das Vorsortieren erleichtern. Leider geht aber die Zuordnung nach dem Verschieben der Mail in andere Ordner wieder verloren. Eine sortierende Eigenschaft "Mailkonto" besitzt Mailsmith derzeit noch nicht.

Mailsmith kann – wie jedes TCP/IP-abhängige Programm – nicht nur Netzverbindungen automatisch aufbauen, sondern auch je nach Option halten oder wieder lösen. Einen "leisen" Verbindungsaufbau ohne Anzeige des Netzwerkfensters besitzt Mailsmith leider nicht. Alle Aktivitäten, Logins, Fehler und Mailtransfers werden in eine ausführliche Logdatei geschrieben, die man anschließend bequem auswerten kann. Ebenfalls sehr nützlich ist die Option, den Verbindungsaufbau für bestimmte TCP/IP-Einstellungen zu beschränken. Systemadministratoren werden diese beiden Funktionen zu schätzen wissen.

Der Transfer der Daten ist ausgesprochen schnell, und auch die Anzeige der Mails kommt ohne Verzögerung auf den Schirm. Die gesamte Mailbox läßt sich komprimieren sowie optimieren und verringert so den Speicherbedarf. Da Mailsmith mit "Multithreading" arbeitet, können Zugriffe parallel ablaufen. Leider besitzt Mailsmith keine ausgeklügelten "Zeitpläne" wie Outlook, sondern nur einzelne statische Verbindungszeiten pro Pop-Einstellung. Da es aber für Poweruser konzipiert ist, lassen sich solche Funktionen natürlich komplett in AppleScript nachbilden.

Eingabe Die Maileingabe folgt im üblichen ASCII-Editor und unterstützt keine HTML-Features. Die Mailfenster sind extrem übersichtlich, bieten allerdings nur grundlegende Funktionen als Schaltfläche an. Ein Print-Ikon sucht man vergebens und muß den Menü- oder Kurzbefehl wählen. Auch wenn alle Funktionen über eigene, im Programm definierte Shortcuts angesprochen werden können, kann man wie bei so vielen Eigenschaften von Mailsmith darüber streiten, ob die mageren Schaltflächen ein Feature oder ein Nachteil sind.

Attachments sind in einem eigenen Reiter oberhalb der Mail untergebracht und werden mit der Vorgabe der POP-Einstellungen kodiert. Das nervt ein wenig, weil es doch günstiger wäre, hier direkt auf Windows kompatible Formate wie Base64 oder andere umschalten zu können. Eine Suchfunktion über Sherlock unterstützt das Anfügen der Dateien. Neben den Optionen Mail und Attachment gibt es noch ein extra Fenster für interne Notizen zur Mail.

Natürlich wird auch in Mailsmith die Eingabe der eMail-Adresse aus dem Adreßbuch automatisch komplettiert. Ebenso kann man bequem die Absender dem Adreßbuch per Kontextmenü hinzufügen. Etwas umständlich ist die Eingabe von Gruppen, die nur im Adreßbuch vorhandene User zum Einfügen anbietet. Hier wäre es sicherlich komfortabler, wenn man auch neue User hinzufügen könnte, die nicht im Adreßbuch verzeichnet sein sollen.

Mit einem mitgelieferten AppleScript kann man zwar sehr bequem doppelte Adreßbucheinträge löschen. Leider bietet Mailsmith aber keine eigene Aktion für den automatischen Eintrag aller eingehenden Mailuser in das Adreßbuch an. Zusammen mit der Funktion "doppelte Einträge löschen" würde sich so das Adreßbuch automatisch sauber füllen. Wie häufig bei Mailsmith kann man solche Funktionen aber mit AppleScript nachbilden und hat dann annähernd gleiche Funktionalität wie etwa in Outlook.

Textarbeiten Ebenfalls stark anpaßbar ist die Darstellung von zitiertem Text oder die Textformatierung insgesamt. Hierbei sieht man auch die Nähe zu BBedit, in der ähnliche Funktionen für die Modifikation von ASCII-Text zur Verfügung stehen. Unterstützt werden auch BBedit-Plugins, so daß sich extrem komplexe Textfunktionen einsetzen lassen.

Überhaupt ist die Textbearbeitung eine der Stärken von Mailsmith. Es kann nicht nur quotierten Text intelligent wieder umbrechen, sondern auch weiter einrücken oder ganz neu quotieren. In letzter Zeit übliche HTML-Ausgaben ignoriert Mailsmith komplett, zieht den Text raus und hängt das HTML als Attachment an die Mail, was User zu schätzen wissen, die von diesem überfrachteten Mailformat nichts halten und auch nicht mit ihm in Berührung kommen wollen.

Wahre Stärken Einige der wahren Stärken von Mailsmith liegen unter der Oberfläche. Das Programm ist komplett über AppleScript steuerbar. Diese Steuerung ist soweit ausgereift, daß sich das Programm sehr gut als Hintergrund-Programm einsetzen läßt und Entwicklern ermöglicht, Mailprozesse einfach in einer eigenen Oberfläche auszulagern.

Extrem mächtig im Funktionsumfang sind die zahlreichen Suchoptionen nach einzelnen Begriffen. Mailsmith verfügt nicht nur über ein starkes Grep (reguläre Ausdrücke), was Unix-User zu schätzen wissen, sondern kann auch über eine skalierbare unscharfe Suche (Fuzzy-Search) ähnliche Begriffe finden. Hinzu kommt noch eine externe Fenster-Suche, in der alle einzelnen Fundstücke in den Mails direkt angezeigt und markiert werden. Die Advanced-Suche bietet äußerst komplexe Abfrageoptionen, in denen bestimmte Bedingungen (Wenn, Und, Oder, Grep, Fuzzy uvm.) auch mehrfach und verschachtelt eingesetzt werden können. Diesen Funktionsumfang bietet derzeit kein anderes Mailprogramm auf dem Mac. Das Ergebnis wird konsequenterweise in einem extra "Query-Result-Fenster" angezeigt, das den gleichen Aufbau hat wie die Mailbrowser und somit ein bequemes Schieben und Bearbeiten der Suchergebnisse erlaubt. Dieses Feature habe ich bisher bei keinem Mailprogramm gefunden, und es ist deutlich mächtiger als eine einfache Fundliste mit Anzeige.

Filtern in Mailsmith

Filtern Ähnlich clever wie die Suche geht die Filterfunktion zu Werke. Während man etwa bei anderen Programmen die Bedingungen nachträglich zusammenklicken muß, kann man in Mailsmith die zu filternde Mail als Prototyp anklicken und bekommt ein bereits ausgefülltes Filterfenster mit allen möglichen Optionen vorgesetzt, das anschließend nur noch um Optionen erweitert oder verringert werden muß. Auch hier gibt es wieder ein sehr starkes Grep und eine unscharfe Fuzzy-Suche, die selbst den cleversten Spamer zur Verzweiflung bringen wird. Selbstverständlich können danach alle möglichen Aktionen ausgelöst werden, bis hin zur Aktivierung einer AppleScript Verarbeitung der gefilterten Mail. Leider unterstützt Mailsmith keine Mailinglisten-Regeln, die beispielsweise in Outlook sehr einfach das schnelle Umleiten von Mailinglisten ermöglichen.

Fazit Mit Mailsmith hat Bare Bones ein mächtiges Mailwerkzeug für den Poweruser aufgelegt, das extrem anpaßbar ist und einige Funktionen bietet, die sich in anderen Programmen nur schwer realisieren lassen. Einige komfortable Funktionen fehlen dafür oder lassen sich nur über AppleScript nachbauen. Wer allerdings mehrere 100 Mails am Tag frontal annehmen muß, wird sich über die ausgeklügelte Grep-, Fuzzy-Filter- und Suchfunktionen freuen.

Auch einfache Ansprüche werden in Mailsmith bedient. Jenseits poppiger Ikons gibt sich Mailsmith in der Oberfläche eher spartanisch, auch wenn es annähernd den gleichen Funktionsumfang bietet wie etwa Outlook. Warum man sich bei Bare Bones immer so schwer tut, die mächtigen Funktionen auch für Normaluser zu erschließen, bleibt ein Rätsel oder läßt sich vielleicht mit der Klientel erklären, die lieber selbst Hand anlegt und die offene Architektur zu schätzen weiß. Mit knapp 160 DM ist Mailsmith angesichts der Marktlage auch nicht gerade billig, BBedit-User (und registrierte Claris Emailer-, Eudora Pro-, QuickMail Pro-User ) können über ein Crossupdate Mailsmith für 120,- DM ergattern.

Infos: http://www.bbedit.com

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