ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 969

On The Firing Line

Autor: wp - Datum: 04.11.1999

Der Name "Amelio" hat für viele von uns noch immer einen schlechten Nachgeschmack; so stellt er für manche nur ein Versatzstück zwischen Sculley und Jobs dar (Michael Spindler wollen wir hier vernachlässigen); die Frage ist, ob er ein Post-Sculley-Artefakt oder ein Prae-Jobs-Prophet war... Schwierig zu klärende Frage, vor allem, wenn man Amelios Buch gelesen hat "On The Firing Line: My 500 Days At Apple" - und erst abschätzen muß, was an diesem Buch von Amelio selbst stammt und was von seinem "Co"-Autor William L. Simon. Wie wir wissen, hat das Memoirenschreiben unter gescheiterten Businessgrößen seine Tradition (auch Sculley hat es getan), und nicht selten ist es ein anklagendes Dreckwerfen eines Ausgestoßenen. Ob es in diesem Fall Dreck ist, und wenn ja, ob er vom Hund oder vom Rindvieh stammt, und ob der Ausgestoßene zu recht oder unrecht geächtet wurde kann man teilweise streiten. Wenn es allerdings um harte Fakten geht, muß man persönliche Emotionen beiseitelassen; es stellt sich heraus, daß Amelio mehr bewegt hat, als man glauben möchte...

* Unübersehbar sein Verdienst war die Verbesserung der Qualitätskontrolle. Als Amelio - der direkt von National Semiconductor kam - die Firma übernahm, war die Produktqualität eine fragwürdige, die letzten Modelle der unheilvollen Performa-Reihe wurden vertrieben, und die Entwicklungsabteilungen arbeiteten auf einer sorglosen, fast verantwortungslosen Ebene. Die bekannteste Episode zeigt die Entwicklung eines PowerBooks mit abnehmbaren & dehbarem Bildschirm, gedacht für Präsentationen. Das System funktionierte prächtig, nur war der schwere Teil des Geräts leider der Bildschirm, was zur Folge hatte, daß bei gewöhnlichem Laptop-Betrieb die Mühle einfach nach hinten kippte. Derartiges wußte Amelio abzustellen.

* Die Einschmälerung der Produktpalette, die oft Steve nachgesagt wird, stammt in Wirklichkeit ebenfalls von Amelio.

* Noch unter Michael Spindler gab es eine Marketingmethode namens "Channel Stuffing", einem Verfahren, in dem am Quartalsende die Apple-Marketingabteilung den Händlern auf einer Verkauf-oder-Retour-Basis mehr Geräte übergaben, als diese verkaufen konnten; die Händler konnten alle ihr Plansoll erreichen, und nach dem Quartal würden die unverkauften und inzwischen veralteten Geräte zurückkommen und mußten unter ihrem Wert verkauft werden. Auch hier griff Amelio ein.

* Schließlich war die Abtötung von Copland sowie einiger zukunftsloser Projekte Gils Verdienst - wohlgemerkt bewahrte er noch das Leben des Newton (dessen Kaltstellung Steves zweifelhaftes Werk war). Copland hätte Apples Next-Generation OS werden sollen. Leider sind die Entwickler nicht in der Lage gewesen, Preemptives Multitasking oder Memory Protection einzubauen - genau das, was dem MacOS gefehlt hätte.

Und damit sind wir auch schon am Ende des einstigen Apple-CEO angelangt, denn auf der Suche nach einer neuen OS-Strategie machte er Zwischenstopps bei Be (wo Jean Louis Gassée nicht besonders gut wegkommt) und sogar bei Microsoft (MacOS auf WinNT-Basis!!) und landet schließlich - bei NeXT.

Die Steve-Episoden kommen wohl am emotional schwülstigsten herüber, vor allem, da er als herrschsüchtiges Genie mit schizophrenem Einschlag dargestellt wird: im einem Moment nett und freundschaftlich, im nächsten unberührbar und eiskalt. Steve hat Amelio den Kopf gekostet, und wenn man seinem Buch trauen darf, so haben ihn andere Menschen vor Steve gewarnt. Amelio hatte keine Chance. In dem Moment, als Steve in die Firma eintritt, ist sein "Schicksal besiegelt".

Während Steve also eindeutig schlecht charakterisiert wird, erkennt Amelio in Bill Gates wenig Schlechtes, und das, obwohl sogar die hier beschriebenen Episoden gegen Bill sprechen. Das war wohl eines der Hauptprobleme von Amelio: eine gewisse Naivität im Umgang mit beinharten Businessleuten, und eine eher schwache Menschenkenntnis; das belegt z.B. das Faktum, daß Amelio der einzige CEO in der Geschichte Apples war, der in Anzug und Krawatte in Cupertino eingezogen war - obwohl er bald gelernt hat, daß das beinahe unsittlich im Apple-HQ ist.

Solche Geschichten sind wohl auch der Punkt, der dieses Buch zu einem Muß für Apple-Fans macht; ein anderer Punkt wären die zahlreichen kleinen Anekdötchen mit Größen des öffentlichen Lebens (so z.B. eine kleine Episode, in der Whoopi Goldberg während eines Lieferengpasses in Cupertino anruft und ein PowerBook für ihren Neffen kaufen will und sich am nächsten Tag mit Rosen bei Amelio bedankt).

Noch eines hatte Amelio nicht, was Steve hat: das entsprechende Charisma und die nötigen Star-Allüren, um die wohl berühmteste Firma des Silicon Valley entsprechend ihrem Image zu repräsentieren. Das ist wohl auch der Grund, aus dem wir Steve gegen niemanden eintauschen wollen.

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