ARCHIV 1999-2006

ARCHIV :: # 974

John Sculley - Meine Karriere bei PepsiCo und Apple

Autor: wp - Datum: 20.04.2000

Sculley - für viele Macintosh-Freaks der Mann, der an allem schuld ist. Wieviel Verantwortung für die "dunklen Jahre" hat der ehemalige Shooting-Star von Pepsi Cola wirklich gehabt? Wie kam er zu dem Unternehmen, das auch ohne Funktionsbezeichnun g dem Schattenkönig Steve gehorchte? Über diese Fragen und eine Menge mehr gibt dieses Buch Aufschluss - und ist darüberhinaus sehr lustig.

Das Buch führt bis zum Bruch mit Jobs 1985 und noch zwei Jahre weiter, endet also 1987 und ist somit kein aktuelles Werk. Aber die Prognosen des Top-Managers Sculley zu lesen und an der Realität zu messen, die folgte, ist sehr amüsant.

Im ersten Teil des Buches beschreibt Sculley zusammen mit seinem Co-Autor John Byrne die Zeit bei Pepsi Cola, wo er bereits in den Startlöchern stand für die Nachfolge an der Spitze des Konzerns. Die ersten faszinierenden Treffen mit jungen, aufstrebenden Computerpionieren aus Silicon Valley reissen ihn aus seiner Welt der meetings in dunklen Anzügen. Zwischen halbgegessenen Pizzen in Großraumbüros in den Hügeln von Cupertino begeistern ihn die Perspektiven, die Steve Jobs ihm vorzeichnet. Sculley soll den wirtschaftlichen Vorbau liefern und den Manager spielen, während Jobs die Innovation übernimmt und sich um die Produkte kümmert. Sculley nimmt das Angebot an, obwohl es finanziellen Verlust bedeutet. Chronologisch handelt er die Ereignisse ab, die ersten Erfolge mit dem Apple II und den Wirbel um den Werbespot "1984", die Differenzen und das Ausscheiden von Steve "the WOZ" Wozniak. Einige Bereiche läßt er unausgeleuchtet, beispielsweise wird die Frage einer OS-Lizensierung nur kurz gestreift.

Die Konflikte mit Steve Jobs sind sehr emotionell geschildert, tränenreich und subjektiv - doch was erwartet der Leser anderes? Das Bild eines egozentrischen Menschen, der seine Fehler kennt und sich dennoch nicht von ihnen löst, wird verstärkt. Sculley kommt aus der Schule eines Großkonzerns, Jobs betrachtet diese als seine Feinde. Er zerstört Gesprächsrunden mit potentiellen Partnern, weil er gleich zu Beginn einer Besprechung durchaus treffend analysiert, "wieso bei euch nichts läuft und ihr es wieder nicht schafft". Nach einer anfänglich engen Freundschaft beherrscht die Konkurrenz das Verhältnis zwischen dem Firmengründer und dem Manager. Immer wieder sickert durch, dass die Computerbranche jemanden nicht akzeptieren will, der "nur Zuckerwasser in Flaschen füllt" - wie es Guy Kawasaki einmal ausgedrückt hat. Das Management verlangt von Sculley, hart gegen Jobs vorzugehen, der Projekte hintertreibt - schlussendlich entfernt der Vorstand den Visionär von allen Funktionen. Jobs verläßt Apple und gründet NeXT, wobei auch hier nochmals die Fetzen fliegen, weil entgegen allen Abmachungen wichtige Mitarbeiter mit ihm ziehen. Das Häufchen Getreuer wird verklagt, der Konflikt in der Öffentlichkeit ausgetragen.

Sculley schafft die Ausdünnung der Produktpalette nicht, hat Probleme mit den Händlern und verliert Verhandlungen mit Microsoft. Ohne Jobs und Wozniak ist es nur mehr eine Firma wie jede andere auch - der Zauber ist fort. Gegen Ende will Sculley dann wieder Optimismus verbreiten, der 1987 nicht wirklich begründet war - und mit dem Auftreten von Michael Spindler beginnt sich das Blatt gegen Sculley zu wenden. Um die Wissenslücken zu schließen, wären noch Bücher von Spindler und Jobs notwendig - wer weiß, ob sie je geschrieben werden. Zumindest Steve Wozniak hat letzte Woche wieder beteuert, doch einmal seine Memoiren niederlegen zu wollen.

Sculleys Buch ist eine faszinierende Geschichte über den Kampf verschiedener Management-Schulen und vor allem um Macht in einem Bereich, der sich schwer an genauen Funktionen festmachen lässt. Hoch gestiegen, um wieder tief zu fallen - in Zeiten wie diesen, wo Apple ein prosperierendes Unternehmen unter dem gefeuerten Steve Jobs ist, eine herrliche Lektüre.

Genauso wie Sculley jedes Kapitel mit Schlussfolgerungen und lehrreichen Weisheiten schließt, muß auch ich eine finale Verneigung machen: Den guten Menschen von MacBooks.de ist es zu verdanken, daß dieses Buch wieder erhältlich ist. Über Jahre hinweg war es vergriffen und wird nun wieder der Macintosh-Gemeinde zugänglich gemacht, weil ein Restposten ergattert wurde. So lässt sich der Wert eines kleinen Buchhändlers auch in Zeiten von Amazon-Riesen ermessen.




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